Steven Wilson zu „Hand. Cannot. Erase“: „Living in the City in the 21st Century“

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Steven Wilson @ AIR Studio London, pic by Lasse HoileImmer mal was Neues: Die Vorbereitung der Interview-Sessions zur Promotion des neuen Steven Wilson-Albums „Hand. Cannot. Erase“ (H. C. E.) war vor allem durch drei gelungene, in den Londoner Air-Studios aufgezeichnete Videos (inklusive „Innerviews“-Gesprächen mit Anil Prasad, siehe unten unter „Surftipps“) sowie die etwas später gelaunchte Microsite zum Album so gut und umfassend geschehen, dass es tatsächlich nicht ganz leicht fiel, weitere nicht bereits erschöpfend geklärte Gesprächsthemen zu ersinnen. Hinzu kam, dass auch kaum noch „was ich Dich immer schon mal Fragen wollte“-Material übrig bleibt, wenn man bereits zum zweiten bzw. sogar dritten Mal das Privileg hat, den ungemein professionell, gelegentlich humorig und stets konzentriert Auskunft gebenden Steven von Angesicht zu Angesicht zu treffen. Untenstehend das, was sich schließlich doch noch an „Fragwürdigem“ ergeben hat.

„Toll, dass Dir die Videos vieles was offen war, vorab beantwortet haben. Die haben bislang aber leider noch niemand davon abgehalten, die doch immer wieder gleichen Fragen zu stellen“ – dieser sein Stoßseufzer legte die Latte ja leider nochmals höher… Eingangs sprachen wir über die (beiderseits empfundenen) Schwierigkeiten, ein solches Album nur via Streaming und noch nicht endgültiger Titel-Aufteilung probezuhören, die damit verbundenen (u.a. klanglichen) Nach- und Vorurteile sowie über das Glücksgefühl, wenn dann trotzdem endlich wieder ein „lonely swede in the woods“-Gitarrensolo von Guthrie Govan einschwebt, dass spätestens alles wieder gut macht… Apropos – die Band ist erstmals zwischen zwei Veröffentlichungen identisch geblieben… „Ja, die Besetzung ist stabil, solange ich diese Wahnsinnsmusiker halten kann. Mit diesen Jungs am „Raven“-Album zu arbeiten, hat solchen Spaß gemacht! Aber einer der Gedanken, die mir im Nachhinein kamen, war: ‚Ich habe noch nicht das Maximum aus ihnen herausgekitzelt‘. Ich habe sie im Prinzip spielen lassen, was sie wollten – und das war wirklich hervorragend! Aber für „H. C. E.“ hatte ich mir vorgenommen, sie ein wenig mehr zu pushen, mehr zu experimentieren…

Wo wir gerade von Guthrie sprechen – das Gitarrenspiel auf diesem Album ist sehr viel abwechslungsreicher, hat experimentelle Sounds (durch Effekte und Filter), Texturen und sogar atonales Material. In Summe also ‚modernere‘ Klänge, u.a. durch digitales Soundprocessing Was wir den ‚einsamen Schweden‘ nennen, ist natürlich ein klassischer Sound, der bis auf Wes Montgomery zurückgeht. In Summe haben wir die musikalische Palette ein wenig verbreitert…“ Steven hatte in den Interview-Videos schon darauf vorbereitet, dass Theo (Travis) diesmal deutlich weniger Anteile am Ensemble-Sound hat. „Ja, das Jazzrock-Element ist dieses Mal stark vermindert.“ (Schweigen…) Während sich andererseits die Tradition der progressiven Longtracks fortsetzt – und eine neue Pop-Qualität hinzutritt? „Absolut“ (strahlt). Ebenso hatte es dort geheißen, das neue Material würde erstmals Bausteine seines gesamten Soloschaffens kombinieren. Wo sind beispielsweise die Ambient-Elemente (Bass Communion)? „Hör‘ Dir das allererste Stück (‚First Regret‘) nochmal an!“. Und wo der Krautrock (Incredible Expanding Mindfuck)? (Zögern) – „Stimmt, den gibt es hier nicht“ (lacht).
„H. C. E.“ greift die tatsächlich so geschehene Geschichte von Joyce Carol Vincent auf – einer attraktiven jungen Frau, die erst drei Jahre nach ihrem Tod in ihrem Londoner Appartement aufgefunden wurde. Die Dokumentation „Dreams Of A Life“ setzte bei Steven den Samen für seine Auseinandersetzung mit der Frage, wie so etwas möglich ist. Wohlgemerkt: Joyce war nicht vereinsamt, schrullig, steinalt – im Gegenteil. Und dennoch hat sie jahrelang niemand vermisst…

Da das Konzeptalbum ihre Geschichte teilweise in der ersten Person erzählt, war eine Sängerin unvermeidlich. Wie fand Steven seine für das Album so wichtige Sängerin, Ninet Tayeb? „Ich habe jeden gefragt, den ich kenne. Und jedem erklärt, dass ich eine starke, unverwechselbare Frauenstimme suche. Es gab etliche Empfehlungen, mit vier davon kam es auch zu so etwas wie Auditions. Ninet war ein Tipp von Aviv Geffen, mit dem ich bekanntlich bei Blackfield Musik gemacht habe. Sie ist eine in Israel lebende Tunesierin (Wilson sagt: „aus Palästina“, d. Red.) – das allein war schon ein interessantes politisches Statement! Noch wichtiger aber war, dass ihre Interpretation, ja ihre Version meines Materials mich sofort umgehauen hat.“

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Steven Wilson 2014; Foto: Lasse Hoile

Das Album dreht sich also um „Das Leben in der Großstadt im 21. Jahrhundert“ – lebt ein Steven Wilson heute noch so? „Heute nicht mehr, aber ich habe 20 Jahre lang ‚in the City‘ gelebt, sprich in London. Auch Joyces Geschichte ist unverkennbar in London angesiedelt. Doch manche ihrer Elemente, vor allem das Motiv, umgeben von Millionen von Menschen und dennoch total isoliert von der gesamten Menschheit zu sein, lassen sich wohl in nahezu jeder Großstadt der Welt wiederfinden…“ Obwohl „Raven“ und „Hand“ thematisch und atmosphärisch denkbar unterschiedlich sind, scheint doch ‚Routine‘ (bis auf die Parts des zwölfköpfigen Knabenchors) deutliche Verwandtschaft zum wunderbaren „Raven“-Track ‚Drive Home‘ aufzuweisen – nachvollziehbar für den Komponisten? (Zögern) „Ja, das kommt wahrscheinlich hin“.

Der Album-Titel kreiert ein starkes Bild voller Assoziationen – doch seine Bedeutung und die des Titelsongs sind nicht ganz trivial aufzuschlüsseln… Wilson singt „Hand cannot erase this love“ – auf einer offensichtlichen Ebene können Hände ja ohnehin keine Liebe auslöschen..? „Nein – und, was noch wichtiger ist, sie können auch das eigene Sein nicht auslöschen. Normalerweise erkläre ich Texte nicht, weil ich die Bedeutung gar nicht so explizit, sondern lieber vieldeutig haben möchte.“ (Pause) „Für mich geht es bei „H. C. E.“ primär darum, dass in unserer Gesellschaft alles auf ewig gespeichert und bewahrt wird. Einmal im Web und für immer! Darum ist auch einer der größten Affronts, die man heutzutage begehen kann, das eigene Facebook-Profil zu löschen. Das ist nämlich sozusagen ein Teil der eigenen, physischen Identität geworden. (denkt nach) Wozu ist man auf Facebook? Das habe ich mich wirklich oft gefragt… Für mich als Musiker macht das irgendwie Sinn, ich kann über eine Facebook Page meine Fans erreichen. Aber welchen Sinn hat ein persönliches Profil? Wer wirklich mit seinen tatsächlichen Freunden kommunizieren will, kann mit ihnen skypen, chatten, E-Mails schicken oder telefonieren! Bei einem Profil in den Sozialen Netzwerken scheint es mir vielmehr darum zu gehen, relativ persönliche Dinge mit völlig Fremden zu ‚teilen‘ – fast wie eine narzisstische Rechtfertigung der eigenen Existenz. So habe ich mir das jedenfalls erklärt. Und daher kommt das Löschen des eigenen Profils fast der eigenen Negation, dem Auslöschen der eigenen Existenz gleich. Die wirkliche Joyce hat sich ganz bewusst entschlossen, sich aus dieser Welt zurückzuziehen. Und dennoch: bis heute kann ich nicht wirklich verstehen, wie ein junger, attraktiver Mensch mit Familie und Freunden tatsächlich unbemerkt von seiner Umgebung sterben kann. Das ist monatelang mit mir umgegangen. ‚Hand. Cannot. Erase.‘ ist ein Weg, mich mit diesem bleibenden Rätsel auseinanderzusetzen.“

Wessen „Stimme“ hören wir in ‚Perfect Life‘? „Es gibt nur einen Protagonisten des Albums – alle Texte geben ihre Perspektive wieder, allerdings grammatikalisch manchmal in der ersten und manchmal in der dritten Person… In ‚Perfect Life‘ erinnert sie sich an die Zeit, als sie 13 Jahre alt war und die, wie sich erweisen wird, einzig wirklich wichtige Beziehung in ihrem Leben hatte, die aber auch nur etwa ein halbes Jahr andauerte – ein älteres Mädchen, das von ihren Eltern adoptiert wurde, die sich aber bald darauf trennten…Hand. Cannot. Erase

PS: „Hand. Cannot. Erase“ erscheint am 27.02.15. Der Meister signiert das Album für Käufer in Saturnfilialen wie folgt: 27.02., 18:00 Uhr, Hamburg; 28.02., 13:00 Uhr, Köln; 01.04., 18:00 Uhr, München.

 

 

 

PPS: KscopeMusic 10.03.15 so: „Steven Wilson geht mit seinem neuen Album „Hand. Cannot. Erase.“ auf die #3 der offiziellen Top 100 Album Charts in Deutschland.“

PPPS: Hand. Cannot. Erase.-Tour 2015

Steven Wilson @ LiveMusicHall Cologne, pic by Tobias Berk

Steven beim Konzert in der LiveMusicHall in Köln, 2013 | Foto: Tobias Berk

20.03. Köln, E-Werk – ausverkauft!
21.03. Luxembourg (LUX), Rockhal
22.03. Stuttgart, Theaterhaus
24.03. Utrecht (NL), TivoliVredenburg
26.03. Antwerpen (B), Trix
28.03. Neu Isenburg (Frankfurt/M.), Hugenottenhalle – ausverkauft!
29.03. Pratteln (CH), Konzerfabrik Z7
02.04. München, Kongresshalle – ausverkauft!
04.04. Wien (A), Ottakringer Brauerei
09.04. Berlin, Columbiahalle
10.04. Hamburg, CCH2
23.04. Zwolle (NL), Hedon

Surftipps:
HandCannotErase.com
H. C. E. @ Twitter
dreamsofalife.com
swhq.co.uk
Steven Wilson @ Facebook
Steven Wilson @ Twitter
Wikipedia zu Steven Wilson
H. C. E. Teaser
Steven Wilson @ AIR Studios, London, Pt. 1
Steven Wilson @ AIR Studios, London, Pt. 2
Steven Wilson @ AIR Studios, London, Pt. 3
„Perfect Life“
Joyce Carol Vincent: „Lay dead three years before any one noticed“
Steven im Interview zu „Grace For Drowning“
Steven im Interview zu „The Raven…“
„Konzertbericht 2013
„Konzertbericht 2011

Album photography and artwork: Lasse Hoile

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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