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    Du bist hier:Home»Reviews»Steven Wilson - The Future Bites

    Steven Wilson - The Future Bites

    0
    By Michael Büttgen on 5. Februar 2021 Reviews

    Steven Wilson - The Future Bites (Caroline, 29.1.21)(42:00, Vinyl, CD, Digital, Caroline (Universal Music), 2021)
    Es wird immer sehr unruhig in unserer kleinen, sonst immer so harmoniebedürftigen Prog-Szene, wenn sich ein neues Album von Steven Wilson ankündigt. Meinungen und Kommentare zu diesen Meinungen überschlagen sich, geraten schnell ab vom Weg des freundlichen Miteinanders und der konstruktiven Kritik. Warum ist das so? Möglicherweise ein interessantes Forschungsgebiet für angehende Psychologen.

    Steven Wilson ist ein Künstler, der sich ungern in einen Stil drängen lassen möchte, heißt, das selbe Album nochmal und nochmal zu machen, nur weil es andere von ihm erwarten. In kreativer Hinsicht mehr als nachvollziehbar. Und für uns als Hörer/Konsument auch nicht wirklich schlimm, denn wir haben ja auch die Möglichkeit und die Freiheit, einfach etwas anderes zu hören, wenn uns die Musik unserer (ehemaligen) Lieblingsband nicht mehr gefällt.

    Nun hat Wilson sich also von seinem Prog-Rock-Monumentalwerk "The Raven That Refused to Sing" entfernt - und zwar meilenweit! Stattdessen widmet er sich schwerpunktmäßig mit "The Future Bites" dem Artpop der 80er, sowie Disco und Funk aus den 70ern. Eingespielt fast gänzlich ohne echte Band und hauptsächlich synthetisch. Auf echte Drums wird eher verzichtet und auch die Gitarre wurde auf Nebenschauplätze verbannt.

    Zugegeben - für Progger ist das vielleicht schwer zu verdauen, aber diese musikalische Ausrichtung kündigte sich ja bereits mit 'Permanating' vom Vorgänger-Album an und auch das letzte No-Man Album "Love You To Bits" ließ schon einige Vorahnungen zu.

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    Mit 42 Minuten hat das Album nach Meinung des schreibenden Betreuers eine sehr angenehme Laufzeit, kommt mit 'Self' direkt auf den Punkt und sagt, wo es lang geht. Die verschiedenen Chöre, die man aus dem Disco-Sound kennt, werden hier erstmalig präsentiert. Ein recht kurzer und knackiger Song. Mit 'King Ghost' kann aber auch Steven Wilson sich nicht komplett von seinen Trademarks befreien und das ist auch gut so. Die mystische, komplett elektronische Nummer hätte auch gut auf "Hand.Cannot.Erase" gepasst. Empfohlen wird dem Leser an dieser Stelle auch der sehr interessante Tangerine Dream-Remix dieses Songs. Zu finden auf der "The B-Sides Collection"-EP.

    Ebenfalls mit Wilson'schen Trademarks durchsetzt, ist der Radiopop-Song "12 Things I Forgot". Schmalzig, schmachtig, mit schöner Melodie und Background-Gesang wie ihn einst auch Pink Floyd live bei ihren letzten Konzerten genutzt haben. Muss man mögen. 'Element Sleaze' hingegen entpuppt sich zwar auch als gewöhnungsbedürftig, jedoch im Nachhinein auch als sehr interessanter Song. Der von Nick Beggs gespielte Bass treibt diese offensichtliche Disco-Funk-Nummer voran, erinnert möglicherweise auch mit diesen Sister-Sledge-Background-Gesängen ein wenig an Chic. Ungewohnt, eigentlich unpassend, aber dann doch irgendwie passend, endet diese Nummer mit einer kleinen Avant-Einlage an der Gitarre. Auch 'Man Of The People' hätte von seiner Atmosphäre her gut auf "Hand.Cannot.Erase" gepasst. Also eine klassische Wilson-Nummer, die keinem weh tut, aber auch nicht stört, sondern sich gut ins Album einfügt.

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    'Personal Shopper' hingegen ist der zentrale Kern des Albums, welcher sich thematisch mit den Ausmaßen des Konsums beschäftigt. Der neun Minuten lange Song ist ein kleines Meisterwerk! Die zu Anfang lockere Electro-Disco-Nummer treibt sich mit einem großartigen Refrain bis hin zu Minute 5:28, um dann mit einem schlichten Gitarrenakkord einen unfassbar guten Mittelteil einzuleiten, in dem Sir Elton John(!) eine Einkaufsliste vorliest. Das hört sich merkwürdig an, zugegeben. Aber dieser Change ist so unfassbar gut gemacht, dass man in seiner Gänsehaut ertrinken möchte.

    Mit 'Follower', thematisch eine Kritik an den sozialen Medien, die ja immer gern und gewaltig auf alles reagieren (u.a. auch auf neue Alben von Steven Wilson), spielt auch nochmal ein echter Schlagzeuger auf. Eine straighte Rocknummer ohne viel Lametta mit einprägsamen Refrain. Mit 'Count of Unease' folgt dann eine typische, ruhige Abschlussnummer, wie sie auch schon auf Porcupine Tree-Alben zu finden war.

    Damit endet ein erneut kurzweiliges, spannendes Album, welches mit unzähligen Überraschungen aufwartet. Das zeichnet die Solowerke von Steven Wilson aber ohnehin aus und kann auch durchaus als Qualitätsmerkmal anerkannt werden. Es geht mit jedem Album ein Stück weit in andere, neue Richtungen, es werden Grenzen ausgelotet, es wird experimentiert und ausprobiert, dazu sorgen immer wieder die üblichen Trademarks für Erinnerungen an alte Zeiten. Für Leute, die "Raven..." mochten, aber für weitere Experimente, und vor allem für Pop, Disco und Funk nicht zu haben sind, ist 'The Future Bites' weniger geeignet.

    Wie gewohnt, ist der Sound der Platte phantastisch. Sehr viel Einfluss darauf hatte Co-Produzent David Kosten (u.a. Bat for Lashes, Everything Everything). Man fühlt sich als Kind der 80er sehr an die damaligen ZTT-Alben erinnert. Im 5.1-Soundgewand müsste das eine Offenbarung sein. Das Album gibt es in verschiedenen Formaten, u.a. als normale CD, Vinyl in verschiedenen Farben im Bundle und auch als limitiertes Deluxe Boxset, welches aber sicher schon ausverkauft sein sollte. So ist man es halt gewohnt.
    Bewertung: 12/15 Punkten (MBü 12, WE 8, JM 11, KR 7, KS 9, AI 8)

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    Abbildungen: Steven Wilson Productions Ltd. / Caroline International

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    Michael Büttgen

    Geschmacklich bin ich eigentlich schlecht in irgendeine Schublade einzuordnen. Ich mag sehr viele verschieden Arten von Musik, solange sie für mich einen gewissen Anspruch hat, mich interessiert, fesselt und vor allem berührt.

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