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    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    0
    By flohfish on 1. April 2026 Konzertberichte

    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    Melancholie auf Flügeln

    Wenn Archive zum wiederholten Male für gleich zwei Abende im OM in Seraing aufschlagen und beide Shows natürlich ausverkauft sind, dann weißman: Der Kult lebt, die Melancholie auch – und Parkplätze sind endgültig Fiktion. Mein eigenes Ticket – durch eine dieser seltenen, fast schon mystischen Last-Minute-Akkreditierungen plötzlich überflüssig geworden – wechselte dann auch recht zügig den Besitzer. Offenbar war die Nachfrage nach gepflegter Schwermut weiterhin stabil, wer hätte das gedacht.
    Die Kamera blieb diesmal demonstrativ zu Hause. Angeschlagen, hin oder her, aber der Gedanke an den Fotograben ließ mich mehr erschauern als jede noch so düstere Archive-Fläche. Stattdessen: Sitzplatz. Balkon. Ganz vorne. Also quasi VIP, nur ohne Bändchen, Gratisbier oder irgendeine Form von Anerkennung. Dafür aber mit dem unschlagbaren Vorteil, nicht von Ellenbogen enthusiastischer Hobbyfotografen traktiert zu werden.
    Für Bokka – manchen vielleicht ein Begriff durch ihre Remix-Arbeit auf "Versions: Remixed" von Archive – kam ich leider zu spät. Also wirklich zu spät. Nicht dieses kokette „Ich hab nur den ersten Song verpasst“-zu-spät, sondern eher das kompromisslose „Die waren schon wieder beim Abbauen“-zu-spät. Manchmal war Timing eben doch alles.

    Dass Archive auch an diesem Abend nicht vorhatten, irgendetwas an ihrem bewährten Live-Setup zu ändern, überraschte ungefähr so sehr wie Regen in Ostbelgien – zumindest auf den ersten Blick. Mike Hurcombe an der Gitarre und Steve Barnard am Schlagzeug bildeten das stoische Rückgrat, auf den Flügeln Darius Keeler und Danny Griffiths an den Tasten, während sich dazwischen dieses rotierende Sänger*innen-Kollektiv bewegte – zwei, drei, manchmal vier Figuren, die sich die Bühne und die Songs teilten, als wäre das alles ein perfekt einstudierter Zufall.

    Beim genaueren Hinsehen fiel jedoch auf, dass etwas fehlte – beziehungsweise jemand: Danny Griffiths war an diesem Abend nicht dabei. Auf der Position hinter den Keys stand Bassist Jonathan Noyce, der aber nur phasenweise diese Aufgaben übernahm, und die meiste Zeit an seinem Stamminstrument verbracht.

    Der Opener 'Broken Bits' setzte dann direkt den Ton – im wahrsten Sinne. Blaues, flackerndes Licht, dazu dieses schiffshornartige Intro, das sich zog, als wolle es testen, wie geduldig das Publikum wirklich war. Dann setzten die Drums ein, voll und satt, mit gepolsterten Schlägeln auf den Toms – und plötzlich war man mittendrin in diesem typischen Archive-Strudel.

    'Look At Us' danach: visuell fast schon aufdringlich gut. Schwarze, sich verformende Flächen auf dem Backdrop, umrandet von grellem Licht – als hätte jemand beschlossen, existenzielle Krisen zu visualisieren. Das Intro dehnte sich gefühlt ins Unendliche, Spannung baute sich auf, und mittendrin Lisa Mottram, deren Stimme zunächst fast zu dünn wirkte, um gegen diese Rhythmuswand anzukommen – was aber genau deshalb funktionierte.

    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    'Wake Up Strange' schwebte dann in gelbliches Licht getaucht beinahe schwerelos durch den Raum. Dave Pen, Pollard Berrier und Mottram im Dreiklang – das hatte schon fast etwas Versöhnliches, bevor mit 'Numb' das erste große Ausrufezeichen folgte. Mottram wechselte an die Keys, damit Darius Keeler Zeit und Raum zum Tanzen bekam, und das Publikum übernahm zuverlässig den „ohohoho“-Part.

    'City Walls' war dann einer dieser Momente, in denen plötzlich alles passte: perlende Sounds, gleißendes Licht, Gänsehaut. Mottrams Stimme schwebte hier eher als Obertonton neben Berriers Gesang – fragil, aber effektiv. Ganz anders bei 'Glass Minds': reduziert auf Klavier und Drums, zeigte sie zwar, dass sie singen konnte, aber dieser helle, fast kindliche Tonfall blieb… sagen wir: gewöhnungsbedürftig.

    Mit 'Shine Out Power' wurde es dann wieder massiv. Streicherflächen aus dem Keyboard, Pen am Mikro, dazu ein Bass, der eher gefühlt als gehört wurde. Für einen kurzen Moment wirkte alles größer, schwerer, bedeutender als nötig – also genau richtig.

    'So Far From Losing You' stellte dann Berrier ins rote Spotlight. Sein Gesang hatte diesen fast schon hiphopartigen Flow, der sich später im Zusammenspiel mit Mottram weiter verdichtete – sie eher als Untermalung denn als gleichberechtigtes Gegenüber.

    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    Und dann: 'Again'. Gitarre setzte ein, kollektives Raunen, irgendwo stiegen Tränen auf. Einer dieser Songs, die man als Prog-affiner Mensch einfach erlebt haben musste – und dann bitte immer wieder.

    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    Dass danach mit 'Heads Are Gonna Roll' Jimmy Collins die Bühne betrat, wirkte wie ein bewusst gesetzter Bruch. Rap-Part, Energie hochfahren, Publikum wachrütteln. 'Bastardised Ink' legte direkt nach – zwei hiphoplastige Tracks am Stück. Der ein oder andere Prog-Purist dürfte hier kurz die Lebensentscheidungen überdacht haben, ich blieb dabei: Es passte.

    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    'Patterns' brachte dann wieder Ruhe rein – zumindest anfangs. Berrier mit eindringlicher Performance, der Song schwoll langsam an, bis er sich wieder in diese typische Archive-Intensität hineinfraß.

    'Dangervisit' als Setcloser war fast schon Pflichtprogramm – und funktionierte immer noch erschreckend gut. Spätestens bei „so much writing on the wall“ war die Intensität greifbar, und wenn sich das „feel trust obey“ mantraartig durch den Raum zog, kippte das Ganze endgültig. Danach: Explosion. Publikum tanzte, feierte, ließ los.

    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    Die Zugaben wirkten dann weniger wie Bonus, mehr wie notwendige Fortsetzung. 'Controlling Crowds' kam mit den maskierten Figuren des Artworks als Projektion – angenehm unheimlich.

    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    'Pills' knüpfte daran an: druckvoller, fast überzeichneter Schlagzeugsound, Mottram erneut am Lead, diesmal allerdings mit einer Helligkeit, die dem Stück etwas von seiner ursprünglichen Wucht nahm. Gewöhnungsbedürftig.

    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    Zum Abschluss dann 'Lines' und natürlich 'Fuck U'. Und ja, es war immer noch genauso effektiv: gedoppelte Stimmen von Pen und Berrier, das Publikum komplett drin, und spätestens beim Call-and-Response nach „fuck you“ war klar, dass hier niemand so schnell nach Hause wollte.
    Pen: „Fuck you.“
    Publikum: „Anyway.“

    Archive, 31.03.26, Seraing (BE), OM

    Unterm Strich war es ein Set, das sich stark auf die bekannten vier „großen“ Alben der letzten Tour stützte, erweitert um gleich neun Stücke des aktuellen Materials. Dass Mottram Holly Martin mittlerweile ganz ersetzt zu haben schien, fiel weniger ins Gewicht als erwartet: Bei den neuen Songs passte ihre Stimme, bei den alten trat sie nur bei 'Pills' auf – eine kleine, diskutierbare Ausnahme.

    Und so blieb am Ende genau das Gefühl, das ich ihnen seit Jahren attestierte: Archive veränderten Details, nie das große Ganze. Und genau deshalb funktionierte es immer noch.

    Besetzung:
    Darius Keeler
    Dave Pen
    Pollard Berrier
    Lisa Mottram
    Jimmy Collins
    Mike Hurcombe
    Steve Barnard
    Jonathan Noyce

    Archive Setlist OM, Seraing, Belgium, Glass Minds 2026


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    1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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