Silent Skies – Satellites

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Silent Skies – Satellites (Sweet Lemon/AFM Records, 11.12.20)

© Hiki Kramer

(55:37, Digital, CD, Vinyl, Sweet Lemon (Soulfood)/AFM Records, 2020)
Silent Skies ist die Kollaboration zwischen Tom S. Englund, seines Zeichens Frontmann der schwedischen Progressive Metal Institution Evergrey, sowie dem klassischen Pianisten Vikram Shankar, der für seine Arbeit mit seiner Band Lux Terminus bekannt ist und zuletzt durch seine Beteiligung an „Skylighting“, dem Zweitwerk der puertorikanischen Band Avandra Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte.

Silent Skies ist nicht die erste Band, in welcher Englund und Shankar miteinander arbeiten, denn beide Künstler sind Mitglied bei der US-Amerikanischen Band Redemption. Tom Englund ist es übrigens zu verdanken, dass Vikram Shankar heute Keyboarder bei Redemption ist, denn er war es, der den Keyboardvirtuosen mit Bandkopf Nick van Dyk bekannt gemacht hat. Englund selbst war zuvor durch YouTube auf Shankar gestoßen, wo der eine fesselnd sensible Klavierinterpretation von Evergrey’s ‚Distance‘ online gestellt hatte. Englund erkannte in Shankar schon damals einen verwandten musikalischen Geist, der ihm helfen konnte, neue musiklische Ausdrucksformen zu kanalisieren:

I heard an instant musicality coming from him. He can take one chord and add one melody note and immediately you understand he has this deep musical knowledge.

Doch nicht nur Englund war von Shankars Tastenspiel beeindruckt, auch die Stimme des Evergrey-Sängers hatte einen grundlegenden musikalischen Einfluss auf den Pianisten:

Tom’s singing in particular has been very influential – my favourite way to play melodically is to emulate and channel the emotional impact of the human voice, and his has an impact unlike any other.”

Schon während der ersten E-Mails, welche die beiden Musiker miteinander austauschten, kamen die Grundideen auf, die später die Basis für Silent Skies bilden sollten: die Idee von Klanglandschaften, die in der Filmmusik verwurzelt sind. Filme für das innere Auge.

Insgesamt sind vier Jahre vergangen, von der ersten Idee für das neue Projekt bis hin zur Veröffentlichung von „Satellites“ kurz vor Weihnachten 2020. Das Ergebnis ist eine musikalisch ausgereifte Aufnahme mit großem emotionalem Tiefgang.

Wer aufgrund der Hauptbands der beiden Protagonisten auf die musikalische Ausrichtung von Silent Skies zu schließen versucht, der könnte falscher kaum liegen. Denn Silent Skies ist weder progressiv im klassischen Sinne, noch hat das Projekt auch nur in Ansätzen etwas mit Metal zu tun. Stattdessen handelt es sich bei „Satellites“ um ein Album, auf dem fast ausschließlich die Stimme von Tom Englund sowie die Tasteninstrumente von Vikram Shankar zu hören sind. Einzige Außnahme ist der durch Leprous bekannt gewordene Gastmusiker Raphael Weinroth-Browne, der die Aufnahme mit seinem Cello-Spiel bereichert.

Doch im Ergebnis ist „Satellites“ viel mehr als nur von Gesang begleitetes Pianospiel, es erinnert vielmehr stark an jene Künstler, welche Vikram Shankar als zwei seiner musikalischen Haupteinflüsse bezeichnet, nämlich den isländischen Multiinstrumentalisten Ólafur Arnalds sowie den britischen komponisten Max Richter. Was die beiden Musiker erschaffen haben, sind bewegende musikalische Klanglandschaften, die die Seele erquicken.

Einzelne Stücke von „Satellites“ heraus zu heben erachte ich als sinnlos, da die Platte als Gesamtwerk zu verstehen ist. Denn selbst Cover-Versionen wie ‚Here Comes The Rain Again‘ von den Eurythmics, oder das eingangs bereits erwähnte ‚Distance‘ von Evergrey fügen sich nahtlos in das musikalische Gesamtkonzept ein.

Herausgehoben werden muss allerdings die Sangesleistung von Tom Englund, da er hier viel sanfter, eleganter und dynamischer klingt als auf irgendeiner seiner bisherigen Veröffentlichungen.

Für mich persönlicher war „Satellites“ mein Soundtrack für die Adventszeit 2020. Sanfte melancholische Musik für die Seele, die in ihrer Essenz fast nackt und zerbrechlich wirkt. Es ist Musik, die zur Meditation einlädt, den Geist erdet und wie für Kerzenschein gemacht ist. Ganz großes musikalisches Kopfkino!
Bewertung: 13/15 Punkte

© Patric Ullaeus

Tracklist:
1. ‚Horizons (Extended Version)‘ (8:04)
2. ‚Endless‘ (4:51)
3. ‚Dreams‘ (4:55)
4. ‚Us‘ (6:47)
5. ‚Solitude‘ (6:12)
6. ‚Oceans‘ (4:18)
7. ‚Here Comes The Rain Again‘ (5:43)
8. ‚Walls‘ (4:50)
9. ‚Distance‘ (6:28)
10. ‚1999‘ (3:36)

Besetzung:
Tom S. Englund (Gesang)
Vikram Shankar (Piano & Keyboards)

Gastmusiker:
Raphael Weinroth-Browne (Cello)

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von AFM Records zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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Silent Skies – Satellites

von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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