Retro Prog • Jazz Rock • Progressive Rock
(100:46; 2CD, Digital; White Knight Records/Just For Kicks; 02.10.2026)
Andy Tillison hat mal wieder die Arbeitswut gepackt. Er gönnt sich keine Pause und spielt, komponiert und produziert quasi im Alleingang ein Album nach dem anderen. Als Mietmusiker hat er sich diesmal allerdings wieder mal die Crème de la Crème im Progbereich ausgesucht. Da kann doch eigentlich nichts schiefgehen, oder?
Wer die Alben des Engländers kennt, der wird nicht überrascht sein. Das Doppelalbum präsentiert auf CD 1 eine Mischung aus Prog mit Rock, leichten Jazzanklängen, Soul, Funk und sogar kurzzeitig Disco. Textlich verarbeitet er sein ganzes Leben, von seinen ersten Erinnerungen als Kind bis zum heutigen Tag. Da stehen natürlich unendlich viele Gedanken an, und die Vielfalt seiner Texte reicht somit auch von seiner ersten Pusteblume über seine ersten musikalischen Erlebnisse mit Jim Morrison und Jimi Hendrix bis zu aktuellen politischen Entscheidungen und Tatsachen, die ihn nachhaltig bewegen. Sogar Glamrock wird mit T. Rex und David Bowie erwähnt. Es könnte eigentlich die Geschichte von jedem sein, der in der zweiten Hälfte der 50er geboren wurde. Vielleicht abzüglich einiger typisch englischer Schrulligkeiten. Aber grundsätzlich erkennt sich jeder, der heute Ende 60 ist, hier wieder. Textlich und musikalisch.
Die zweite CD ist dann spezieller und für den klassischen und erfahrenen Proghörer wahrscheinlich eine Ohrenweide. In der Tat hat der zweite Silberling einen Hang zum klassisch motivierten Prog der frühen siebziger Jahre und lässt natürlich an Größen wie Yes, ELP oder vielleicht noch etwas mehr an The Nice mit Keith Emerson denken. Besonders Letzterer sticht hervor, und nicht ohne Grund wird er im Booklet extra erwähnt. Doch auch andere bekannte Bands dieser goldenen Zeit des Prog werden zitiert. Die Band lässt jedoch keinen Track zum reinen Plagiat verkommen. Sie bleibt stets Bewahrer der Musik dieser Zeit, da die Kompositionen immer nach dem Engländer riechen, der somit die nachfolgende Generation von Progmusikern würdig repräsentiert. Dass Andy Tillison dabei fast vollständig auf Texte verzichtet, dafür aber seine Hammond an mehreren Stellen sprechen lässt, beweist seinen unbändigen Hang zu und seine Bewunderung für den Stil dieser Zeit. Natürlich wäre es sein größter Wunsch gewesen, diese Zeit aktiv als Musiker live mitzuerleben. Das Pech der späten Geburt trifft ihn hart, was man ihm zwar nicht erst seit diesem Album anmerkt, aber es ist schon signifikant, wie sehr er diese Zeit liebt.
Nun denn, The Tangent unter Federführung des Briten haben mal wieder überzeugt. Sein Stil ist in der Welt des Prog dabei relativ unspektakulär, ja, man könnte ihn eigentlich den Schlagerkomponisten des Prog nennen. Zumindest in manchen Momenten seiner Alben. Viele seiner Werke sind ehrlich gesagt recht leicht nachzuvollziehen und somit nicht sonderlich kompliziert für den geübten Progfan. Dabei aber stets auf einem beachtlichen Niveau mit viel Abwechslung und wechselnden Tempi sowie allen möglichen musikalischen Stilrichtungen. Das hat mich an seinen Werken fast immer noch überzeugt und fasziniert. Um in seiner so sehr geliebten französischen Sprache zu bleiben, sage ich somit nur „Chapeau, Monsieur Tillison“.
Bewertung: 12/15 Punkten
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Abbildungen: The Tangent/Bandcamp


