Bent Sæther, Motorpsycho, zu „The Tower“

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»Die Mainstream-Konsumenten würden es auch nicht kapieren!«

Es ist ein fast alljährliches Szenario: Ein neues Album von Motorpsycho wird angekündigt, gefolgt von großem Zittern beim Autor, ob es wohl diesmal Risse im Sockel der Lieblingsband geben wird. Danach kommt das Anhören, das Entspannen und sodann das Platz in den Jahres-Top-10 freischaufeln. So lief es auch mit „The Tower“ wieder, dem noch das als Bühnenmusik für ein Theaterstück untypische „Begynnelser“ vorgeschaltet war. Vermehrten Anlass zum Zittern gab einer der seltenen Line-up-Wechsel: Kenneth Kapstad (Spidergawd) hatte die Band nach einem fantastischen Konzert in Köln im April ’16 verlassen und war durch Tomas Järmyr ersetzt worden. Für weitere Entspannung steht Bent freundlicherweise von den Turmzinnen aus Rede und Antwort.

Glückwünsche zur neuen Besetzung und zum neuen Album!

Danke schön!

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Wie habt Ihr Tomas gefunden und was hat sich geändert, seit er dazu gestoßen ist?

Thomas hat ein paar Jahre lang am Jazz-Konservatorium in Trondheim studiert und ist daher aktiv in der hiesigen Jazz/Noize/Rock-Szene. Wir kannten ihn und seine Arbeit (und umgekehrt) und als wir es ausprobiert haben, passte alles von Anfang an. Sein Schlagzeugspiel unterscheidet sich stark von dem von Kenneth – weniger Drumherum, meist spielt er überhaupt weniger und mehr auf den Punkt. Dadurch klingen die Songs anders, das ganze Rhythmusfundament der Band hat sich verlagert. Das ist wirklich aufregend!

Motorpsycho 2017: Snah, Tomas, Bent

Wer ist Gastmusiker Alain Johannes?

Alain war in den Achtzigern in einer Highschool-Vorstufe der Red Hot Chilli Peppers und wurde zu einer der Schlüsselfiguren der Rockszene von Los Angeles. Er war der Kopf von Eleven und hat einige Jahre mit QOTSA gearbeitet. Ein rundherum großartiger Musiker und Mensch, der nun der musikalische Direktor von PJ Harvey ist. Dieser Umstand – und dass er umziehen musste, während „The Tower“ entstand -, hat die Zusammenarbeit auch leider zeitlich ein wenig belastet, so dass er nur als Musiker und nicht als Produzent involviert war.

Unter einer „cigar box guitar“ kann ich mir noch etwas vorstellen, aber was mag eine „messenger guitar” sein, die Alain laut Label-Info spielt?

Das ist eine alte amerikanische E-Gitarre aus den Sechzigern, im Wesentlichen aus Aluminium.

Haakon Gullvaag - The Tower  
Motorpsycho – The Tower
(43:25+41:19, 2CD, Psychobabble/Stickman/Soulfood, 2017)
Bewertung: 13/15 Punkten

Teapot of the Week

„Teapot of the Week“ auf Betreutes Proggen in der KW36/17

Das schöne Gemälde auf dem Frontcover stammt von Hakon Gullvag und zeigt den Turmbau zu Babel, schätze ich. Ist „The Tower“ ein Konzeptalbim in diesem Sinne – Hybris und Strafe, Verlust der gemeinsamen Sprachbasis, Zusammenbruch der Kommunikation, Flüchtlingsproblematik?

Håkon Gullvåg ist einer der höchstverehrten Maler in Trondheim. Dieses Motiv war ein bereits existierendes Gemälde, das wir benutzen durften. Es heißt „The Tower of Babel“ und er hatte es für eine Ausstellung im Nidarosdom vor einigen Jahren gemalt.
„The Tower“ ist kein Konzeptalbum im Sinne einer durchgehenden Handlung. Aber alle Texte sind um die letzte US-Präsidentschaftswahl herum entstanden und eindeutig beeinflusst von der damals vorherrschenden Stimmung, also gibt es vielleicht doch einen thematischen Zusammenhang? Man kann dies sicher hineinlesen, wenn man das möchte.

Einige der Songs, ganz besonders ‚The Maypole‘, scheinen so ein Crosby, Stills, Nash-Feeling zu verbreiten – nachvollziehbar für Dich?

Der Song hat seine Anfänge, als Reine Fiske von Dungen in der Band war und er ist so etwas wie mein Versuch, ihr Ding zu meinem zu machen. Dadurch liegt etwas mehr Fokus auf dem Gesang als sonst bei uns üblich, obwohl harmonisch nichts wesentlich anderes passiert, als was wir schon oft gemacht haben. CSN&Y sind natürlich ein Archetyp wenn man über Harmoniegesang spricht – und man kann es kaum verhindern, nach ihnen zu klingen, wenn man sich in diese Gefilde begibt. Aber danke nochmal für das Kompliment – wir tun unser Möglichstes!

(Executive) Producer ist diesmal Dave Raphael (u.a. Brant Bjork) anstelle von Thomas Henriksen – warum?

Wir kennen Dave jetzt schon ein paar Jahre und haben auf zwei Sugarfoot-Alben mit ihm zusammengearbeitet. Es war klasse, für dieses Projekt in ein anderes Land zu gehen und mit neuen Leuten zu kooperieren – und ich glaube, das kann man auch hören! Wahrscheinlich machen wir künftig wieder was mit Thomas, aber bei „The Tower“ fühlte es sich richtig an, etwas Neues auszuprobieren.

Und warum die Rancho De La Luna?

Ich war schon zweimal mit Sugarfoot da und kenne die Vibes von diesem Studio. Wir brauchten gewissermaßen genau dieses Feeling für diese Songs- also gingen wir für ein paar Tage dorthin und „hippied out“. Außerdem liebe ich Dave Catching. Es war toll mitzuerleben, dass Snah und Tomas genau wie ich auf diesen Ort und seine Menschen reagiert haben!!

»Wir haben einfach keinen Ehrgeiz, Mainstream-Künstler zu werden. Unsere Talente und Interessen liegen auch abseits von dem, was heute Middle of the road konsumiert wird. Und ganz ehrlich: Die Mainstream-Konsumenten würden es auch nicht kapieren!«

Andere Künstler aus dem Progressive-Lager wechseln von bewährten Arbeitsbeziehungen zu größeren Labels, erklärtermaßen um Popstar zu werden. Ihr hingegen bleibt in Nibelungentreue beim so feinen wie kleinen deutschen Indie-Label Stickman – warum?

Wir haben einfach keinen Ehrgeiz, Mainstream-Künstler zu werden. Unsere Talente und Interessen liegen auch abseits von dem, was heute Middle of the road konsumiert wird. Und ganz ehrlich: die Mainstream-Konsumenten würden es auch nicht kapieren! Es wäre sicher nett, einen Riesenhaufen Platten zu verkaufen. Aber wir haben kein Talent für Popstar-Ruhm und für Arena-Konzerte und ziehen es wirklich vor, so zu arbeiten, wie wir das tun. Wir hatten in den Neunzigern durchaus einen kleinen Flirt mit dem Mainstream. Aber es hat uns nicht besonders gefallen und die negativen Seiten schienen die positiven immer zu überwiegen, daher haben wir alle diesbezüglichen Ambitionen abgelegt. Motorpsycho ist eine Nischenband geworden. Aber es wird immer Menschen geben, die etwas in unserer Musik entdecken, was sie anderswo nicht finden und das finden wir großartig. Auch die Bands, auf die wir abfahren, setzen keine Millionen Alben ab, und Ruhm hat nicht das Geringste mit irgendetwas zu tun.

In diesem Zusammenhang machen Stickman einen klasse Job in Deutschland und anderswo und wir sind glücklich mit Menschen zusammen zu arbeiten, die verstehen, was wir wollen.

»Letztes Jahr habe ich viel Ligeti, Bartok und Stravinsky gehört, außerdem Van der Graaf Generator und Magma«

Ihr habt Eure Fans mit bislang 31 Alben verwöhnt. Obwohl den meisten eine gewisse Schönheit gemeinsam ist, variiert dieses große Oeuvre doch meist stark unter vielen Aspekten. Vergleiche mit beispielsweise am anderen Ende der Skala Tool – wie schafft ihr es, derartig kreativ zu bleiben?

Hey, danke dafür! Naja, wir haben immer versucht, offen zu bleiben, was Musik angeht und interessieren uns erheblich weniger für Genres als für gute Musik – mit welchen Instrumentarium auch immer. Abwechslung und Bandbreite inspirieren uns und wir scheinen immer von etwas Neuem fasziniert zu sein, wenn wir neue Musik machen, also verändert die sich auch immer wieder.
Dass wir nie einen Hit hatten, erspart uns die Versuchung, auf eine Wiederholung zu schielen. Also haben wir das große Glück, tun zu können, worauf wir Lust haben. Letztes Jahr habe ich viel Ligeti, Bartok und Stravinsky gehört, außerdem Van der Graaf Generator, Magma and other „Esoteric Rock“-Bands. Und das erklärt möglicherweise einige Unterschiede zwischen „Here Be Monsters“ und „The Tower“. Es ist schwer, so etwas nachzuverfolgen. Aber was immer man wirklich aufnimmt, kann den eigenen Kram beeinflussen. Ich versuche, offen zu bleiben und nicht mit mir selbst von vor einem Jahr zu konkurrieren.

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Surftipps zu Motorpsycho:
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Interview: Bent Sæther zu „Here Be Monsters“ (german)
Interview: Bent Sæther zu „Here Be Monsters“ (english)
Konzertbericht, 28.04.16, Köln, Stollwerck
Konzertbericht, 19.06.14, Düsseldorf, Zakk
Konzertbericht, 04.08.12, Bad Doberan, Zappanale
Interview m. Bent zu „Behind The Sun“ (Empire Music No. 105):
Interview w/ Bent Saether, Motorpsycho
Bent Sæthers Top Five Songs (All Time Favs)
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Band-Fotos: Stickman, Live-Foto: Tobias Berk

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Über den Autor

Klaus Reckert

„everything happy, and progressive, and occupied“
K. Grahame, The Wind In The Willows

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Bent Sæther, Motorpsycho, zu „The Tower“

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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