Ein neues Album des The Weever Sands Projekts steht kurz bevor und so bot es sich an, mit dem Protagonisten ein nettes Gespräch in der Bonner Harmonie zu führen. Später gesellte sich auch Gitarrist Armin Rave hinzu.
Kannst du für diejenigen, die The Weever Sands noch gar nicht kennen, zunächst einmal zusammenfassen, was bisher veröffentlicht wurde, und vielleicht zu jedem Album eine kurze Beschreibung liefern? Welches war das bisher Erfolgreichste?
Danke für diese großartige Interviewmöglichkeit, das passt wirklich ideal: Denn wir feiern dieses Jahr erfreulicherweise ein Jubiläum, fünf Alben in zehn Jahren! Angefangen haben wir 2016 mit "Keep Your Face Turned To The Light", einem Album, das den weiteren Weg schon ganz gut vorzeichnet, weil es viele Stilelemente und Charakteristika unserer Musik im Kern schon enthält. Ich würde dazu drei Dinge besonders hervorheben:
Zum einen sind unsere Stücke immer wie Miniaturen angelegt, unabhängig von ihrer Länge oder der Zahl an Mitwirkenden. Das bedeutet, dass wir immer vom einzelnen Ton her denken, also vom kleinsten existierenden Ausgangsmaterial, in der Regel fangen die Stücke dann auch mit ganz wenigen Tönen an und entwickeln sich. „Miniatur“ meint aber auch, dass die Tracks vom Klang her immer transparent und klar sein müssen, „durchhörbar“, wie man so sagt, fast ein bisschen zerbrechlich vielleicht. Den Begriff „powerful miniature“ hat Mike Oldfield in einem ganz frühen Interview in den 1970er Jahren benutzt als Antwort auf die Frage, wie seine Band wohl wäre, wenn er eine hätte. Das hat mich sehr beeindruckt und ist zur Leitlinie für The Weever Sands geworden.
Zum anderen arbeiten wir mit musikalischen Collage-Techniken, die in der Breite über Frank Zappa von der frühen experimentellen Musik in den Rock gekommen und dann im Hip Hop populär geworden sind. Viele der Tracks nutzen Klangsamples (Stimmen/Alltagsgeräusche, Loops, sonstige musikalische Bausteine etc.), die in den Tracks dann oft wichtige Strukturelemente sind. Ich bin Mitglied der Arf Society (die deutsche Zappa-Gesellschaft), und auch wenn unsere Musik nicht nach Zappa klingt, ist der Einfluss an dieser Stelle sehr groß.
Schließlich würde ich sagen, dass die heutige extrem große Stilbreite im ersten Album auch schon angelegt war. Wir beschreiben uns ja heute als sog. Post Progressive Projekt, das fast alle Musikarten integriert, und man kann von typischen Prog-Elementen wie besonderen Akkordwechseln, Polyrhythmen und schnellen Soli über Electro Funk, Jazz , Progressive Folk, Minimal Music und Ambient auch auf dem Debüt schon alle möglichen Stile finden. Wer möchte, kann zum Beispiel einmal in 'Counts Of Corduroy' (mein persönlicher Favorit) oder die anderen Stücke des ersten Albums hineinhören, dort sind diese ganzen „Zutaten“ auf die eine oder andere Weise zu hören.
2020 ging es dann weiter zu "Stylobat’s Travels". Das war ein wichtiger Schritt, aus vielen Gründen. Auf dem ersten Album sind zehn voneinander unabhängige Stücke, auf "Stylobat’s Travels" sind es nur noch vier, in der typischen Verteilung aus dem klassischen Progressive Rock, die auch der Logik des LP-Zeitalters mit seinen zwei „Plattenseiten“ folgt: ein langes Stück, einige wenige kürzere. Das Album erzählt jetzt auch eine (vage skizzierte) Geschichte, inspiriert durch das Wortspiel des Titels: „Stylobat“ bezeichnet altgriechisch eine Grundplatte eines Tempels, bei uns wird eine gut gekleidete Fledermaus daraus, die sich in Griechenland auf die Suche nach ihrem Sweetheart macht und am Ende zur Akropolis gelangt (Ausgang offen). Immerhin ist das die Vorstufe zu einem richtigen Konzeptalbum. Viel wichtiger war aber: Nachdem das Debut noch fast vollständig digital produziert war, haben wir mit Daniel Geal (Stimme), Armin Rave (E-Gitarre) und Geo Schaller (Flöte) drei Musiker dazugewonnen, die das Projekt seitdem prägen. Dans großartige südenglische Stimme nutzen wir als Sprechstimme, von ganzen Hörspielteilen bis zu einzelnen Sätzen oder Worten, auf dem neuen Album wird er wieder sehr prominent zu hören sein. Zu Armin Rave später noch mehr, aber man muss erst einmal etwas zu Geo Schaller sagen, auf dessen Label in Köln auch unsere Alben erscheinen. Geo ist seit langer Zeit eine prägende Figur im deutschen Musikbusiness, hat sehr viel Musik zu Filmen und lange laufenden Fernsehserien geschrieben, und als Komponist, Re-Mixer oder Produzent an hoch dekorierten Alben von Yarinistan, Such A Surge oder den Guano Apes mitgewirkt. Vor allem aber ist er ein grandioser Musiker, der Flöte und Saxofon beherrscht und auf allen Alben seit "Stylobat’s Travels" mit aus meiner Sicht eindrucksvollen Soli zu hören ist.

2022 kam dann "Secrets Of The Pecking Order", ein echtes instrumentales Konzeptalbum über die schlimme Woche eines Fasans, der von Liebeskummer über berufliche Probleme und Behördenärger alles erlebt und am Ende sein Leben ganz überdenken muss. „Does Humor belong in music?“, heißt ein Zappa-Album. Antwort aus meiner Sicht: Ja! Sieben Tage, sieben Tracks, viel Satire, Hörspiel, Canterbury Sound, Acid Folk, Retro-Synthesizer und tolle Gäste. Tiere spielen übrigens immer eine wichtige Rolle auf den Alben (schon im Namen des Projekts: „Weever“ sind im deutschen die sog. Petermännchen, kleine giftige Fische in der Atlantikbrandung), weil wir uns damit in Richtung des klassischen Prog der 70er Jahre verbeugen, in dem Tiere zentral sind ("Animals" von Pink Floyd oder "The Hare Who Lost His Spectacles" von Jethro Tull sind nur zwei von endlos vielen Beispielen, es gibt dazu einen Text auf unserer Webseite).
»Das Album war bei verschiedenen Internet-Radiostationen Album der Woche, Album des Monats und sogar Album des Jahres«
Schließlich fehlt noch "Moonfish. Songs Of Love And Water" von 2024, (noch) unser aktuelles Album. Es enthält nur drei lange Stücke und macht das minimalistische Prinzip sehr stark, auch wenn man das vielleicht gar nicht so wahrnimmt. Es geht dem Titel entsprechend um Wasser, und die beiden jeweils neun Minuten langen „Flussstücke“ beruhen auf einem 6-sekündigen Glockenspielmotiv, das fast 30 minütige Titelstück, das den Tag eines Mondfischs verfolgt, auf einer 90-sekündigen Akkordfolge. Trotzdem passiert extrem viel auf dem Album: Von Hip-Hop Elementen bis zu klassischer Musik ist fast jeder Stil vertreten. Das Album war bei verschiedenen Internet-Radiostationen Album der Woche, Album des Monats und sogar Album des Jahres und ist auch in einschlägigen Magazinen, ja auch in Betreutes Proggen, freundlich aufgenommen worden, es ist sicher das erfolgreichste bislang. Wir haben uns über diese großartige Unterstützung natürlich sehr gefreut und schreiben die gute Aufnahme vor allem den beteiligten großartigen Musikerinnen und Musikern zu.

The Weever Sands ist dein persönliches Projekt, durch Mitmusiker unterstützt. Ist es ein reines Studioprojekt oder kannst du dir vorstellen, dass daraus auch mal eine Band mit festem Line-up entsteht, die dann auch live auftritt?
Ehrlich gesagt: Bis auf weiteres nein. Die Musik ist vom Konzept her so, dass sie sich außerhalb der Gastbeiträge aus vielen meist ganz kleinen Einzelstimmen zusammensetzt, oft nur aus ein paar Tönen bestehend. Natürlich kann man das technisch lösen für ein Live-Setting, aber das Verspielte und sehr an der detaillierten Studioarbeit mit unserem Kölner Produzenten Moritz Maier Orientierte passt im Moment noch besser für ein reines Studioprojekt. Aber wie bei James Bond und im Fußball: Sag niemals nie. Wer weiß?
Im Herbst, am 22. Oktober, wird das neue Album von The Weever Sands, "Light Crawls By Like Mercury", erscheinen. Fangen wir mal mit dem Cover an. Wie wird es aussehen, und gibt es eine Verbindung zum Albumkonzept? Worum geht es denn auf diesem Album – oder sind es separate Tracks, die nichts miteinander zu tun haben?
Für die Leserinnen und Leser von Betreutes Proggen hier gern exklusiv vorab das Albumcover, es war bislang noch nicht veröffentlicht. Das Tier, das diesmal im Mittelpunkt steht, ist die Krähe. Wie alle unsere Cover ist auch das von den Covern der klassischen Prog-Ära inspiriert (insbesondere von den Genesis-Alben) und wesentlich von der Kölner Künstlerin Esther Brückner gestaltet. Esther kommt ursprünglich vom Modedesign und hat den präzisen Blick fürs Detail. Sieht man alle Cover nebeneinander, dann erkennt man das gut. Ansonsten trägt der visuelle Auftritt des Projekts – die Webseite, Videos, auch Teile der Cover und die CD-Graphiken –, die Handschrift unseres Designers Martin Oloff, auch er ist aus Köln. Von ihm stammt auch die mysteriöse Kugel aus Licht und Quecksilber, die die Krähe betrachtet.
Das Album dreht sich um das Thema „Veränderung, Wandel, Entwicklung“ und alles, was damit zusammenhängt. Der Titel enthält mit 'Light' wegen des Jubiläums eine bewusste Verbindung zu unserem Debütalbum. Er stammt aus einem Science Fiction-Roman von Orson Scott Card aus den 1980ern, aus dem berühmten Enders-Zyklus, und repräsentiert das Zusammenfallen von Zeit und Raum, die ultimative Veränderung, wenn man so will. Tatsächlich gehören die Stücke des Albums alle zusammen, teilweise offensichtlich, teilweise eher versteckt. Ich würde sagen, wir haben eine Art „offenes Konzeptalbum“ gemacht. Es erzählt keine durchgehende Geschichte wie „Secrets Of The Pecking Order“, aber verfolgt auf verschiedene Weise ein Thema.
Musikalisch sind alle fünf Stücke gleich aufgebaut: Alle basieren auf zwei durchgehenden langen Noten, die sich das ganze Stück nicht verändern, gedanklich vielleicht wie so ein Generalbass in der Barockmusik, aber eben radikal zugespitzt. Das heißt aber nicht, dass man die Töne die ganze Zeit hört. Manchmal stecken sie nur in den Harmonien, aber bei zwei Tracks sind sie die ganze Zeit tatsächlich auch zu hören.
Die drei mittleren Stücke, die Tracks 2-4, gehören auch inhaltlich eindeutig zusammen. Auf dem langen Titelstück, Track 3, ist im Mittelteil die Rap-Größe Serengeti aus Chicago mit einem sehr intensiven, teilweise enigmatischen Text über Veränderung und Selbstbehauptung als Künstler und Mensch zu hören. In Track 2 haben wir mit Terry Oldfield an Stimme und Flöte ein Gedicht des amerikanischen Nationaldichters Robert Frost und in Track 4 mit der bretonischen Sängerin Bleunwenn Mevel ein Gedicht der modernen bretonischen Dichterin Anjela Duval (gestorben 1981) vertont. Beide Gedichte thematisieren die Begegnung eines Menschen mit einer auf einem Baum sitzenden Krähe. Resultat ist jedes Mal eine neue Perspektive für den Menschen…
Eingerahmt werden die drei Tracks von zwei Stücken, die Wechsel und Veränderung jeweils über die Musik thematisieren. Das Album beginnt mit einem Track im 7/8-Takt (eine kleine Verbeugung vor dem Anfang von "Tubular Bells" von Mike Oldfield), der im Kern nur aus einem Akkord besteht und zwischen Dur und Moll hin- und herwechselt. Hier kündigt Dan Geal auch das Bauprinzip der Albumstücke an: „Welcome and watch out: Everything you hear on this album is just a double note drone!“ Und zum offiziellen Abschluss des Albums gibt es ein ziemlich unterhaltsames Fake-Live Stück, dazu später mehr….
Wie weit fortgeschritten sind denn die Arbeiten am Album? Wie muss man sich den Ablauf allgemein vorstellen?
Das Album an sich ist fertig, Artwork, Webseite, Videos etc. brauchen noch ein bisschen. Aber alles einschließlich der CD wird zum Release am 22. Oktober fertig sein.
Allgemein funktioniert der Prozess so, dass ich auf Gitarre und Klavier Ideen sammle und sie dann mit „in den Computer“ nehme und digital ausarbeite. Parallel dazu entstehen das Konzept für das Album und das passende Artwork sowie die Ideen für die Gäste, manchmal inspiriert durch die Musik, manchmal umgekehrt, meistens ist es eine Wechselwirkung. Mit den Rohfassungen der Tracks gehe ich dann ins Studio zu Moritz nach Köln, dann beginnt die ziemliche anspruchsvolle Phase, die Tracks im Dialog mit Moritz zu produzieren, manches noch zu verändern, anzupassen, manchmal auch umzuschreiben, und die Gastbeiträge einzubauen. Gerade Letzteres ist ziemlich anspruchsvoll, weil man üblicherweise von den Gästen aus der ganzen Welt (Terry lebt in Australien, Bleunwenn in Frankreich, Serengeti, Dyanne und Jan leben in den USA) digitales Material bekommt, das man dann oft noch etwas verändern und dabei zugleich als eigenen künstlerischen Beitrag respektieren und bewahren muss, immer eine Gratwanderung. Danach macht Maik Lange in Karlsruhe daraus im Mastering dann die endgültige CD-Vorlage. Das alles kann sich ziemlich hinziehen, weil die Musik ja aus vielen kleinen Elementen aufgebaut ist, das Titelstück von „Moonfish“ hat, glaube ich, über 100 Stimmen. Und ich brauche oft lange, bis ich ganz zufrieden bin…

Welche musikalischen Gäste unterstützen Dich?
Neben Dan Geal, Armin Rave und Geo Schaller, über die ich schon sprach, haben wir auch diesmal weitere sehr hochkarätige Personen dabei, so viele wie nie zuvor: Terry Oldfield, Serengeti, Bleunwenn Mevel, Dyanne Potter, Jan Christiana und Ally Storch. Ich bin jedenfalls sehr, sehr dankbar für diese Zusammenarbeit und habe von diesen großartigen Musikerinnen und Musikern enorm viel gelernt!
Wie kamen die Kontakte zu Terry Oldfield und damals zu Les Penning zustande?
Leslie konnte aus persönlichen Gründen diesmal nicht dabei sein, ist aber auf den beiden Vorgängeralben zu hören. Und Terry ist jetzt das zweite Mal dabei. Bei beiden war es so, dass ich sie vor dem Hintergrund meiner Affinität zur Musik der Oldfield-Familie und den zwei zuvor veröffentlichten Alben einfach gefragt habe. Terry und Les kennen sich ja von der Arbeit an Mike Oldfields „Ommadawn“ (1975), für mich ein extrem wichtiges Album. Beide waren gern bereit, das macht mich natürlich sehr stolz. Les, ein überaus freundlicher Mensch, hat ein, wie ich finde, zeitlos schönes Solo auf 'Sunday' von „Secrets Of The Pecking Order“ geschrieben, das verschiedene Spieltechniken mit einer zum Albumthema passenden Vogelruf-Ästhetik kombiniert, und Terry nutzt auf "Moonfish" eine Bansuri-Flöte, um sehr eindrucksvoll und atmosphärisch Walgesang zu illustrieren. Auf dem neuen Album hört man Terrys tiefe, ruhige Stimme bei der Lesung des Gedichts von Robert Frost und anschließend seine Konzertflöte. Sein Solo ruft bei mir Erinnerungen an "Incantations" von Mike Oldfield wach, ohnehin eine wichtige Inspirationsquelle für das jetzt kommende Album. Ein tolles Erlebnis, mit ihm zusammenzuarbeiten, und auch das Doppelinterview zu "Moonfish", das er und ich vor zwei Jahren bei eurem Kollegen Larne Peters von „Progalley“ geben durften, werde ich nie vergessen.
Es gibt bretonischen Gesang auf dem Album – warum der Ausflug ins Bretonische? Wie kam der Kontakt zustande? Und was hat es auf sich mit deiner Bekanntschaft mit Claude Mignon von Seven Reizh?
Die keltische Musiktradition im weitesten Sinne ist ja schon immer ein Einfluss für mich gewesen (offensichtlich auf 'Wednesday' von "Secrets Of The Pecking Order"). Ich verbringe wann immer möglich einen Teil des Jahres in der Bretagne ("Moonfish" ist davon inspiriert und zum Teil auch dort geschrieben) und verfolge die großartige bretonische Band Seven Reizh schon länger – bis mir irgendwann auffiel, dass ich noch nie nachgesehen hatte, wo genau sie in der Bretagne verortet ist. Es stellte sich heraus: Wir waren all die Jahre nur eine Viertelstunde voneinander entfernt. Claude und ich haben uns dann kennengelernt und gleich gut verstanden. Er ist ein sehr netter und hoch interessanter Mensch und ein überragender Musiker und Komponist. Weil ich die bretonische Sprache (eine vergleichsweise „junge“ keltische Sprache, so etwa 1.500 Jahre alt) wunderschön finde, wollte ich für das neue Album ein bretonisches Gedicht vertonen, „Here“ (das bedeutet „Einsäen“) von Anejela Duval, vielleicht so etwas wie eine moderne bretonische „Nationaldichterin“, es gibt tatsächlich zwei Denkmale von ihr in der Bretagne. Claude hat mir dann dankenswerterweise den Kontakt zu Bleunwenn Mevel hergestellt, mit der er bei Seven Reizh gearbeitet hat. Bleunwenn ist eine angesehene Sängerin in Frankreich, hat etwa mit Tri Yann und ihrem eigenen Projekt Vindotale gearbeitet, aber jüngst auch mit Francis Cabrel. Ihre Stimme ist wunderschön, eher tief, aber kristallklar. Anejela Duvals Gedichte transportieren inhaltlich oft Einfachheit, Ruhe, Naturnähe und Einkehr, haben sprachlich aber immer wieder auch komplizierte Aspekte, z.B. Neologismen, die den Willen auch zur (bretonischen) Selbstbehauptung spiegeln. Ich habe das Stück dem Naturbezug entsprechend in der klassischen Pastoraltonart F-Dur und wie ein einfaches Volkslied angelegt, es aber wegen der Eigenwilligkeit der Dichterin zusätzlich mit einer kleinen musikalischen „Ecke“ versehen.
Wir konnten dann die wunderbare Ally Storch für den Geigenpart gewinnen, den ich für das Stück unbedingt haben wollte, und das war wirklich großartig. Ally ist ja eine der prominentesten deutschen Geigenstimmen mit bekanntlich starken Verbindungen in die progressive Musik (etwa bei Subway to Sally oder Haggard). Ich glaube, ihre Virtuosität ist unbegrenzt, aber in der Gedichtvertonung ging es vor allem um Ausdruck und Innigkeit. Natürlich bin ich befangen, aber mich berührt das zerbrechliche und gleichzeitig hymnische Violinen-Duett, das sie geschrieben hat und das die Gesangsmelodie mit verschiedenen Spieltechniken verarbeitet, immer wieder aufs Neue.
Eine weitere Besonderheit ist das Mitwirken eines Hip Hop Künstlers – wie das?!
»Wir sind ja ein Post-Progressive-Projekt, d.h. wir integrieren potenziell alle Stile und versuchen, etwas Neues und Interessantes daraus zu machen.«
Für mich ist das eigentlich nur eine organische Weiterentwicklung des Bisherigen. Wir sind ja ein Post-Progressive-Projekt, d.h. wir integrieren potenziell alle Stile und versuchen, etwas Neues und Interessantes daraus zu machen. Zudem gibt es über das Minimalistische und Repetitive und die Verwendung von Sampling-, Hörspiel- und Collagetechniken schon immer eine Art natürliche Nähe von The Weever Sands zum Hip Hop. Und schließlich sind die Grenzen zwischen den Genres ja ohnehin fließend. Ich verehre zum Beispiel sehr das ehemalige Projekt „Buckshot LeFonque“ von Branford Marsalis, in dem er Jazz, Funk, Hip Hop und Rock kombiniert, u.a. mit dem Gitarristen Buckethead, den man ja auch im progressiven Rock und Metal kennt. Vor diesem Hintergrund war es jetzt einfach der nächste logische Schritt, nachdem wir ja auch schon früh Electro Funk gemacht und auf "Secrets Of The Pecking Order" und "Moonfish" Sprachsamples mit einer Hip Hop-Ästhetik verwendet hatten. Trotzdem kam natürlich kein Mainstream Hip-Hop in Frage, und so haben wir jetzt mit dem oben schon genannten Serengeti aus Chicago eine Ikone des US Hip Hop-Underground an Bord. Auf dem Stück, 'Burn The Road', das als Mittelstück des langen Titelstücks fungiert und das es auf dem Album auch in einem erweiterten Single Edit enthalten ist, fusionieren wir dann Rap, Funk, Prog und Spacerock. Zu hören ist dort auch Geo Schaller und dessen großartiges Tenor-Saxophon der Firma Selmer, das er, so hat er mir erzählt, Mitte der 1970er-Jahre in Paris gekauft hat.
Was sind die wesentlichsten Änderungen in den Kompositionen und der Herangehensweise im Vergleich zu den früheren Werken?
Wir haben den Minimalismus noch weiter radikalisiert, aber ich vermute, das nimmt man gar nicht so wahr. Eher im Gegenteil: Die Stil- und Klangbreite war immer groß bei uns, aber jetzt ist sie noch gewachsen, weil das erste Mal Gesang und Rap auf dem Album sind, dazu ein Fake Live Stück (mehr dazu gleich) und noch mehr Gäste und damit neue Klänge wie Bleunwenns Bretonisch, Allys Violine und Hip Hop-Scratching-Techniken, ohne unsere bisherigen Stilmittel wie Sprach- und Geräuschsamples, Spoken Word Passagen, Hörspielelemente, Literaturbezüge, sehr viele verschiedene Klänge und die Freude am ekstatischen Prog-Solo aufzugeben. Neu ist auch, dass wir in der Produktion stark mit einer räumlichen Tiefenstaffelung bei der Platzierung der Instrumente gearbeitet und so ein besonders warmes Klangbild erreicht haben. Ich meine aber, die größte Änderung ist, dass wir zwar die oft hervorgehobene positive und freudige Ausstrahlung der Musik vor allem im Eröffnungs- und Schlussstück bewahren konnten, aber dass sich doch teilweise auch eine gewisse Melancholie vor allem in den mittleren, thematisch eng verbundenen Tracks Raum verschafft hat. Veränderung ist gerade in diesen Zeiten ja nicht unbedingt nur mit positiven Dingen verbunden, und Track-Titel wie 'Seeing Through The Psyche-Out' (ein Zitat von Jeffrey Eugenides) haben definitiv auch einen düsteren Aspekt. Insgesamt würde ich bei aller Befangenheit sagen: Das Album passt gut in den „Weever-Sands-Kosmos“, aber weil es um Veränderung geht, muss sich richtigerweise auch unsere Musik weiterentwickeln.
Armin Rave, ebenfalls am Tisch, ist schon lange involviert – wie kam es zu dieser Zusammenarbeit (er kommt aus der Metal-Schiene) und was ist sein Einfluss auf die Musik von The Weever Sands?
Der Anfang ist ganz schlicht: Armin ist Gitarrist, Komponist und Produzent, kennengelernt habe ich ihn im „City Music“ in Bonn, einem coolen Gitarrengeschäft, in dem er zusätzlich regelmäßig arbeitet. Wir kamen ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass wir beide ein bestimmtes Solo von Mike Olfield verehren: das auf "Discovery" von 1984. Das Solo hat alles: Speed, Style, verschiedene Spieltechniken, fantastischen Klang, und vor allem ist es songdienlich. Ich habe ihn dann gefragt, ob er Zeit und Interesse hat mitzuwirken, und nun ist er schon das vierte Mal dabei. Er würde das sicher zurückweisen, aber ich halte ihn für genial. Er kommt ja aus dem Technical Death Metal (mit seiner Band Pavor hat er hier Maßstäbe gesetzt), der starke Bezüge zum Prog hat, und kann handwerklich gesehen einfach alles spielen. Er schafft es aber immer, bei aller Virtuosität vor allem das Songdienliche in den Vordergrund zu stellen. Alle seine Soli für The Weever Sands sind eben auch eigene Kompositionen, die Themen und Motive aus den Tracks aufnehmen, zitieren, variieren. Dazu ist der Klang überragend: Klar, voller Energie und genau passend zu den Tracks, was nicht trivial ist: Unsere Musik bietet ja kein Bett aus fetten Bässen oder Drums, und die Gefahr, das Stück mit einem Gitarrenbrett zu erschlagen, ist da theoretisch immer gegeben. Armin gibt uns, wenn man so will, das Rockige im Prog, das wir bei aller Verspieltheit unserer Musik auch immer haben wollen. Ich empfehle zum Start sein Solo auf 'Tuesday' von "Secrets Of The Pecking Order" oder dann eben das für mich grandiose Solo auf dem Titelstück des neuen Albums, das teilweise stark an Oldfields Gitarren auf "Incantations" erinnert.
Was sind deine musikalischen Vorbilder, und welche finden sich am ehesten auf die eine oder andere Weise in deiner Musik wieder?
Es gibt wahrscheinlich buchstäblich hunderte von Einflüssen für mich (vom klassischen Prog bis zum Hip Hop), aber ich glaube, es ist klar, dass die ganze Oldfield-Familie der bei weitem wichtigste ist. Ich persönlich kenne keine Musik, die so sehr Zerbrechlichkeit mit Stärke zu etwas Einzigartigem verbindet. Trotzdem versuchen wir natürlich, etwas Eigenständiges zu machen, aber die Wertschätzung für den einzelnen Ton, das Konzentrierte, Langsame und Minimalistische, die Transparenz der Klangbilder, das Miniaturhafte und trotzdem Energiegeladene, die Offenheit für viele Einflüsse, die es in der Oldfield-Musik gibt – ich meine oder hoffe jedenfalls, dass man das immer wieder auch in unserer Musik ein bisschen so wahrnehmen kann, auch wenn wir die Meisterschaft der Vorbilder natürlich nicht erreichen.
Wenn du das neue Album in einem Satz beschreiben müsstest, wie würde dieser lauten? Und welche der üblichen Schlagwörter würdest du benutzen, wenn es um eine Kategorisierung geht, die dem Leser helfen soll, eine grobe Idee zu haben, um was es geht?
Vielleicht könnte man es irgendwie so probieren:
Eine Klangreise zum Thema „Veränderung“ durch die Welt der progressiven Musik, die an vielen verschiedenen Orten und Stationen Halt macht und zur Entdeckung ungewöhnlicher Sounds und großartiger Musiker einlädt.
Ansonsten gebe ich hier mal nüchtern und ungeordnet die Tags von Bandcamp für The Weever Sands wieder, die tatsächlich das Spektrum von Post Progressive ganz gut abbilden: Minimal, Folk/World/Country, Funk, Hip-Hop, New Age, Progressive Rock, Acid Folk, Klassische Musik, Electronica. Auf ‚Moonfish (Opah)‘ vom letzten Album ist alles in einem langen Stück vereint.
Was hat es mit dem Fake-Live Song am Ende des Albums auf sich?
Ich hatte ja schon von den Zappa-Einflüssen berichtet, und bei Zappa gibt es ein Konzept, das mich schon immer fasziniert hat. Er nennt es Xenochrony und beschreibt damit im Kern die freie Kombinierbarkeit von Elementen egal welchen inhaltlichen und zeitlichen Ursprungs, um damit ein neues Stück Musik zu schaffen. Im Live-Bereich hat er oft verschiedene Elemente aus verschiedenen Stücken, Daten, Orten und Auftritten kombiniert und oft noch Studio-Material dazu genommen, um einen Live-Eindruck zu erzeugen, den es tatsächlich so nie gab. Es ging aber nicht darum, hier eine Illusion zu erzeugen, sondern das war die bewusst genutzte künstlerische Arbeitsform. Wenn man so will, ist das die finale Zuspitzung einer alten Idee: offen die Energie oder den Spaßfaktor eines Live-Settings zu nutzen, das nicht existiert. Man kann Applaus oder ein tobendes Publikum auf Studioalben schon bei Tony Bennet, später dann zum Beispiel bei The Seeds oder Guns N’ Roses hören, und The Flaming Lips haben das Offensichtliche durch ein angebliches Konzert auf der ISS dann auf die Spitze getrieben. In diese unterhaltsame Tradition wollte ich auch, schon deshalb, weil unsere Musik wie gesagt ja gerade eher nicht für den Live-Auftritt gedacht ist.
Das Album endet deshalb mit einem fiktiven Konzert an einem nicht existierenden Datum in einer nicht existierenden Londoner Arena und kombiniert einen sogar ein kleines bisschen von Al Jarreau-inspirierten digitalen Prog-Folk-Funk-Track mit einer in Köln eingesprochenen Tonspur, in Chicago aufgenommenen Soli, freiem zusätzlichem Material wie Stimmsamples und einem aus Soundspuren zusammengestellten Publikum, das auf das „reagiert“, was auf der fiktiven Bühne passiert. Gleichzeitig nutzen wir den Track als Vehikel, unsere Verehrung für die Rockgeschichte zum Ausdruck zu bringen: Der halbe Text, den Dan Geal mit spürbarer Freude in seinem Ansagen vorträgt, besteht aus echten oder abgewandelten Zitaten großer Live-Alben, von Cash bis Zappa. Wer Spaß daran hat, kann das Stück als Quiz nutzen, auch wenn wir die Liste der zitierten Alben natürlich veröffentlichen werden. Soviel sei verraten: Das wohl berühmteste Zitat der Live-Geschichte, „I don’t believe you!“, von Bob Dylan, ist auch enthalten…
Was mich besonders freut: Wir konnten für diesen Track wieder Dyanne Potter und Jan Christiana aus den USA gewinnen, die „eine Hälfte“ von „Octarine Sky“ (die zwei anderen Personen dort sind ex-Oldfield Drummer Simon Phillips und „Über-Gitarrist“ Guthrie Govan). Dyanne und Jan sind seit "Secrets Of The Pecking Order" an Bord, und ich bin sehr froh darüber. Jan spielt seinen Bass oft über einen Bass-Synthesizer und erzeugt damit keyboardartige Klänge, und Dyanne ist ohnehin eine der profiliertesten progressiven Keyboard-Spielerinnen der jüngeren Generation. Die beiden haben dann mit hörbarer Freude ein virtuoses Duett eingespielt, das natürlich im Stück „live angesagt“ wird und ins Albumfinale überleitet. Ich hoffe, dass das vielen Leuten Spaß macht und das Album zu einem interessanten Abschluss bringt.
Jetzt aber noch einmal ein ganz großes Danke!!! an Betreutes Proggen für diese tolle Gelegenheit, das Album vorzustellen. Das ist eine große zusätzliche Motivation für den Endspurt bis zum 22. Oktober!
Wir haben Euch zu danken. Viel Erfolg!



