Steven Wilson zu „To The Bone“

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»Die Fans hätten damit rechnen müssen«

Die Einschläge für Steven Wilsons Nachfolger zu „Hand. Cannot. Erase“. (HCE) kamen näher und wurden dabei beständig heftiger. Das 2015 erschienene Konsens-Prog-Album, das nicht nur bei uns die Jahres-Top-10 klar dominierte, hatte eine gewaltige Erwartungshaltung geschürt. Der Wechsel des britischen Künstlers von Kscope zu Caroline war der erste Paukenschlag, dem Trommelwirbel in Gestalt von Video-Auskoppelungen folgten.

Während ‚The Same Asylum‘ an vergangene Großtaten anknüpfend sogar Porcupine Tree-Fans noch in falscher Sicherheit wiegen konnte und ‚Pariah‘, das Duett mit der großartigen Ninet Tayeb, gar auf ein zweites „HCE“ hoffen ließ, machten die folgenden Vorab-Clips mit solchen Vorstellungen kurzen Prozess.

 

Schon die Elektrobeats des ‚Song Of I‘ feat. Sophie Hunger ließen die Sirenen der Prog-Polizei aufheulen.

Hinzu kamen Gerüchte über einen kompletten Austausch von Steven Wilsons Band. Spätestens seit dem unverschämt fröhlichen ‚Permanating‘, dessen Disco-Rhythmik von Lasse Hoile noch als Pop-Soundtrack für ein Holi-Fest inszeniert wurde, machte das böse Wort vom Anbiedern und Ausverkauf die Runde.

Umso besser daher, dass der amtierende King of Prog und möglicherweise künftige King of Pop freundlicherweise zwei Betreuern kurzfristig eine Audienz zu „To The Bone“ gewährte.

Glückwünsche dazu, die gesamte Prog-Szene bis auf die Knochen („to the bone“) und bis ins Mark erschüttert zu haben!
[irritiertes Schweigen, dann vorsichtiges Lachen]

Habe ich das? Nun, ich nehme an, dass das eine gute Sache ist?

Aber die Marketingstrategie für den Album-Launch legt es doch darauf an, ein breites Pop-Publikum zu bezirzen und nimmt es mindestens in Kauf, die alten Prog-Fans zu schockieren? Damit musstest Du doch einfach rechnen, wenn es nicht sogar im Kalkül war?

»Ich habe nie behauptet, ein Progressive Rock-Künstler zu sein«

Ich habe zumindest nicht bewusst versucht, ein möglichst umstrittenes Album zu veröffentlichen – „To The Bone“ ist nur genau das Album, das ich machen wollte! Ich habe ja nie behauptet, ein Progressive Rock-Künstler zu sein. Ich habe natürlich ein paar Alben gemacht, die in dieses Genre passen. Aber auch etliche Aufnahmen in vielen anderen Stilistiken. Insofern hätten die Fans damit rechnen müssen, um Deine Frage aufzugreifen. Sie hätten vorgewarnt sein können, dass ich etwas Unerwartetes tue.

Steven Wilson - To The Bone (2017) Frontcover

Besondere Wellen haben die personellen Umbesetzungen geschlagen. Die Label-Info schweigt sich dazu komplett aus, aber schon vor einiger Zeit war zu lesen, dass Du Dich von Marco Minnemann und Guthrie Govan getrennt hast? Wer spielt Gitarre, Schlagzeug und Bass auf „TTB“?

Die Gitarren spiele ich selbst – auf ‚Song Of I‘ und ‚Detonation‘ ist es David Kollar (KoMaRa). Den Bass bediene auch größtenteils ich (auf ‚The Same Asylum‘ und ‚Detonation‘ ist es Robin Mullarkey, auf ‚Permanating‘ Nick Beggs, d. Red.). Drums spielen Craig Blundell (u.a. Frost*) und Jeremy Stacey (u.a. The Lemon Trees, Squackett, Sheryl Crow). Viele Keyboard-Parts habe ich übernommen, aber auch Adam Holzman ist vertreten. Mark Felthams Mundharmonika (u.a. Nine Below Zero, Rory Gallagher) ist auf ‚To The Bone‘ und ‚Refuge‘ zu hören. Den letztgenannten Song hat auch das Elektronik-Duo Necro Deathmort bearbeitet und geprägt. Die Streicher auf ‚The Same Asylum As Before‘ stammen vom London Session Orchestra und wurden von Dave Stewart arrangiert. (Hier findet sich eine Tracklist mit detaillierter Besetzungsliste. Zur Rolle von Co-Autor Andy Partridge (XTC) siehe hier, d. Red.).

»Alles was ich tue, hat mit Wechsel zu tun«

Warum überhaupt all diese Wechsel? Bei unserem letzten Gespräch hattest Du Dich so stolz über Deine Band geäußert, in der Du unter anderem ein paar der besten Jazzmusiker Prog spielen ließest. Nun lässt Du (im weitesten Sinne) Jazzer wie Sophie Hunger Pop spielen – wieso?

Es stimmt schon, ich war und bin immer noch stolz auf diese Band. Aber das ist genau das Ding: Alles was ich tue, hat mit Wechsel zu tun, mit Entwicklung. Ich möchte mich nie wiederholen. Niemals. Die Musiker, die ich besonders verehre, wie David Bowie, Frank Zappa, Prince, Peter Gabriel oder Kate Bush haben ihren Sound permanent weiterentwickelt! Keinen von ihnen, und die Liste ist natürlich erheblich länger, kannst Du auf ein bestimmtes Genre reduzieren. Durch ihre Weiterentwicklung und durch das Kombinieren unterschiedlicher Stile haben sie Hybriden geschaffen, die für Fortschritt, für Progression in der Kunst gesorgt haben. So ein Künstler möchte ich auch gerne sein.

Vor jeder Produktion frage ich mich: „Welche Existenzberechtigung wird dieses Album in meinem Veröffentlichungskatalog haben – was wird es abheben? Daraus ergibt sich zwangsläufig das Ausprobieren unterschiedlicher Musikrichtungen. Und wenn Du das tust, wenn Du Dich also in andere Richtungen bewegst, ist die erste Frage, die Du Dir stellen solltest – welche anderen Musiker passen am besten zu diesem Stil? Vielleicht lautet manchmal die Antwort sogar „gar keine“. Es gibt Stücke auf „TTB“, auf denen ich Bass, Gitarre und diverse Tasteninstrumente spiele und auch programmiert habe und natürlich auch singe. Das sind also tendenziell mehr Solo-Aufführungen.

Ich möchte das alles nicht kaputt analysieren. Manchmal ist es tatsächlich sogar unmöglich, eine befriedigende Antwort auf das „wieso“ zu geben. Aber es fühlte sich richtig an, dieses Album komplett anders als die vorhergehenden zu schreiben und aufzunehmen. „HCE“ hat die Band in einer Woche im Studio aufgenommen. Für das eher Song-basierte „TTB“ hingegen habe ich volle zwei Monate im Studio experimentiert und dabei sehr viel selbst eingespielt und aufgenommen.

Verstanden. Wer wird dann 2018 mit Dir im Tourbus sitzen?

Das wird sich gar nicht so sehr von der Band der letzten Tour unterscheiden: Ihr kennt ja Craig am Schlagzeug schon, Nick am Bass, Adam an den Tasten und Ninet wird auch dabei sein. Die einzige echte Änderung wird es bei der Gitarre geben, weil Dave Kilminster wieder zurück zu Roger Waters ist. Die Auditions laufen gerade.

Da sind wir sehr neugierig.

Ich auch!

Wie bald musst Du jemanden gefunden haben?

[lacht]Gestern.
[ernst]Die Tournee startet im Februar. Da das visuelle Konzept der Shows nochmals ausgefeilter als bislang ausfallen soll, brauchen wir mehrere Monate Vorlaufzeit. Also bis Ende August muss diese Entscheidung gefallen sein.

»Vielleicht mache ich irgendwann einmal ein Album, das sich ganz auf Elektronik konzentriert«

In Deinem Solo-Schaffen hast Du bislang unter anderem vorgeführt, wie Du die Einflüsse von Progrock der Siebziger und Pop der Achtziger (Talk Talk „Colour Of Spring“, Tears For Fears „Seeds Of Love“) aufgreifst und transformierst. Welche anderen wichtigen Einflüsse gibt es noch, die darauf warten, in ein Steven Wilson-Album verwandelt zu werden?

Wenn Du damit „TTB“ meinst, wäre das eine starke Vereinfachung, denn da gibt es ja auch noch Elektronik, Singer-Songwriter, epische Balladen, Punk-Energie (‚People Who Eat Darkness‘). Meine Einflüsse erstrecken sich von extremem Noise und Industrial bis zu Disco, aber das wird häufig einfach nicht wahrgenommen.

Um aber auf Deine Frage zurückzukommen: Der Rhythmus-Track von ‚Song Of I‘ ist pure Elektronik. Vielleicht rührt das von meiner Liebe zu Aphex Twin oder Depeche Mode her. Vielleicht mache ich irgendwann einmal ein Album, das sich ganz auf diese Seite meiner Arbeit konzentriert.

»So ziemlich alles in der Musik scheint heute bereits gesagt worden zu sein«

Frage einer unserer Kolleginnen an Dich – Gibt es ein Musik-Jahr oder eine Phase, zu der Du gerne zurückkehren können wolltest? Und falls ja, würdest Du es nur genießen oder auch aktiv mitmischen wollen?

Ich denke wirklich, dass es so etwas wie „goldene Zeiten“ in der Pop- und Rock-Musik gibt. Die späten Sechziger mit ihrer Anspruchs-Explosion, die uns durchkonzipierte Alben als Kunstform beschert haben. Aber die Achtziger waren auch eine ganz besonders aufregende Zeit, in der die Einführung von Sampling-Technologie vieles erstmals ermöglicht hat. Schwer zu sagen, wie ich bei einer „Rückkehr“ in diese Ära meine Persönlichkeit einbringen würde. Ich würde gerne glauben, dass ich einer der Innovatoren wäre. Eine der Schwierigkeiten eines Musik-Künstlers im 21. Jahrhundert ist: Es ist wirklich schwer geworden, mit etwas komplett einzigartig und neu klingendem zu überraschen. Das musikalische Vokabular ist bestens entwickelt, und so ziemlich alles scheint bereits gesagt worden zu sein. In den späten Sechzigern, frühen Siebzigern wirklich mitmischen zu können, wäre so aufregend, weil dies damals noch nicht der Fall war.

Die meisten Fans kennen und lieben Lasse Hoiles Arbeiten für unter anderem Dich. Wie involviert bist Du selbst noch in das Artwork für Alben und die Bühne, in das gesamte Bühnenkonzept?

Sehr involviert. Ich bin halt ein Kontrollfreak. Für mich endet der kreative Prozess nicht beim Schreiben und Aufnehmen von Musik. Sondern er sollte sich in jedem Aspekt der öffentlichen Darstellung fortsetzen. Jedem. Von der „Pausenmusik“, die man bei Betreten und Verlassen der Konzerthalle hört bis hin zum Design der T-Shirts am Merch-Stand soll das eine durchgehende „Steven Wilson Experience sein! Also nochmal, ich bin sehr involviert. Aber da ich kein Grafiker bin, brauche ich Menschen wie Lasse, die meine Ideen Realität werden lassen.

Eine Frage an den Kontrollfreak: Hast Du eine Vorstellung von den Ticketpreisen, die für Deine kommenden Konzerte aufgerufen werden?

Nein – warum, sind die überhöht?

Das war zumindest der Eindruck desjenigen, der uns Dich dies zu fragen bat.

Dann muss ich mit meinem Management darüber sprechen. Ich möchte, dass diese Erfahrung so vielen Menschen wie möglich offensteht. Vielleicht hat jemand sich überlegt, dass er mehr Geld mit mir verdienen kann.

Die Edition des Ange-Livealbums „Emile Jacotey Resurrection Live“ zu dessen 40. Geburtstag wurde mit einer DVD aufgewertet. Das Vorwort dazu sprichst Du! Wie kam es dazu?

Ich bin ein riesiger Ange-Fan, tatsächlich schon seit Kindertagen. Damals kehrte ein Freund einmal von einem Frankreich-Urlaub mit seinen Eltern mit einem Album zurück. Wir verliebten uns beide heftig in diese Mischung aus Jacques Brel und Progrock. Viele Jahre später besuchte Christian Décamps eine Porcupine Tree-Show und gab sich da als Fan von mir zu erkennen. Seitdem sind wir befreundet.

Danke für das Gespräch.

Die Fragen stellten meinereiner und Jürgen Meurer. An der Erstellung unseres kleinen Fragenkatalogs beteiligt hatte sich zuvor freundlicherweise die [progrock-dt]-Community auf Facebook.

Album photography and artwork: Lasse Hoile

Rezension des Albums

Steven Wilson - Lasse Hoile

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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Steven Wilson zu „To The Bone“

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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