Kristoffer Gildenlöw zu „Rust“ (2013)

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»Fast komplett allein eingesungen – und meistens auch noch im Dunkeln«

Das folgende Interview entstand 2013 für Nr. 78 vom Progressive Newsletter. Anlässlich seines Auftritts am 31.05.15 beim nicht genug zu empfehlenden konzert.XYZGig in der Christuskirche Hagen, wo er Árstíðir supported, wärmen wir das bislang noch nie online erschienene Gespräch hier gerne noch einmal für Euch wieder auf…

A propos: Noch sind Tickets für das besondere Event verfügbar, sie kosten nur 19,10 Euro!
Die Árstíðir-Kollegen wissen übrigens: „The concert will be opened by Kristoffer Gildenlöw. The Swedish singer/songwriter imagines the Hagener audience with an exclusive acoustic performance in which he will play not only songs of his current album ‚Rust‘, but also new material of the follow-up album, announced for 2016.“
Und das noch zum Thema „Rust“ never sleeps: Bitte beachtet unser noch bis zum 19.04.14 laufendes Gewinnspiel!

Auch wenn er ungern darauf reduziert wird, siehe unten: Kristoffer ist neben vielem anderem auch der jüngere Bruder von Pain Of Salvation-Mastermind Daniel Gildenlöw, dessen Band er auch angehörte, bis Kristoffer der Liebe wegen von Schweden in die Niederlande auswanderte. Wer nun glaubte, diese Entscheidung habe die Gipfelhöhe seines musikalischen Karriereflugs gekappt, der irrte sich: Er brachte gemeinsam mit seiner Frau Liselotte Hegt (u.a. Cirrha Niva, Epysode, A.A. Lucassen) mit Dial ein vielbeachtetes Projekt an den Start („Synchronized“, vgl. PNL Nr. 60) und hat überdies als Studio- und Tour-Musiker mit u.a. den folgenden Bands und Musikern gearbeitet: Dark Suns, The Shadow Theory, Damian Wilson Band, 11th Hour, The Consortium Project, Lana Lane oder Neal Morse. An seinem Solodebüt „Rust“ hat er sechs Jahre geschnitzt. Das Ergebnis klingt anders, als alles, was zumindest unsereiner von Kristoffer erwartet hätte. Argumente genug, dem Mann ein paar Fragen zu stellen!

Kristoffer-Gildenlow-Paul-Coenradie-Foto-Tobias-Berk
Es ist nachvollziebar, dass Du nicht immer (noch) als der kleine Bruder von Daniel eingeführt werden willst. Trotzdem ist mir die Ähnlichkeit Eurer Stimmen noch nie so aufgefallen wie bei „Rust“. Speziell ‚OverWinter‘ scheint sogar ein gewisses ‚Road Salt‘-Feeling zu haben – und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Bemerkst Du selbst eine Ähnlichkeit?

Von Zeit zu Zeit habe ich auch gemerkt, dass wir ein gewisses Timbre gemeinsam haben. Das ist vermutlich so, weil wir Brüder sind. Aber Daniel ist der viel bessere Sänger, ich bezeichne mich selbst eigentlich nicht mal als Sänger. Tatsächlich ist das bei den meisten Künstlern und Alben, die wirklich mein Herz berührt haben, auch so: Kleine „Mängel“ und das Feeling beim ‚rüberbringen der Texte scheint mir viel wichtiger als „perfekter“ Gesang zu sein. Und nur deshalb habe ich mich überhaupt getraut, auf „Rust“ selbst zu singen.

Wie ist die Beziehung zu Deinem Bruder dieser Tage so? Hast Du eine der Shows mit Arstidir und Anneke sehen können?

Leider nein. Und die Beziehung zu Daniel ist inzwischen rein „familiär“: Wir haben an Geburtstagen und manchen Feiertagen Kontakt, wie andere Brüder auch.

Deine Stimme war auf Dials „Synchronized“-Album selten klar zu hören, da sie meist irgendwie verborgen oder getarnt war – durch Effekte oder andere Stimmen. War das damals Absicht oder hat es sich einfach so ergeben?

Produktionstechnisch hätte sicher vieles besser laufen können, aber es war auch ein gewaltiger Lernprozess. Darum habe ich „Rust“ selbst produziert. Trotzdem sehe ich auch beim aktuellen Album noch Verbesserungspotenzial. Beim nächsten Mal bekomme ich es hoffentlich noch besser hin.

Für meinen Geschmack haben Deine Stimme und Dein Vortrag seit „Synchronized“ gewaltige Fortschritte gemacht. Was ist passiert?

Es ist einfach Zeit ins Land gegangen. Mit „Synchronized“ habe ich mich vor sechs Jahren zum allerersten Mal als Leadsänger versucht. Außerdem ist der Aufnahmeprozess anders verlaufen. Zum Beispiel war ich beim Dial-Album nie alleine im Studio, das mag mich damals noch etwas eingeschüchtert und gehemmt haben. Für „Rust“ hingegen habe ich meine Parts fast komplett allein eingesungen – und meistens auch noch im Dunkeln, um in die richtige Stimmung zu kommen. Und ich habe wirklich nur aufgenommen, wenn es sich richtig angefühlt hat.

Die poetische Schönheit der Texte und der Reiz der erzählten Geschichten steht jener der Musik nichts nach. Wie hast Du Dich in den alten Mann eingefühlt, der vor Einsamkeit fast stirbt? Wie bist Du auf Jon Piers‚ Geschichte gestoßen? (‚Callout‘)

Generell können meine Inspirationen von allem herrühren, was ich sehe, höre und fühle. Außerdem kann ich mich ganz gut in andere Menschen einfühlen, also auch in diesen. Tatsächlich gab es zuerst das Stück, das ich irgendwie mit Kommunikation via Telefon verbinden wollte. Mit Piers‚ Geschichte klappte das hervorragend.

Der Moment, in dem man begreift, dass es in „Believe“ auch um den Zusammenbruch einer Beziehung geht, ist ein kleiner Schock. Sollte das so sein?

Nein. Ab einem gewissen Punkt im Leben weiß man doch, dass sich bestimmte Dinge einfach nicht ändern lassen. Als Jugendlicher platzt man vor Energie und Ehrgeiz, die Welt zu verändern. Es gibt natürlich Menschen, die diesen Zustand nie verlassen und lebenslang versuchen, Grenzen zu verschieben. Andere prallen gegen Grenzen wie gegen eine Mauer. Der alte Mann in ‚Believe‘ akzeptiert die Welt wie sie ist – mit den Vorzügen und Handicaps, die er mitbekommen hat. Und er findet Frieden: ‚It has come to this‘, ‚I can live with this‘. In diesen Aussagen liegt Frieden und Hoffnung. Und eine erschöpfte Botschaft an das sich nebenan fetzende Paar: „there are more important things to use your energy on“.

Du hast einige „Hörspiel“-Elemente verwendet, wie die Schulhofgeräusche. Warum?

Mir ging es darum, den Zuhörer in die richtige Verfassung zu bringen und „ein Bild zu malen“. Das geht durch Melodien genauso wie mit Soundscapes und Geräuschen, ob es nun ein Kaminfeuer oder spielende Kinder sind, finde ich.

Wer hat das Gitarrensolo zu ‚Callout‘ beigesteuert?

Das ist von Paul Coenradie. Er ist ein phantastischer niederländischer Gitarrist, den ich kennengelernt habe, als wir mit Bert Heerink spielten, dem ehemaligen Vandenberg-Sänger. Er hat einen phantastischen Job gemacht, ich liebe seinen Ton.

Unglaublich schön finde ich das Gitarrensolo vom Titelstück. Es erinnert mich ein wenig an das, womit Guthrie Govan Steven Wilsons ‚Drive Home‘ verzaubert hat…

Das ist auch von Paul! Ich habe mit einigen Instrumentalisten experimentiert, aber Paul hat es wirklich ‚rausgerissen.
In gewisser Weise ist „Rust“ eine Verbeugung vor Pink Floyd, Roger Waters und Mark Knopfler, die mich alle irgendwie beeinflusst haben. Daher war es mir wichtig, dass dieses Solo „singt“, wie es auch bei Mark Knopfler, David Gilmour und Snowy White gesungen hätte. So, dass man mitsingen möchte und kann.
Ein Solo muss in einem Song wirklich eine Funktion, etwas zu sagen haben, finde ich.
Das alles hat Paul hier geschafft.

Habe ich das richtig interpretiert, dass es im Text von ‚OverWinter‘ auch Hoffnung gibt? („Spring will come next year“, „In a moment now the storm will turn to breeze“)

Ich liebe Bäume! Sie sind voller Leben und Weisheit – mit ihren Wurzeln tief in der Erde und der Krone im Himmel. Wenn der Winter kommt, zieht sich alles nach (dr)innen zurück. Bäume aber bleiben, wo sie sind. Sie trotzen Sturm, Schnee und Kälte. Und wissen, dass nach dem Winter wieder ein Frühling kommen wird. Darin finde auch ich Hoffnung.

Was für einen Fretless Bass hast Du bei „OverWinter“ eingesetzt?

Das Bass-Solo habe ich auf meinem vierseitigen Mayone Be eingespielt, mit Verstärker und DI-Box.

Wie wurden die Parts der anderen Musiker aufgenommen? Das Video zu „Take Me Home“ zeigt eine Live-Situation, also wurden nicht nur ProTools-Files hin- und hergeschickt?

Das Album ist fast vollständig in meinem eigenen Studio („New Joke Studios“) aufgenommen. Und zwar „live im Studio“. Ich hasse es, mich mit ProTools ‚rumzuärgern. Das ist doch nur etwas für zu schlechte Musiker, die nacharbeiten müssen (lacht).
Dieser „Take Me Home“-Clip auf YouTube wurde mit einem Smartphone bei der Release-Party 2012 aufgenommen.
Kristoffer-Gildenlow-2014-Nieuwerkerk-Tobias-Berk

Zu Deiner Gästeliste: Warum und wie hast Du Deine Mitstreiter ausgesucht?

Das war ganz unterschiedlich: Bei manchen wusste ich von vornherein, dass ich sie auf diesem Album dabei haben wollte. Bei anderen ergab es sich, als ich auf der Suche nach neuen Sounds und Sichtweisen für bestimmte Songs war. Zum Beispiel Luka und sein Slideridoo: Ich suchte nach „Tiefe“ für ‚OerWinter‘, die aber nicht von einem Bass stammen und organisch klingen sollte. Ich kannte Luka von meinen Aufnahmen mit Omnia her, insofern war es einfach, den Kontakt wieder herzustellen. Das war bei dem Chor und den Kinderstimmen schon komplizierter. In Schweden hätte ich die entsprechenden Verbindungen gehabt, aber hier in den Niederlanden musste ich mich erstmal durchfragen. Als größtes Problem erwies sich, Kinder zu finden, die Englisch mit wenig niederländischem Akzent singen konnten. Aber sie haben es prima hingekriegt, oder?

Absolut! Und gab es jemand, mit dem Du gerne bei „Rust“ kooperiert hättest, aber nicht bekommen konntest?

Ja. Ich habe sogar ein paar Stücke weggelassen, weil ich wusste, dass ich die Menschen diesmal nicht kriegen würde, die dafür erforderlich gewesen wären. Ich wollte keine Kompromisse machen. Es hat aber auch sein Gutes, nicht das ganze Pulver auf einmal verschossen zu haben…

Liselotte war sehr wichtig für Dial, ist aber kein Teil von „Rust“ – warum?

Dial ist unsere gemeinsame Band, „Rust“ ist mein Solo-Projekt. Der Hauptgrund, warum ich sie nicht gebeten habe, mitzumachen ist der: Liselotte hat eine sehr spezielle Stimme. Bei keinem der Songs auf dem Album schien die ideal. Vielleicht beim nächsten Album…

Wg. ‚Längtan‘ – durch einen merkwürdigen Zufall hatte ich in einer Woche gleich zwei Alben zu besprechen, auf denen „Joik“-Obertongesang vorkommt (der andere fand sich auf ‚Stringweaver‚ von Mika Tyyskä aus Finnland). Was bedeutet Dir der traditionelle Gesang der Samen – und was bedeutet Dir der Frühling?

Frühling ist meine Lieblingsjahreszeit! Ganz besonders in Schweden, nach den langen, dunklen und harten Wintern dort. „Joik“ ist eine wunderbare Art zu singen. Die Idee dabei ist, dass man dadurch dem Zuhörer vermitteln kann, wo der Sänger war, als er den Joik geschrieben hat und wie er sich dabei gefühlt hat – ohne Worte! Die Samen sind die Indianer Skandinaviens – ein echtes Naturvolk.
Kristoffer-Gildenlow-t'Blok-Tobias-Berk

Die Homepage von Pain Of Salvation hat eine „Graveyard“-Sektion für ehemalige Bandmitglieder – wie fühlt sich das an?

Das ist halt Daniels Humor (lacht). Beim nächsten Relaunch heißt die Sektion vielleicht schon wieder anders, wenn es sie überhaupt noch gibt. Jedenfalls fühle ich mich durch so etwas nicht angegriffen.

Wie geht es jetzt weiter? Besteht Aussicht auf mehr Live-Aufführungen von „Rust“ als beim Release-Konzert in Aalphen?

Jein. Wir hatten eine kleine „In Store“-Tour mit nur zwei akustischen Gitarren in Plattenläden. Auch die Release-Party lief toll. Ich würde wirklich liebend gern mit dem Album und der siebenköpfigen Live-Band richtig touren. Aber das muss ganz von unten aufgebaut werden… Ich bin jedenfalls extrem offen für Vorschläge! (lacht)

PS 0415: Kristoffer hat u.a. 2014 auf der Gazpacho-Tour vielbeachtete Eröffnungskonzerte gespielt.

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„Rust“ (official Clip)
Konzertbericht Kristoffer Gildenlöw & Friends, 2014
10-Fragen-Interview mit Kristoffer auf Gaesteliste.de< Wikipedia

Fotos Kristoffer Gildenlöw & Paul Coenradie @ ‚t Blok, Nieuwerkerk – Tobias Berk

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Über den Autor

Klaus Reckert

„everything happy, and progressive, and occupied“
K. Grahame, The Wind In The Willows

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Kristoffer Gildenlöw zu „Rust“ (2013)

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 8 min
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