
Prog, Hymnen, Gänsehaut
Es gibt diese Momente, in denen man über eine Rezension stolpert und plötzlich weiß: Da ist was im Busch. In meinem Fall war es Carstens Besprechung zu Hällas' "Panorma". Ein paar Klicks später, ein paar Songs weiter – und ich war verloren. Diese Mischung aus Retro-Prog, Hard Rock und epischer Sci-Fi-Fantastik hatte mich sofort am Haken. Dass ich mich zufällig gerade in der Nähe von Frankfurt herumtrieb, machte die Sache nur noch einfacher: Konzertbesuch? Pflichtprogramm.
Earth Tongue
Das Zoom war schnell gefunden. Weniger schnell hingegen mein Timing. Offizieller Beginn für Earth Tongue sollte 20 Uhr sein – als ich um 19:45 Uhr den Laden betrete, ist das Duo allerdings längst mitten im Set. Und nicht nur das: Viel Zeit bleibt ihnen ohnehin nicht mehr. Punkt 20 Uhr ist Schluss. Etwas unerquicklich, das.
Was ich noch mitbekomme, ist allerdings durchaus bemerkenswert. Zwei Personen, ein Schlagzeuger und eine Sängerin mit Gitarre – mehr braucht es nicht. Sie, Gussie Larkin, im türkisfarbenen Hosenanzug irgendwo zwischen Space-Glam und Flohmarkt-Futurismus, zaubert herrlich fuzzige Gitarrensounds in den Raum. Diese haben genau die richtige Mischung aus Dreck und Psychedelik, um sich angenehm in den Gehörgang zu schmiegen. Ihr Gesang: hell, eindringlich, fast schon beschwörend.
Der Drummer, Ezra Simons, beschränkt sich nicht nur aufs Taktgeben, sondern steuert auch Backgroundgesang bei. Besonders im letzten Song wird es spannend: Da steigert er sich in eine Art kontrolliertes Schreien hinein – nicht brachial, nicht dominierend, sondern als reizvoller Kontrast zur klaren Stimme seiner Mitstreiterin. Überhaupt lebt der Auftritt von diesem Wechselspiel: Gitarrenriffs, Gesang, wieder Riffs, dann Passagen ohne große Effekte – fast roh, fast nackt.
Das Publikum? Zunächst erstaunlich reserviert. Vielleicht noch nicht ganz angekommen, vielleicht irritiert vom frühen Beginn – oder schlicht noch im Ankommen begriffen. Schade eigentlich, denn das, was auf der Bühne passiert, hätte durchaus mehr unmittelbare Reaktion verdient.
So bleibt ein etwas fragmentarischer Eindruck eines Auftritts, der vermutlich mehr hätte sein können, wenn man ihn von Anfang an erlebt hätte. Aber manchmal sind es ja gerade diese unvollständigen Begegnungen, die neugierig machen.
Besetzung:
• Gussie Larkin - Guitar & Vocals
• Ezra Simons - Drums & Vocals
In der Pause dann ein kleines, feines Detail am Rande: Über die Anlage läuft "The Return Of The Giant Hogweed" von Genesis. Ein Augenzwinkern? Eine Verbeugung? Oder einfach nur guter Geschmack. So oder so: Die Messlatte für den weiteren Abend ist damit charmant gesetzt.
Hällas
Nach der Pause wird es dann ernst. Hällas betreten die Bühne – und allein das ist schon ein kleines Schauspiel. In lange schwarze Mäntel gehüllt, die Augen silbrig-bunt geschminkt, wirken sie wie eine Delegation aus einer anderen Dimension. Das Licht: tiefblau. Die Bühne: dekoriert irgendwo zwischen Stalagmiten, Weihnachtsbäumen und eigenwillig drapierten Sandhaufen. Man weiß nicht so recht, ob man sich in einer Höhle, auf einem fremden Planeten oder in einem sehr ambitionierten Kunstprojekt befindet.
Ein atmosphärisches Rauschen liegt in der Luft, dann geht es los. Drummer und Keyboarder verschwinden halb im Nebel im hinteren Teil der Bühne, während vorne das Geschehen Fahrt aufnimmt. Der Opener: 'Into The Continuum' vom aktuellen Album "Panorama" – ein überlanges Monster, das sich in alle Richtungen windet. Verspielt, verschroben, dabei erstaunlich organisch.
Und dann, irgendwo bei Minute 17 dieses mächtigen Brockens, schleicht sich ein Gedanke ein: Moment mal – wird hier gerade heimlich Genesis gecovert? So vertraut wirken einige Wendungen, so sehr atmet das Ganze den Geist der frühen Siebziger, dass man fast darauf wartet, dass gleich ein bekanntes Motiv klar hervortritt. Tut es natürlich nicht. Stattdessen bleibt es bei dieser faszinierenden Gratwanderung zwischen Referenz und Eigenständigkeit.
Und immer wieder diese Momente, in denen klar wird, woher der Wind weht: Genesis lugen deutlich um die Ecke. Nicht als platte Kopie, sondern als liebevoll eingearbeitete Verbeugung. Dass das Artwork von "Trespass" als Inspiration für das aktuelle Album diente, wirkt hier fast schon wie eine logische Konsequenz.
Die Keyboards legen dabei einen herrlich orchestralen Teppich aus – mächtig, breit, fast schon cineastisch. Darüber schichten sich die Stimmen. Besonders stark wird es immer dann, wenn dreistimmig gesungen wird: Diese Harmonien tragen, heben, verleihen den ohnehin schon epischen Songs noch einmal zusätzlich Gewicht.
Nach diesen 22 Minuten – endlich der zweite Track. Endlich? Naja… nicht wirklich. Ein Stück von einem älteren Album folgt, mir bis dato völlig unbekannt und – wie sich herausstellt – deutlich kompakter, mehr auf den Punkt, fast schon straight im Vergleich zum ausufernden Opener. Und ja, auch ein gutes Stück weniger verspielt. Funktioniert aber gerade deshalb erstaunlich gut als Kontrast, als kleine Erdung nach diesem ersten Ritt durchs prog-epische Multiversum.
Mit dem nächsten Song geht es dann direkt wieder zurück in größere Dimensionen. Ein weiteres episches Stück, das sofort zündet. Hier blitzen plötzlich leichte Iron Maiden-Vibes durch – allerdings nicht die stumpfe Galopp-Variante, sondern eher die proggige Hochphase rund um "Seventh Son Of A Seventh Son". Gleichzeitig schwingt in der Art, wie die Songs erzählt werden, immer wieder dieses theatralische, leicht entrückte Element mit, das unweigerlich an Genesis zu Peter-Gabriel-Zeiten erinnert.
Und jetzt ist auch das Publikum endgültig da. Applaus, Jubel, rhythmisches Mitgehen – die anfängliche Zurückhaltung ist wie weggeblasen. Die Gitarren: herrlich verspielt, ohne sich in technischem Selbstzweck zu verlieren. Keine verkopfte Frickelei, sondern Melodien, die hängen bleiben. Darunter ein Groove, der nie zu schwer wird, nie zu sehr ins Metal-Klischee kippt, sondern genau die richtige Balance hält.
Und dann, gegen Ende, setzen plötzlich noch hymnische Chöre ein. So ein Moment, bei dem sich alles noch einmal hebt, öffnet, größer wird. Und man steht da und denkt sich einfach nur: "Ist das geil!"
Dieser ohnehin schon erzählerische, epische Ansatz wird plötzlich fast schon sakral aufgeladen. Ein bisschen Pathos, klar. Aber genau die Sorte Pathos, die hier vollkommen funktioniert. Kein Kitsch, sondern Gänsehaut.
Und spätestens da ist auch der Letzte im Raum endgültig abgeholt.
Und irgendwo an diesem Punkt wird einem auch klar: Welches Lied hier gerade gespielt wird, wann eines anfängt, wann es aufhört – ich habe keinen blassen Schimmer. Aber das ist auch völlig egal. Mehr noch: Es ergibt schlicht keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Dieses Set funktioniert nicht als Abfolge einzelner Songs, sondern als durchgehender Fluss, als ein großes, zusammenhängendes Stück.
Und mittendrin – vielleicht beim vierten? fünften? wer weiß das schon – öffnen sich plötzlich die Gitarren. Weit, ausladend, fast schon schwebend. Diese Momente, in denen die Zeit kurz stehen bleibt und alles nur noch trägt. Keine Hektik, kein Drang nach vorne, sondern einfach dieses genüssliche Auskosten von Melodie und Raum.
Ach, ist das schön.
Und doch bleibt das Konzert stets treibend in seinem Wesen. Trotz aller Ausflüge in epische Weiten, hymnische Chöre und ausladende Gitarrenflächen spürt man immer diesen Puls, diese Vorwärtsbewegung, die alles zusammenhält. Kein Moment, der ins Stocken gerät, keine Passage, die sich verliert – alles fließt, alles atmet, alles treibt voran.
Es ist diese Mischung aus entrückter Progressivität und greifbarer Dynamik, die den Abend so fesselnd macht. Man wird hineingesogen, getragen, und gleichzeitig immer wieder überrascht.
Und dann leuchten immer wieder andere Referenzen durch, die den Sound zusätzlich schimmern lassen. Da ist dieses subtile Echo von 70er-King Crimson – gerade in diesen 'Epitaph'-artigen Passagen, wenn die Stimmen schwebend, fast geisterhaft durch die Luft ziehen. Nicht kopiert, nicht geklont, sondern wie aufleuchtende Fragmente aus einer musikalischen Parallelwelt, die sich harmonisch ins eigene Universum einfügen.
Diese Momente machen deutlich: Hällas bauen keine reine Retro-Welt, sie verweben Erinnerungen an Prog-Ikonen mit ihrer eigenen, sehr eigenständigen Erzählweise.
Und als ob das alles noch nicht reicht, blitzen zwischendurch auch noch traurige, melancholische Piano-Passagen auf. Diese Momente wirken fast wie Atempausen im Fluss der epischen Gitarren, Chöre und Grooves – zart, verletzlich, fast intim. Sie setzen einen überraschenden Kontrapunkt zur ansonsten treibenden Dynamik des Konzerts und zeigen erneut, wie facettenreich Hällas ihr eigenes Universum gestalten.
Und genau wie diese traurigen, melancholischen Piano-Passagen wird der Abend immer wieder von wundervoll mehrstimmigem Gesang getragen. Die Stimmen verweben sich zu dichten Harmonien, schichten sich übereinander, heben das ohnehin schon epische Klangbild noch einmal auf eine neue Ebene. Mal sanft und flüsternd, mal kraftvoll und hymnisch – dieser Gesang ist das Herzstück, das all die Gitarren, Keyboards und Chöre miteinander verbindet und die Zuhörer endgültig ins Universum von Hällas hineinzieht.
Und dabei bleibt der mehrstimmige Gesang nicht nur schön arrangiert – er ist eindringlich, berührend. Jede Harmonie trifft ins Mark, jede Passage transportiert Gefühl, manchmal fast schon geheimnisvoll, dann wieder offen und ergreifend. Zusammen mit den Gitarren, Keyboards, Chören und den melancholischen Piano-Passagen entsteht so ein Soundkosmos, der einen vollständig in seinen Bann zieht und noch lange nach dem Konzert nachklingt.
Insgesamt spielen Hällas rund 90 Minuten. Eigentlich viel zu kurz, wenn man bedenkt, wie dicht, episch und facettenreich dieses Set ist – man möchte, dass es noch Stunden so weitergeht. Und doch reichen diese anderthalb Stunden, um völlig erfüllt nach Hause zu gehen, die Ohren und den Kopf noch lange in den Weiten ihres Universums verweilen zu lassen. Ein Erlebnis, von dem man noch Tage später zehren kann.
Und wenn es dann doch einmal nicht mehr anhält, wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als Hällas noch einmal live zu sehen. Mag sein, dass ich mir da gerade eine neue, äußerst angenehme Sucht eingefangen habe – eine, die man nur schwer wieder loswird. Aber ehrlich gesagt: genau das macht solche Konzerterlebnisse ja so unvergesslich.
Besetzung:
• Tommy Alexandersson - vocals, bass
• Rickard Swahn - guitar
• Marcus Petersson - guitar
• Nicklas Malmqvist - keyboards
Mobile Snapshots: Prog in Focus
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