Psychedelic Time Travel
Als Porcupine Tree vor drei Jahren plötzlich wieder aus der Versenkung auftauchten, war die Aufregung erwartungsgemäß groß. Neues Album, Tournee und damit nach langer Pause endlich wieder die Möglichkeit, eine der prägendsten Prog-Bands der vergangenen Jahrzehnte live zu erleben. Auch ich konnte mich dem natürlich nicht entziehen und war gleich bei zwei Konzerten dabei – in Stuttgart und beim Open Air in Bonn. Trotzdem gab es durchaus Gründe, die Reunion mit gemischten Gefühlen zu betrachten. Die Ticketpreise waren happig, die Venues ziemlich groß und dann fehlten mit Colin Edwin und John Wesley ausgerechnet zwei Musiker, die für mich über viele Jahre untrennbar mit Porcupine Tree verbunden waren. Bei Edwin ging es dabei um weit mehr als das Livebild: Er war über viele Jahre fester Bestandteil der Band und prägte gerade mit seinem charakteristischen Bassspiel einen erheblichen Teil ihrer Entwicklung.
Dazu kam, dass Steven Wilson mit "Closure/Continuation" ziemlich eindeutig nach vorne blickte. Der Schwerpunkt der Konzerte lag auf dem neuen Material und den Jahren mit Gavin Harrison am Schlagzeug, also jener Phase, in der Porcupine Tree zunehmend härter und metallischer geworden waren. "Stupid Dream" und "Lightbulb Sun" wurden nur sporadisch berücksichtigt, die psychedelischen Delerium-Jahre der Frühphase dagegen praktisch komplett ausgespart. Gerade das war für mich schade. Denn genau diese frühen Porcupine Tree waren mit ihrer Mischung aus Psychedelia, Elektronik, Krautrock und Prog für mich immer etwas ganz Besonderes gewesen. Musik, die gelegentlich den Eindruck erweckte, als wüsste selbst Steven Wilson nicht so ganz, wohin die Reise als Nächstes gehen würde.
Umso interessanter war es, als im vergangenen Jahr plötzlich der Name Voyage 35 im Zusammenhang mit Colin Edwin und John Wesley auftauchte. Die Verbindung zu "Voyage 34" war schließlich ziemlich offensichtlich. Aus dem ersten "Das wäre ja was!" wurde tatsächlich Gewissheit: Edwin und Wesley hatten ein Live-Projekt ins Leben gerufen, das sich den frühen Porcupine-Tree-Jahren widmet.
Dass Colin Edwin nach Porcupine Tree keineswegs untätig war, hatte ich unter anderem bei O.R.k. mitbekommen, wo er gemeinsam mit Lorenzo "Lef" Esposito Fornasari, Pat Mastelotto und Carmelo Pipitone musiziert. Lef sollte nun auch bei Voyage 35 wieder dabei sein. Kurzzeitig keimte sogar die Hoffnung auf, dass sich Chris Maitland, Gavin Harrisons Vorgänger am Schlagzeug, anschließen könnte. Immerhin hatten Edwin und Maitland gemeinsam mit Jon Durant gerade erst "The Baldock Transmission" aufgenommen. Daraus wurde letztlich nichts. Stattdessen komplettierten Lef und der italienische Schlagzeuger Alessandro Vagnoni das Quartett.
Mangels zunächst angekündigter Deutschlandtermine hatte ich mir für den Auftritt in Uden bereits ein Ticket besorgt. Dann wurde doch noch ein Deutschlandkonzert nachgeschoben. Also wurde aus Uden kurzerhand Aschaffenburg. Weniger Anreise, dafür umso mehr Vorfreude.
Wenige Tage vor dem Konzert hatte das Quartett bereits beim 2 Days Prog +1 Festival in Italien gespielt. Die ersten Rückmeldungen waren ausgesprochen vielversprechend, und auch die kursierende Setlist ließ das Herz eines Frühphasen-Porcupine-Tree-Fans durchaus etwas schneller schlagen. Die Erwartungen an den ersten Hallenauftritt von Voyage 35 waren damit ziemlich hoch.
Doch bevor es im Colos-Saal auf Zeitreise in die frühen Neunziger ging, stand zunächst noch ein anderes Duo auf der Bühne: Kalle Wallner und Jogi Lang.
RPWL
Wie kommt man eigentlich dazu, ausgerechnet im Vorprogramm von Voyage 35 zu spielen? Bei RPWL offenbar ziemlich unkompliziert. Ein Redakteur vom eclipsed rief bei Yogi Lang an und fragte, ob er Lust hätte, beim 25. Geburtstag des Magazins mitzufeiern. Yogi sagte zu. Ein paar Tage später meldete sich Kalle Wallner mit der durchaus berechtigten Frage:
Hast du ein Konzert gebucht?
Hatte er nicht. Die Geburtstagsfeier, so hatte sich zwischenzeitlich herausgestellt, sollte allerdings ein Konzert von Voyage 35 beinhalten und damit verbunden ein Opening-Slot für RPWL. Tja, manchmal kommt man auch über Umwege auf eine Bühne.
Ganz neu war die Kombination allerdings nicht. Wenn ich Yogi Lang an diesem Abend richtig verstanden habe, hatten er und Kalle vor rund 25 Jahren schon einmal in Aschaffenburg in einem kleinen Plattenladen gespielt, organisiert von Sisyphos und eclipsed. Ein Jahr später folgte demnach ein Festival des Sisyphos-Verlags im Colos-Saal und dabei ein Auftritt im Vorprogramm von Porcupine Tree. Damals war RPWL noch eine Pink-Floyd-Coverband und spielte ausschließlich Songs der britischen Vorbilder. Irgendwann wurden aus den Covern eigene Kompositionen – und RPWL damit tatsächlich bekannt. Dummerweise wollten die Zuhörer plötzlich wieder Pink Floyd hören.
Super, aber spielt ihr auch noch Pink Floyd?
Die Ironie der Geschichte dürfte den beiden dabei nicht entgangen sein.
Pink Floyd gab es an diesem Abend zwar nicht zu hören, trotzdem war die Vergangenheit durchaus präsent. Yogi Lang übernahm sämtliche Ansagen und irgendwie auch gleich die Vorabanmoderation des Abends, während Kalle Wallner an der E-Gitarre und Yogi am Keyboard für eine maximal semi-akustische Darbietung sorgten. Und was soll man sagen: Kalle kann offenbar immer noch diese ganz spezielle Gitarrenmelancholie. Sein Solo im ersten Stück war derart gefühlvoll und schön, dass die Tränendrüse vorsichtshalber gleich mal auf Betriebstemperatur gebracht wurde.
Natürlich wollte man aber auch etwas von dem spielen, was man hier vor 25 Jahren bereits zum Besten gegeben hatte – diesmal allerdings aus dem eigenen Repertoire. Mit 'God Has Failed' ging es deshalb zu den frühen RPWL zurück. Beim dritten Stück, 'The Fisherman – High As A Mountain', zeigte sich dann endgültig, dass dieses kleine, reduzierte Format erstaunlich gut funktionierte.
Große Bühnenaction war dabei nicht zu wahrzunehmen. Yogi gestikulierte bei seinen Ansagen eifrig, ansonsten blieben beide eher statisch. Aber genau das passte. Der Auftritt hatte etwas angenehm Intimes, beinahe Wohnzimmerartiges – ein ziemlich passender Auftakt für einen Abend, der anschließend musikalisch noch ein Jahrzehnt weiter zurückreisen sollte.
Nach gut 25 Minuten war der kleine semi-akustische Ausflug bereits wieder vorbei. Kurz, sympathisch und ziemlich passend zum Abend. Und vor allem eine durchaus gelungene Einstimmung auf das, was danach kommen sollte.
Besetzung:
• Yogi Lang - Keyboards, Vocals
• Kalle Wallner - Guitar
Colin Edwin & John Wesley's Voyage 35
Dann wurde es ernst. Vor 23 Jahren hatte ich Colin Edwin und John Wesley schon einmal genau an diesem Ort gesehen – damals noch gemeinsam mit Porcupine Tree auf der Tour zu "In Absentia". Bei John Wesley reicht die persönliche Zeitreise sogar noch weiter zurück: Ich kenne ihn mittlerweile seit 31 Jahren. Damals war er noch als Roadie von Steve Rothery unterwegs und hatte gleichzeitig sein eigenes Soloprogramm als Opener von Marillion dabei. Was aus diesem Mann einmal werden sollte, war damals beim besten Willen nicht abzusehen.
Nun also Voyage 35. Mit 'Even Less' ging es los, und damit gleich mit einem Stück, das gar nicht so recht in die erwartete reine Delerium-Zeitreise passen wollte. Die Gitarre klang zunächst etwas weniger schneidend als im Original, John Wesleys Stimme erstaunlich nah an Steven Wilson. Dazu ein Mega-Solo – und schon war klar, dass hier niemand eine museale Kopie von Porcupine Tree abliefern wollte.
'Waiting (Phase One)' hielt zunächst noch die Spur, bevor mit 'And The Swallows Dance Above The Sun' Lef erstmals den Gesang übernahm. Und plötzlich war da ziemlich viel O.R.k. im Raum. Lorenzo "Lef" Esposito Fornasari klingt nun einmal komplett anders als Steven Wilson, was dem Ganzen ausgesprochen gut tut. Als später auch Wesley einstieg, bekam der Song noch eine zusätzliche Farbe. Gemeinsam mit Colin Edwins Bass und Alessandro Vagnonis Drumming wurde daraus eine herrlich groovige, hypnotische Nummer.
Von dort aus ging es praktisch nahtlos weiter: 'Signify' ging ab wie die Post, 'Up The Downstair' tauchte wieder tief in die tranceartigen, psychedelischen Gefilde ein. Genau hier zeigte sich, wie gut Voyage 35 verstanden hatte, worum es bei diesen alten Stücken eigentlich geht. Nicht um möglichst originalgetreue Reproduktion, sondern um Atmosphäre, Groove und diese leicht entrückte Welt, in der Porcupine Tree einst irgendwo zwischen Psychedelia, Elektronik und Prog unterwegs waren.
Und erfreulicherweise blieb die Reise nicht dort stehen. Nach der Konzertankündigung hätte man durchaus erwarten können, dass ausschließlich die Delerium Years abgearbeitet werden. Stattdessen tauchten mit 'Even Less', 'Hatesong' und 'Shesmovedon' auch Stücke von "Stupid Dream" und "Lightbulb Sun" auf. Für mich definitiv die angenehmere Variante.
Bei 'Sever' wurde mehrstimmig gesungen, wobei ich mich an Lefs grungigere Stimme im Porcupine-Tree-Kontext zunächst noch etwas gewöhnen musste. Bei 'Dark Matter' funktionierte das Zusammenspiel mit Lef dann umso besser. Zwei Stimmen gleichzeitig, dazu Wesleys eigene Gitarrennote – der Song blieb klar erkennbar, bekam aber eben keinen 1:1-Abziehbildcharakter.
Danach wurde es immer psychedelischer. 'The Nostalgia Factory' passte da natürlich wie die Faust aufs Auge. Die Lyrics über die Raupe und den angeschwollenen Kopf sagen eigentlich schon alles. Dazu sangen Schlagzeuger und Keyboarder ebenfalls, während Wesleys Gitarre irgendwo zwischen Melodie und kontrolliertem Wahnsinn heulte. Auf der Leinwand lief derweil ein herrlich schräger Film mit Raupen, Flamingos, Mäusen und Regenbogenmonden mit Zauberhüten in den Wolken. Völlig normal also.
Mit 'Hatesong' rückte dann Colin Edwin wieder deutlich ins musikalische Rampenlicht. Die Basslinie war einfach nur mega, dazu Lef mit wunderschönen Keyboardtupfern. Gerade bei solchen Momenten wurde deutlich, wie sehr diese Besetzung die alten Stücke nicht nur nachspielte, sondern ihnen ihre eigene Handschrift verpasste.
'The Sky Moves Sideways (Phase One)' nahm anschließend wieder etwas Tempo heraus und ließ die Sache beinahe schweben. Wesley übernahm den Gesang, Percussion kam dazu und der Song wurde zunehmend beschwingt. Auf der Leinwand die Telefonzelle vom Albumcover – ein kleines Detail, das wunderbar in diese nostalgische, gleichzeitig völlig entrückte Atmosphäre passte.
Mit 'Fadeaway' zog Wesley dann noch einmal alle Register, bevor 'Shesmovedon' für einen weiteren Gänsehautmoment sorgte.
Colin Edwin übernahm an diesem Abend sämtliche Ansagen und kündigte das nächste Stück mit den Worten "a bit psychedelic" an. Nun, wer 'Voyage 34 (Phase I)' kennt, weiß, dass damit nicht unbedingt untertrieben wurde. Das vertraute Voice-Sample setzte ein, die ikonische Gitarrenmelodie folgte und trotzdem bekam das Stück durch Wesleys Spiel wieder eine eigene Note. Genau diese Mischung aus Wiedererkennung und Eigenständigkeit funktionierte an diesem Abend erstaunlich gut.
Danach war eigentlich Schluss. Die Band verschwand von der Bühne, der Colos-Saal quittierte das Ganze allerdings mit reichlich Applaus und Jubel. Also zurück.
Mit 'Not Beautiful Anymore' wurde noch einmal der Schalter umgelegt. Jetzt gab es keine schwebende Psychedelia mehr, sondern Full Energy. Und mit 'Radioactive Toy' folgte anschließend der passende Schlussakkord für diese ziemlich grandiose Zeitreise.
23 Jahre nach meinem ersten Konzert mit Colin Edwin und John Wesley an genau diesem Ort standen die beiden also wieder auf derselben Bühne – diesmal mit Voyage 35. Und ausgerechnet die Musik, die bei der Porcupine-Tree-Reunion weitgehend auf der Strecke geblieben war, bekam hier noch einmal eine eigene Bühne. Nicht als nostalgische Museumsführung, sondern frisch, groovig, psychedelisch und mit genügend eigenen Ideen, um die alten Stücke tatsächlich wieder lebendig wirken zu lassen. Vor allem aber war dieser Auftritt, anders als heutzutage bei Porcupine Tree, hautnah. Genau so hatte ich mir diese Reise in die frühe Porcupine-Tree-Zeit gewünscht.

Besetzung:
• Colin Edwin - Bass
• John Wesley - Guitar, Vocals
• Lorenzo Esposito Fornasari - Keyboards, Vocals
• Alessandro Vagnoni - Drums, Vocals
Fotos: Prog In Focus
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