Jazz • Blues Rock • Pop
(56:44; Vinyl, CD, Digital; Blackbird Music; 15.05.2026)
„Von der Kunst, Musik bewusst zu hören.“ Das steht ganz oben links auf dem fetten Vinyl-Earbook.
Hallo liebe Leser, kennt Ihr Andreas Hommelsheim? Nee? Ich auch nicht, bis ich eine Albumreview in einem Rockmagazin las. Schon das Cover macht neugierig. Warum habe ich Loriot und die Muppet Show vor Augen? Und dann in der Jazz-Ecke. Kurios genug, um bei Blackbird Music nach einem Bandfoto und Presseinfo zu fragen. Was dazu führte, dass ich eine Woche später ein Meisterwerk von Vinylbuch (Earbook) in den Händen hielt und danach für drei Stunden weg war. Die Musik auf dem Plattenteller, dazu ein autobiografisches Begleitbuch mit 38 Seiten je Sprache (Deutsch und Englisch), und die drei Stunden sind weg wie ’ne Tüte Chips. Alleine die Lektüre der Texte, das Betrachten alter Fotos oder auch der Originalnoten zu seinen wunderschönen Interludes, geliebte Kochrezepte, Empfehlungen seines Lieblingssommeliers (Lorenz Kellhuber, selbst Jazzmusiker) als Weinbegleitung zu seinem Album … wie gesagt, gut, dass man bei Vinyl dazwischen aufstehen muss, sonst könnten aus drei auch fünf Stunden werden.
"B3-Mastermind Andreas Hommelsheim spielte unter anderem mit Alphonse Mouzon, John Lee und Gerry Brown, teilte die Bühne mit Kool & The Gang und arbeitete mit Stars wie Nena, Nina Hagen, Jan Delay, Smudo, Max Raabe, Ofra Haza, Ute Lemper und Jennifer Rush. Als Musical Director der deutschen Fassung unzähliger berühmter Filmproduktionen arbeitete er unter anderem für Andrew Lloyd Webber und Hans Zimmer. Für "Der König der Löwen" erhielt er als Produzent des deutschen Original-Soundtracks eine Goldene CD. Schlagzeuger Lutz Halfter studierte u. a. am Berklee College in Boston, arbeitete für zahlreiche Berliner Orchester (u. a. mit den Berliner Philharmonikern und Herbert von Karajan) und Theater und trommelte u. a. für Jocelyn B. Smith und Precious Wilson. Mit Hommelsheim teilt er bereits seit den 70ern die Bühne."
Bei oben genanntem Mastermind war das eine logische Entwicklung. Alles fing in einem versifften Studio in Berlin an, doch sobald etwas Geld in der Kasse war, wurde ein besseres Studio angemietet. Irgendwann war das Studio dann eine Firma (Blackbird Music, gegründet 1986) und wuchs und wuchs. Bis dahin beschränkte sich die Berufsbezeichnung des Firmengründers auf Musiker, Komponist und Produzent. Bis Anfang der 90er Disney anklopfte und fragte, ob A. Hommelsheim Interesse an der deutschen Synchronfassung eines Films hätte. Natürlich gab es nur eine richtige Antwort, und so packte er alle eigenen musikalischen Interessen in das Stage Case und startete im Synchronbusiness voll durch. Binnen kurzer Zeit hatte er immer mehr Studios, immer mehr Angestellte, immer mehr internationale Aufträge für Warner, Disney und Co., ruckzuck waren 25 Jahre vorbei und da war nirgends Zeit für eigene Musik.
In einem erfreulich ausführlichen Interview erzählte mir A. Hommelsheim, dass er nach dem Verkauf seines Studio- und Synchrongeschäfts so aus der Lameng 20 Songs schrieb, die er dann mit seiner 2008 neu gegründeten, zwölfköpfigen Band 55 Fifty-Five aufführte. Moment, ich blättere in seinem Lebenswerk, also der Vinylbox nach: Ja, der Bandname entspricht dem Zieldatum für die Aufführung: seinem 55. Geburtstag. In dieser Formation ging es vier Jahre weiter, bis A. Hommelsheim in einer neuen Formation namens b3 "Back To My Roots" aufnahm. Es folgten einige Alben, der schmerzhafte Verlust des Bassisten, eine schwere Erkrankung von A. Hommelsheim und die Entscheidung, "The Next Step" zu wagen, war gefasst.
"The Next Step", also der nächste Schritt, bedeutet sehr vieles, nicht nur im musikalischen Bereich. Aber bleiben wir beim Musikalischen. Auf diesem Album hat A. Hommelsheim wieder ein zwölfköpfiges Ensemble als Band und dazu auf dem Album wunderschöne Chorpassagen, die völlig organisch in die groovigen Songs eingearbeitet werden. Ein Schelm, wer jetzt an frühere Business-Erfahrungen denkt. Das, was dabei herausgekommen ist, rechtfertigt ohne Zweifel jeden Aufwand. Auf dem Instagramprofil der Band lassen sich sehr produktive Probenaufnahmen mit Musikern, dem Chor, Solisten und natürlich der Band bewundern. A. Hommelsheim in seinem Element, beim Verschmelzen seiner zwei Leben bzw. Lieben: dem Musicalbusiness als Musikalischer Direktor und dem Bühnenleben als Musiker, dazu auch gleich noch Produzent, Arrangeur, Komponist und Texter … bestimmt habe ich hier auch noch Berufsbezeichnungen vergessen. Ich sage hier bewusst Musical, denn auch wenn es ursprünglich Filme waren, die er als musikalischer Direktor begleitet hat, so sehe ich das Ganze genauso im Musical-Bereich. Die meisten dieser Filme laufen ja auch heute noch als echtes Musical irgendwo in Deutschland. Ich hatte vor unserem Interview jedenfalls echt Probleme, meine Ehrfurcht hintenanzustellen, denn dieser Mann war und ist selbst ein Meisterwerk. Als er dann so nebenbei erwähnte, dass er im Rahmen der Synchronisation bei Hans Zimmer und Andrew Lloyd Webber im Studio saß und mit ihnen arbeitete … Hach. Schon schön.

Perfekt ist auch (fast) das gesamte Album. Es ist alles da: abwechslungsreiche und doch immer tanzbare, intelligente Songs, die aus sich heraus funktionieren, weil einfach alles stimmt. Dazu sehr beeindruckende Stimmen, denen A. Hommelsheim alle irgendwann einmal bei einem seiner Projekte begegnet ist, so u. a. Henrik Ille Ilgner mit seiner kraftvollen Rockstimme oder die bezaubernde Italienerin Veronica Appeddu. Die noch dazu perfekt produzierte Musik bietet etwas, das die Band selbst Jazz 'n' Rock 'n' Blues 'n' Pop nennt und ich finde, das trifft es. Ja klar, es ist radiotauglich, perfekt im Auto zu hören, genauso wie auf einer hochwertigen HiFi-Anlage, es wird gejazzt, es gibt Soli von den Musikern und es gibt in den Stücken Passagen, die nach Improvisation klingen. Ich kann mir vorstellen, dass die Besucher der Konzerte der 2027er-Tournee ihren Spaß haben werden, kommen doch einige der Live-Musiker aus der Jazzclub-Szene.
Na gut, ich schrieb weiter oben: fast das ganze Album. Auf der vierten Plattenseite, das letzte Stück – damit habe ich so mein Problem. Allerdings ist das Stück der logische Abschluss seiner Autobiografie, und A. Hommelsheim erzählte mir, er träumt davon, dieses Stück aus allen Kehlen eines Flashmobs auf einem Berliner Platz zu hören. 'One More Time' ist eine Ballade an das Leben und den unbändigen Willen, weiter ebendieses zu genießen, gesungen mit ergreifender Inbrunst von Ille, dazu das schmachtende Saxofon … Ballade halt, mit viel Schmalz und für meine Ohren ein paar Wiederholungen und Modulationen zu viel. Allerdings kann ich mir bildlich vorstellen, wie bei Livekonzerten genau dieses Stück von Hunderten, Tausenden Menschen mitgesungen wird und A. Hommelsheim mit feuchten Augen weiterspielt.
Vielleicht tritt er ja 2027 irgendwann einmal in meiner Gegend auf, ich kann mittlerweile alle Songs mitsingen, so oft habe ich das Album schon gehört.
Oben rechts auf dem Vinylwerk steht: „Das nächste Kapitel kündigt sich an. Details folgen.“
Ich jedenfalls bin gespannt und halte Euch alle auf dem Laufenden.
Bewertung: 12/15 Punkten
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Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Blackbird Music



