Evergrey – Escape Of The Phoenix

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Evergrey – Escape Of The Phoenix (AFM Records/Soulfood, 26.02.21)(58:40, Digital, CD, Vinyl, AFM Records/Soulfood, 2021)
Ich muss zugeben, ich war niemals ein frenetischer Evergrey-Fan. Die Frühwerke der Schweden gingen an mir praktisch komplett vorbei, da sie mir persönlich zu wenig progressiv und viel zu sehr im klassischen Power Metal beheimatet waren. Zwar wurden die Mannen um Sänger, Gitarrist und Frontmann Tom S. Englund bereits ab ihrem 2001er Drittwerk „In Search Of Inner Truth“ für mich interessanter, doch sollte es noch bis zum 2004er „The Inner Circle“ dauern, bis die Band mit ihren jetzt abwechslungsreicheren Klängen bei mir auf offene Ohren stieß. Bald darauf war es mit meiner Begeisterung dann allerdings auch schon wieder vorbei, da mir Evergrey eindeutig zu kitschig wurden, so dass die Skandinavier bei mir lange Jahre unter dem Radar flogen. Erst mit ihrem 2016er Album „The Storm Within“ schafften es Evergrey wieder, mich durch eine ausgewogene Mischung aus Aggression und Melancholie zu erreichen und somit zurück in mein aktives musikalisches Bewusstsein zu dringen. Ein Ort, an welchem sie auch noch nach der Veröffentlichung des letztjährigen „The Atlantic“ verweilten.

Evergrey – Escape Of The Phoenix (AFM Records/Soulfood, 26.02.21)

Nach drei thematisch zusammenhängenden Konzeptalben – das 2014er Album „Hymns For The Broken“ bildet den Auftakt der Trilogie – wagen sich Evergrey nun mit ihrer im Februar 2021 erschienenen Scheibe „Escape Of The Phoenix“ zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder an einen Songzyklus, dessen Einzelteile für sich sprechen und thematisch nur in losem Zusammenhang stehen. Englund hierzu:

Über die Auferstehung des Phönix zu sprechen, hatte bei mir ein Gedankenspiel ausgelöst. Was wäre, wenn der Vogel gar nicht auferstehen will? Was wäre, wenn er nicht zurückkommen will? Das ähnelt bestimmten Situationen im Leben; manchmal hat man es satt aufzustehen und stark zu sein. Ich denke, das ist der zentrale Gedanke. Mir kam die Idee, nachdem wir die Musik fertig geschrieben hatten.

Und auch musikalisch sind Evergrey durch die Aufgabe des strikten konzeptionellen Rahmens die Fesseln gelöst. Nichtsdestotrotz nutzt das Quintett seine neugewonnene Freiheit nicht wirklich, denn anstatt frei aufzuspielen und Neues zu wagen, setzen die Schweden im Grunde genommen auf die althergebrachten bandtypischen Trademarks. Einziger Unterschied zu den direkten Vorgängeralben: die elf Stücke klingen im Grundtenor größtenteils metallischer und geradliniger.

Exemplarisch sei hier der Opener bzw. die erste Single ‚Forever Outsider‘ genannt, da dieser mit seinem einleitenden Drum- und Riff-Gewitter dem Hörer erst mal eine ordentliche Breitseite gibt, bevor der charakteristisch-melancholische Gesang Englunds dem Instrumentarium einen angenehmen Gegenpol setzt. Es ist ein straighter Auftakt, der erst einmal die Stoßrichtung des neuen Albums vorgibt, aber auch einige Umläufe braucht, bis er endlich hängen bleibt.

Dass Evergrey allerdings auch ganz anders können, zeigen die Schweden bei Power-Balladen wie ‚Stories‘ oder ‚In The Absence Of Sun‘, denn es sind gerade die ruhigen Momente, in denen Tom Englund mit seiner Stimme nicht nur glänzen, sondern auch funkeln kann. Überhaupt finde ich, dass der Sänger auf „Escape Of The Phoenix“ sehr variantenreich rüberkommt. Vielleicht ist es ein Umstand, der seinem gemeinsamen musikalischen Ausflug mit Keyboarder Vikram Shankar geschuldet ist, denn auf Silent Skies‘ „Satellite“ klang Englunds Gesang viel sanfter, eleganter und dynamischer als jemals zuvor.

Apropos Gesang. Hatte ich schon den Namen Dream Theater erwähnt? Es ist nämlich deren Sänger James LaBrie, den die Skandinavier für das Stück ‚The Beholder‘ für einen Gastbeitrag gewinnen konnten. Auffällig ist, dass hier LaBries Stimme keineswegs – wie viel zu häufig bei seiner Stammband – als Störfaktor wirkt, sondern auf angenehme Art und Weise im Duett harmoniert. Englund hierzu:

Ich habe James einfach geschrieben, ihm von der Idee berichtet und ihn wissen lassen, dass wir ihn wirklich gern an Bord hätten. Er mochte den Song und hat zugesagt. Ich finde, dass der Song perfekt geworden ist. Der Song hat dieses eine Keyboard-Break und die ganze Band sagte ‚An der Stelle brauchen wir James LaBrie‘. Er klingt einfach fantastisch auf dem Track, und auch zusammen klingt es großartig.

Für meinen Geschmack am besten sind Evergrey jedoch immer dann, wenn die Musiker in Sachen Härte und Geschwindigkeit zwar einen Gang runterschalten, aber nicht vollkommen ins Balladeske übergehen, sprich, wenn sich die beiden Extreme der Band in der Waage halten. Und so sind es dann auch ausgewogene Stücke wie beispielsweise ‚Where August Mourns‘, wo Evergrey besonders auftrumpfen können. Einerseits besitzen diese nämlich emotionalen Tiefgang, anderseits können sie aber auch durch musikalische Finesse bestechen, ohne dabei gleich von einer Dampfwalze aus überzogen harten Gitarren- und Schlagzeug-Sounds überrollt zu werden.

So ist „Escape Of The Phoenix“, unterm Strich betreachtet, zwar ein recht rundes Album geworden, auf dem vor allem die Loslösung von einem übergreifenden Konzept erfrischend wirkt. Dennoch kann es nicht in gleichem Maße überzeugen wie etwa der Bandklassiker „The Inner Circle“ oder auch die beiden letzten Alben.
Bewertung: 11/15 Punkten (FF 11, KR 12, MBü 12)

Evergrey – Escape Of The Phoenix (AFM Records/Soulfood, 26.02.21)

Credit: Patric Ullaeus/GiannisNakos

Tracklist:
1. ‚Forever Outsider‘ (4:09)
2. ‚Where August Mourn‘ (5:31)
3. ‚Stories‘ (6:40)
4. ‚A Dandelion Cipher‘ (4:34)
5. ‚The Beholder‘ (feat. James LaBrie) (5:49)
6. ‚In The Absence Of Sun‘ (6:07)
7. ‚Eternal Nocturnal‘ (4:34)
8. ‚Escape Of The Phoenix‘ (4:11)
9. ‚You From You‘ (5:18)
10. ‚Leaden Saints‘ (5:56)
11. ‚Run‘ (5:51)

Besetzung:
Tom S. Englund (Gesang, Gitarre)
Henrik Danhage (Gitarre)
Rikard Zander (Keyboards)
Jonas Ekdahl (Schlagzeug)
Johan Niemann (Bass)

Gastmusiker:
James LaBrie (Gesang – Track 5)

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Konzertbericht: 27.09.17, Siegburg, Kubana
Rezension: „A Storm Within“
Interview: Tom S. Englund und Johan Niemann, Evergrey, zu „The Storm Within“, musikalischen Einflüssen und dem 20jährigen Jubiläum der Band
Rezension: Tom S. Englund and Johan Niemann, Evergrey, on „The Storm Within“, musical influences and the band’s 20th anniversary

Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von AFM Records zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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