Tom S. Englund und Johan Niemann, Evergrey, zu „The Storm Within“, musikalischen Einflüssen und dem 20jährigen Jubiläum der Band

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»Ich denke also, wir haben es auf den letzten beiden Alben geschafft, das komplette Evergrey-Package, das vielleicht tatsächlich komplex in Struktur und Musik ist, in ein Format zu bringen, das von ‚einfachen‘ Leuten auch anerkannt wird.«

Im Vorfeld der Veröffentlichung des zehnten Evergrey-Albums, „A Storm Within“, hatten wir die Gelegenheit mit Tom S. Englund (vocals/guitar) und Johan Niemann (bass) über Skype ein bisschen über das neue Album, alte und neue musikalische Einflüsse und die Zukunftspläne der Schweden zu plaudern (english version of this interview).

Evergrey Logo

Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren und zehn Alben von Evergrey!

Beide: Vielen, vielen Dank!

„The Storm Within“ ist am gerade erschienen – das zweite Album nach der Reunion mit Henrik (Danhage, gtr) und Jonas (Ekdahl, dr) vor zwei Jahren. Liefen Songwriting und Recording anders als bei „Hymns for the Broken“ ab, oder hat es sich für euch angefühlt wie früher?

Johan: Keine Ahnung, ich würde sagen, es war ziemlich ähnlich, nicht wahr (Wir können Toms Nicken förmlich durch das Telefon hören.)? Wir decken beim Songwriting wohl das gesamte Spektrum ab, von einem ganzen Song, der von jemandem angebracht wird bis hin zu kurzen Riffs und Ideen, die wir dann gemeinsam zu einem fertigen Song entwickeln. Also würde ich sagen, es gab da keinen Unterschied zu früher.

Evergrey - The Storm Within

Wo liegen für Euch die Unterschiede (oder auch Gemeinsamkeiten) von „The Storm Within“ zu dem Vorgängeralbum „Hymns for the Broken“ was Sound, Stimmung und Atmosphäre angeht?

Tom: Ich denke, für mich fühlt sich „The Storm Within“ ein bisschen wie ein dunklerer Bruder von „Hymns for the Broken“ an und er ist nicht so gefällig. Er ist ein bisschen schwieriger, hat mehr Ecken und Kanten und er ist auch launischer. Außerdem denke ich, dass der Sound insgesamt ein wenig klinischer ist, da wo er klinischer sein muss, trostlos. Und ich denke, diese Kombination dieses klinischen, fast digitalen Sounds mit den warmen, analogen Stimmen, das ist es, was das Album produktionstechnisch so toll klingen lässt. Ich denke auch, dass es auf „Hymns for the Broken“ einen gewissen Schimmer an Hoffnung gab, und ich denke auf diesem Album ist die Hoffnung eine erhebliche Anzahl von Kilometern entfernt. Da ist nicht viel Hoffnung übrig.

Johan: Sehr trostlos. Unwirtlich. Sehr düster. Nicht wirklich ein fröhliches Album.

Aber das würde ja sowieso niemand von euch erwarten, oder?

Beide: (lachen zustimmend)

Johan Niemann (l.) und Tom S. Englund

Habt ihr persönliche Lieblingssongs auf dem Album, abgesehen von den Video-Singles?

Tom: Für mich auf jeden Fall ‚The Impossible‘. Das ist sehr persönlich für mich. Aber ich mag ‚Disconnect‘ auch sehr gerne, da es in gewisser Weise das komplette Album repräsentiert.

Johan: Es wechselt jedes Mal, wenn ich es mir anhöre. Gestern habe ich es mir noch mal angehört als wir hierher geflogen sind. Ich saß an der Bar am Flughafen in Stockholm, genoss ein Glas Rotwein, hörte mir das Album an und hatte ein super gutes Gefühl. Ich liebe jeden Song, vor allem ‚The Lonely Monarch‘. Ich dachte mir: „Das ist der beste Song überhaupt.“ Dann kam der nächste Song und ich dachte nur: „Oh nein nein nein, das ist der beste Song überhaupt!“

So geht es mir tatsächlich mit den letzten drei Songs. ‚The Lonely Monarch‘ fühlt sich für mich eher wie eine Einleitung für den epischen Schlussteil an.

Johan: Ja, genau so ist es! Da wir gerade von den letzten drei Songs sprechen, ‚The Storm Within‘ ist auch einer meiner Lieblingssongs. Der ist einfach unglaublich. Und auch ‚The Paradox of the Flame‘ ist ein besonderer Song für mich.

Tom: Hast Du jetzt alle Songs erwähnt?

Johan: Ja, hab ich. Sie sind alle meine Lieblingssongs. Sie sind alle wie Babys.

Tom (mit einer hohen Mädchenstimme): Das ist mein Allerallerlieblingssong …

Johan: (lacht)

Tom (wieder ernst): Jetzt bereue ich es, dass ich nicht ‚The Storm Within‘ gesagt habe, denn das ist einer von den Songs, der mir zeigt, wie absolut dankbar ich dafür bin, in einer Band zu sein, Musik mit meinen Freunden aufzunehmen. Und sowohl musikalisch als auch textlich ist es einer der Songs, der sich absolut am stärksten anfühlt.

Der Song ‚In Orbit‘, mit Gastsängerin Floor Jansen (Nightwish), hat einen der am leichtesten zugänglichen, geradlinigsten, geradezu Radio-freundlichsten Evergrey-Refrains jemals. Ist das in irgendeiner Form ein Hinweis über die Richtung, in die Evergrey in Zukunft gehen wird oder können wir eher mehr von dem epischen Feeling des Titeltracks erwarten?

Tom: Ich würde sagen das ist ein Elftel des Albums, also ungefähr 8 Prozent oder so. Daher stehen die Chancen, dass wir in diese Richtung gehen werden, bei genau 8 Prozent. (Alle lachen). Also wird es wohl eher nicht passieren. Aber es ist so, dass ich auf jeden Fall finde, dass alle diese Elemente zu Evergrey gehören. Und außerdem bei diesem Song, der Teil nach dem zweiten Refrain, diese Bridge ist einer der progressivsten Parts auf dem Album. Ich denke also, wir haben es auf den letzten beiden Alben geschafft, das komplette Evergrey-Package, das vielleicht tatsächlich komplex in Struktur und Musik ist, in ein Format zu bringen, das von ‚einfachen‘ Leuten auch anerkannt wird.

Die ultimative Evergrey-Geheimwaffe ist nach wie vor Carina Englund, die auf fast jedem Evergrey-Album bisher einen Gastauftritt hatte. Ihr Duett mit dir, Tom, auf ‚The Paradox of the Flame‘ ist einfach so schön, dass es mir jedes Mal das Herz bricht.

Tom: Dankeschön!

Gibt es irgendeine Chance, dass sie wieder mit Euch auftreten wird, vielleicht sogar mit Euch auf Tour gehen?

Tom: Mit auf Tour gehen wird sie nicht, nein. Einfach weil sie nicht will. Verständlicherweise jedoch, da sie nicht so ein großer Teil von Evergrey ist. Sie hat jedoch eine extrem wichtige Position im Evergrey-‚Flavour‘, sie hilft uns, na ja, gut zu klingen. Auf der anderen Seite ist sie eben auch dieses extra Aroma, sie ist keiner von uns fünf Typen, die das jeden Tag machen. Also, sie will nicht, wir wollen nicht. Aber natürlich wird sie mit dabei sein, wenn wir wieder eine besondere Show machen. Und ich denke, Floor wird auch am Start sein, wenn es in ihren Terminkalender passt, sicher. Wir versuchen immer, unserem Publikum so viel wie möglich bieten zu können.

Das Evergrey-Livealbum „A Night to Remember“ wurde 2005 veröffentlicht, das ist schon elf Jahre her. Vielleicht ist es ja Zeit für eine weiter Live-Veröffentlichung!?

Tom: Oh, das ist in der Tat schon eine ganze Weile her, also ja!

Tom, in Matt Spalls (themanofmuchmetal) Rezension zu „The Storm Within“ habe ich gelesen, dass deine Tochter Salina im Chor am Ende des ersten Songs, ‚Distance‘, mitgesungen hat. Gibt es da noch weitere talentierte Familienmitglieder, die darauf warten entdeckt zu werden?

Tom: Also, ich habe keine weiteren, hoffe ich… (lacht) Sie sind alle da. Salina war auch schon bei „Hymns for the Broken“ dabei, da hat sie gesungen und gegrowlt, sie ist also ein wirkliches Biest. Ich bin mir sicher sie wird das werden, was auch immer sie werden will in der Musik, da sie wirklich talentiert ist. Auf der anderen Seite ist das nur ein Abenteuer für sie, um ihre Freunde aus der Schule mitzubringen, sie geht auf ein musisches Gymnasium. Es war eine coole Sache. Eine tolle Sache für uns, da sie alle sehr talentiert sind und es sich einfach großartig anhört.

Habt ihr irgendwelche neuen musikalischen Einflüsse, Bands, Künstler oder bestimme Stile im Metal/Rock-Bereich (oder auch außerhalb), die es entweder noch nicht gab, als ihr angefangen habt, oder die ihr vielleicht erst im Laufe der Zeit für euch entdeckt habt?

Johan: Ich denke, als Musiker hörst du immer neues Zeug, du suchst fortwährend nach neuen Einflüssen und Inspirationen. Das ist nur natürlich. Meinst du jetzt spezifische Sachen, die wir in letzter Zeit gehört haben?

Was auch immer euch in den Sinn kommt, wenn ihr daran denkt, dass ihr, sagen wir mal große Iron Maiden- oder Dream Theater-Fans wart als ihr angefangen habt.

Tom: Wir sind immer noch große Maiden-Fans!

Johan: Wir hören allerdings immer noch „Somewhere in Time“ … (beide lachen herzhaft).

Tom: Wir sind so große Musikliebhaber, dass wir ziemlich viel Musik hören, die ganze Zeit. Speziell für dieses Album. Es gibt eine französische Elektro-Band, M83, die uns sehr beeinflusst hat, was die Atmosphäre des Albums angeht. Also, da gibt es wirklich viele verschiedene Sachen. Aber gleichzeitig sind da natürlich auch die Bands, die von Anfang an da waren. Wie Iron Maiden, Johan: Queensrÿche, Tom: Yngwie Malmsteen. Aber moderne Bands, die ich heutzutage viel höre, sind z. B. Bon Iver (keine Metalband), Susanne Sundfør (auch keine Metalband, haha), TesseracT (das ist eine Metalband), Katatonia waren noch nicht da als wir angefangen haben. Das heißt, es gab sie schon, aber ich kannte sie noch nicht. Was noch?

Johan: Wirklich alles das – gut ist. Einfach alles ist ein Einfluss in dem Sinne, dass wenn du etwas hörst, das dir gefällt, dann wird es dich inspirieren und du sagst: ‚Wow, das klingt einfach großartig!‘. Oder du hörst etwas, das dir vielleicht nicht gefällt. Und es inspiriert dich, es nicht so zu machen wie die. Es ist echt schwierig, es gibt so unglaublich viele Bands, die man sich anhören könnte, also ist es wirklich schwierig, da ein paar herauszupicken. Wie ich gesagt habe, wir hören einfach alles.

Interessant, dass du Susanne Sundfør erwähnst, Tom. Letztes Jahr sind wir dem Song ‚Memorial‘ von ihrem letzten Album „Ten Love Songs“ regelrecht verfallen.

Tom: Ich liebe ‚Kamikaze‘. Hast du dir ihr erstes Album auch angehört?

Nein, noch nicht.

Tom: Das ist das beste Album, das jemals aufgenommen wurde!

Würdet ihr euch selbst als Progressive Metal Band bezeichnen, oder wie würdet ihr die Musik von Evergrey jemandem beschreiben, der noch nie etwas von euch gehört hat?

Johan: ‚Progressive‘ als Label ist irgendwie schwierig.

Tom: Es ist irgendwie langweilig.

Johan: Ja, ich meine, es sagt eigentlich im Grunde gar nichts aus. Das kann Opeth, Dream Theater, King Crimson oder Genesis heißen, aber eben auch Queensrÿche, selbst Iron Maiden habe progressive Einflüsse.

Tom: Und wie!

Johan: Ja, wenn du dir den verdammten „Rime of the Ancient Mariner“ anhörst, der Song ist verdammte 15 Minuten lang, also wenn das nicht ‚progressiv‘ ist weiß ich auch nicht. Wenn du das also damit meinst, dann ja, dann würde ich sagen, dass wir eine progressive Band sind. Es ist schwierig. Ich glaube, wir denken von uns selbst nicht in den Kategorien, dass wir entweder das eine oder das andere wären. Wir machen einfach die Musik, die wir machen wollen und das ist einfach großartig!

Tom, bitte erzähle uns ein wenig über die Texte von „The Storm Within“. Im Pressetext ist davon die Rede, dass es das größte Konzept ist, das Evergrey je in Angriff genommen hat.

Tom: Also, am größten im Sinne davon, dass wir alles genauso hinbekommen haben, wie wir uns das am Anfang vorgestellt hatten. Am größten im Sinne davon, dass wir dieses Bild im Kopf hatten, als wir mit dem Schreiben angefangen haben, und dieses Bild ist genau das, was man in den Videos sehen kann. Auch in dem Sinne, dass wir über Aspekte des Lebens schreiben, mit denen sich viele Menschen identifizieren können. Genauer gesagt, die Aspekte dessen, derjenige zu sein, der zurückgelassen wird. Entweder durch Tod oder weil deine Liebe dich verlassen hat. Auf dem Album geht es genau darum, derjenige zu sein, der zurückgelassen wurde. Es geht um die Gedanken, die aussetzen, die gewalttätigen Gedanken, es geht um unmoralisches Handeln. Das Gefühl der Sinnlosigkeit, der Bedeutungslosigkeit. Und es geht auch darum, die gemeinsame Zeit zu ehren, die man zusammen hatte, darum zu trauern.

Als ich vor ein paar Tagen „The Storm Within“ zum x-ten Mal gehört habe, sind mir zwei kleine Textschnipsel aufgefallen: ‚In search of truth‘ und ‚torn‘. Kann es sein, dass du absichtlich alle Evergrey-Albentitel zum Spaß darauf versteckt hast?

Tom: (lacht) Nein, hab ich nicht. Aber du hast recht, ich singe ‚in search for truth‘. Bei ‚torn‘ bin ich mir nicht sicher. Aber ich glaube, das singe ich eh auf jedem Album.

Wie wichtig ist es, Spaß beim zusammen spielen und miteinander abhängen zu haben, wenn man in einer Band spielt, die berühmt ist für ihre düstere Atmosphäre?

Tom: 100 Prozent!

Johan: Das bedeutet alles! Absolut alles. Denn wenn du auf Tour bist und jeden Tag spielst für vier Wochen hintereinander, dann ist das einzige was du tust auf die Bühne gehen und das ist im Prinzip als ob du in einen Keller gehst, in dem absolute Dunkelheit herrscht. Wenn das alles ist, was du tust, dann wirst du dich umbringen. Es ist so unglaublich wichtig, Spaß zu haben und wenn du in einer Band voller schlechter Komiker bist, dann ist alles okay. Wir haben so viel Spaß miteinander, es ist einfach großartig.

Evergrey 2016

Johan, du hast in einer Band namens Mind’s Eye gespielt. Was ist aus denen geworden?

Johan: Oh, diese Frage habe ich nicht kommen sehen. Wow, das ist einige Jahre her. Wir haben tatsächlich Material für ein weiteres Album, aber kein Label scheint interessiert daran zu sein, das Album mit uns zu veröffentlichen. Wir können die Albumproduktion einfach nicht stemmen mit den Budgets, die uns angeboten werden. Also wird es wohl leider nie zustande kommen. Wir haben ein genaue Vision davon, was wir machen wollen, aber wenn wir es nicht hinkriegen, dann lassen wir’s lieber ganz bleiben.

Zurück zu Evergrey: Ihr werdet im Herbst Delain als Special Guests auf großer Europatour begleiten. Glaubt ihr nicht auch, dass es angemessen wäre, das 20jährige Jubiläum mit einer eigenen Headliner-Tour zu feiern?

Tom: Das werden wir auch machen. Im nächsten Jahr dann. 21jähriges Jubiläum, haha! Also ich denke es ist eine gute Gelegenheit für uns um ein paar Songs vor einem Publikum auszuprobieren, das nicht unbedingt unseres ist. Also für uns ist das eine coole Sache, die Konditionen sind gut.

Johan: Ja, es ist eine Gelegenheit, um unser Publikum zu erweitern.

Zu guter Letzt: Tom, du hast verlauten lassen, dass es dein Lebensplan war, zehn Alben zu veröffentlichen. Wirst du jetzt, da du dieses Ziel erreicht hast, aufhören?

Tom: Natürlich! (Alle lachen). Nein, so wie es sich gerade anfühlt, können wir weiterhin Alben aufnehmen bis in alle Ewigkeit, weil es mühelos ist, wir zufrieden sind und vor allem da wir inzwischen sicher gehen können, dass wir es zu unseren eigenen Bedingungen machen können. In Anbetracht dessen, mit dem Wissen, dass dies nicht das Ende ist, kann ich mir vorstellen, auf jeden Fall mindestens ein weiteres Album mit den Evergrey-Jungs zu machen innerhalb der nächsten zwei Jahre. Das ist also noch nicht das Ende. Das ist lediglich der Anfang. Vielleicht sind wir ja erst auf halber Strecke.

Auf zu den nächsten zehn Alben also!?

Tom: Nochmal zehn Alben? Puh, wahrscheinlich nicht … (alle lachen)

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Fotos: AFM-Pressefreigaben, Patric Ullaeus

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Tom S. Englund und Johan Niemann, Evergrey, zu „The St…

von Dario Albrecht Artikel-Lesezeit: ca. 10 min
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