John Illsley – Long Shadows

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(35:10, CD, Blue Barge/Cargo, 2016)
Generation 50+ aufgepasst – der Sound der so schmerzlich vermissten Dire Straits ist zurück, Mr. Illsley macht es möglich. Eine wirklich nette Geste angesichts der Tatsache, dass sich Mr. Knopfler, sein Ex-Boss, dem Klangkosmos der gemeinsamen Vergangenheit seit Jahren konsequent verweigert. Und Mühe gibt er sich, der Herr Illsley. Sogar den schnodderigen Gesangsstil von Herrn Knopfler hat er inzwischen adaptiert. Den Saitenzauber erledigen die Herren McIntosh (u.a. Talk Talk, Paul McCartney), Palmer (u.a. David Sylvian, Dire Straits) und der jugendliche Herr Johnson. Allesamt Meister ihres Faches und würdige Mark Knopfler-Vertreter. Kollege Fletcher lässt sich ebenfalls nicht lumpen und packt seine originalen Dire-Straits-Tastensounds aus. Fertig ist die Laube! Ihr neues gemeinsames Werk trägt den Titel „Long Shadows“. Ist es der lange Schatten des Herrn Knopfler, aus dem John Illsley heraustreten möchte? Ist es seine Art zu sagen: „Das können wir auch ohne den Boss“? Nun, vermutlich ist er über alle diese Dinge längst erhaben und will den darbenden Langzeit-Fans der Dire Straits einfach etwas Gutes tun.

Das eröffnende symphonische Instrumental ‚Morning‘ hat zwar einen Text, der jedoch nur im Booklet steht. Was folgt, ist eine wohlkalkulierte Reise in die frühen Jahre der Ex-Band. Mal relaxt groovend, mal folkig wippend – jeder einzelne Track erinnert auf seine Weise an irgendein Stück von den ersten drei Alben der Dire Straits. ‚Ship of Fools‘ könnte uns HR1 als eine kürzliche entdeckte unveröffentliche Ballade der Band auftischen, kaum jemand würde das bezweifeln. Einzig ‚There’s Something About You‘ orientiert sich eher am jüngeren Solo-Output des Ex-Chefs. Das Songwriting wird den Originalen zwar nicht immer gerecht, aber am vorzüglichen Klang, dem Handwerk und den Arrangements gibt es nicht zu mäkeln. Gesetzt den Fall, man akzeptiert, dass das Werk eben genau so klingen soll wie es klingt – eben nach den Dire Straits. Letztlich erscheint es legitim, dass sich Illsley des Erbes annimmt. Hätten er und Guy Fletcher die Namensrechte an den Dire Straits, wäre es sogar vorstellbar, dass „Long Shadows“ eine noch größere Anzahl früherer Fans erreicht und zufriedenstellt. Qualitativ erfüllt das Werk zweifellos deutlich mehr Erwartungen, als das beispielsweise die letzten Yes-Alben bei deren alten Fans konnten (übrigens heißt ein Titel auf „Long Shadows“ ‚Close To The Edge‘, die Schlussred.). Da John Illsley unter seinem eigenen Namen aber vergleichsweise wenig bekannt ist, wird das Album – wie sein gesamter bisheriger Solo-Katalog – vermutlich von der großen Masse unbeachtet bleiben.

Womit wir noch einmal bei Herrn Knopfler wären. Der kann es sich leisten, alte Fans ein ums andere Mal vor den Kopf zu stoßen. Sie kaufen seine Platten trotzdem, in der Hoffnung dass er ihr Leid irgendwann beenden möge. John Illsley wird sich also gesagt haben: „So kann es nicht weitergehen. Einer muss die Drecksarbeit ja machen.“ Also, liebe Dire Straits Fans der ersten Stunde: ran an den Speck. „Long Shadows“ ist auch als LP erhältlich.
Ohne Bewertung

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Über den Autor

Dieter Hoffmann

Dass der Prog-Virus hoch infektiös ist, musste ich bereits in meiner frühen Kindheit erfahren. Während meine Schulfreunde noch sorglos Ilja Richters Disco mit The Sweet und den Bay City Rollers schauen konnten, hatte mich mein älterer Bruder bereits in den frühen Siebzigern mit ELP und Yes verkorkst. Mein erster Radiorekorder und die LP-Hitparade von SWF3 gaben mir mit Genesis und Eloy dann den Rest.

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John Illsley – Long Shadows

von Dieter Hoffmann Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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