King of Agogik – Morning Star

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(70:49, CD, sAUsTARK records/Amazon, 2017)
Hans Jörg Schmitz, begnadeter Musiker, Komponist und Produzent in Personalunion, hat in einer typischen Bukowski-Pose, auf die wir hier aus Gründen der Etikette nicht näher eingehen, Christian Morgenstern als Sujet für ein Album entdeckt; das allein macht ihn ja bereits sehr sympathisch.

Nicht nur der exzellente Umgang dieses Dichters und Schriftstellers mit der Sinntiefe der deutschen Sprache harrt ihrer Wiederentdeckung durch die App-and-away-Generation, sondern auch die Eloquenz und Weisheit von Literaten wie Hermannn Hesse, Joachim Ringelnatz, Rainer Maria Rilke, Wilhelm Busch, Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, Johann Paul Friedrich Richter (Jean Paul), Gotthold Ephraim Lessing oder Friedrich von Schiller, von Fack Ju Göhte ganz zu schweigen. Das Konglomerat aus dem kurzen Eröffnungsstück dieser CD, das fließend in den zweiten Titel und dieser wiederum, zumindest vom thematischen Zusammenhang her, in das dritte Lied übergeht, lässt denn auch den Morgenstern am Rock-Himmel aufgehen und man fühlt sich angenehm ins Morgenland versetzt. Erinnerungen an das Überstück von Marillion, mit dem diese Band auf die Situation der Palästinenser aufmerksam machen möchte, werden gelegentlich wach.

Manchmal scheint es während des Goutierens von „Morning Star“ fast so, als ob eine betont lyrisch agierende Version von King Crimson ein Konzert auf dem Gizeh-Plateau zelebrierte: Fan-taste-isch. Nach einigen Minuten des zweiten Stücks blitzt immer öfter das gewohnt gute, KoA-typische Klanggewand unter dem bunt schillernden Kaftan hervor, allerdings gepaart mit reichlich Schmackes – jalla! Sehr stimmungsvolle Spannungsbögen und Mellow Tones with Mellotron garantiert. Auch die acht anderen Kompositionen überzeugen voll durch ein hohes Maß an Abwechslungsreichtum bei gleichzeitiger Stringenz.

Auf diesem Album ist wirklich fast alles zu hören, was den Rezensenten innerhalb des Musik-Kosmos anspricht, weil es mit dem Anspruch auf Anspruch komponiert wurde, dem man selbigen aber nicht anmerkt: Altfeld-artig bellendes Tubulieren und voxhumanes Jubilieren, hier und jazziges Flirren, folksames Zirpen, squireales Bassieren, tribales, aber keineswegs triviales Trommeln und mental-metallenes Riffen – alles hat seinen Platz in diesem an einen ohral-orientalischen Orientierungslauf erinnernden Gesamtkunstwerk, das als dichterisch-dichtes Konzeptalbum auch ohne große Worte zu machen, am Ort allen Ursprungs, für viele Chinesen das TAO, ankommt. Das kausal unverursachte Eine – die eine Wirklichkeit jenseits aller Dualität – lässt ohnehin alle Stimmen, zu einem weisen Rauschen transmutierend, verklingen. Professor Giuseppe Calligaris gelang es, dies im Zusammenhang mit dem unerschöpflichen Bewussteinspotenzial des Menschen auf empirischer Grundlage zu erforschen.

Hörspielartige Sequenzen wechseln mit Absinth-geschwängerten Rezitationen aus Morgensterns Versen, mit denen die Musik unterlegt ist. Dumpfbackige Exlex-Beats in Lederhosen mit Äpfeln auf dem Kopf – die sind Hans Jörgs Sache nicht. Kein Wunder, komm(ponier)t er auch nicht [durch]irgendwelche hohlen Gassen(hauer). Trotzdem drücken und schieben die von ihm generierten Rhythmen an allen Ecken und Enden und zeigen klare Kante. Hier wirkt nichts glatt.

JHS demonstriert mit dem nach mehr klingenden Morgenstern eindrucksvoll, dass sich Instrumentalmusik aus deutschen Landen nicht nur nicht zu verstecken, sondern auch keinen internationalen Vergleich zu scheuen braucht, schon gar nicht mit dem großen Bruder – Herz ist TrumpFF. Zu erwähnen bleibt noch das äußerst ansprechend gestaltete Booklet, das als Zugabe zum lautmalerischen Ohrenschmaus der verschmitzten Kompositionen eine wahre Augenweide ist. Was Wunder auch bei einem solchen Schöngeist, sowohl was sein Kompositionstalent als auch sein Schlagzeugspiel betrifft.

Für den Rezensenten ist Hans Jörg Schmitz der Christian Morgenstern unter den deutschen Musikern. Da hilft alles nix: Der Autor, und längst nicht nur der, möchte das KoA-Projekt endlich beim NotP auf der Loreley bewundern und dort live nach den Sternen von morgen Ausschau halten. Das wäre eine echte Win(fried)-win-Situation für Veranstalter und Publikum. Dann würde garantiert so mancher Strickliesel die eine oder andere Masche aus dem Zaun fallen, eben gerade ODDer ungerade, weil diese Musik so schwer auf Draht ist.

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Die Großwetterlage auf dieser CD ist ohne mit der Winper zu zucken als heiter bis folkig zu bezeichnen. Einen kleinen Nachteil allerdings hat dieses gute Stück am Ende doch: Es wurden nicht die vollen achtzig Minuten der zur Verfügung stehenden Spielzeit genutzt. Das nächste Mal, lieber Hans Jörg, bitte die Gesamtlaufzeit voll machen, oder am besten gleich wieder ein Doppelalbum aus dem Raum der rhythmischen Spottgymnastik abliefern.
Bewertung: 14/15 Punkten (FB 14, KR 11, KS 10)

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King of Agogik – Morning Star

von Frank Bender Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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