A Midsummer Night’s Hangover
The Sun Or The Moon? Bei "Motorik" weder, noch. Eher landete TSOTM-Mastermind Frank Incense mit seinem ersten Soloalbum auf dem "Planet Caravan", auf dem alles so schön bunt ist…

Warum kommst du jetzt mit einem Soloalbum? Ist dir das Korsett von The Sun Or The Moon etwas zu eng geworden?
Da ich bei TSOTM eh für die meisten Songs als Autor verantwortlich war, lag die Idee, meine Songs auch mal quasi im Alleingang zu veröffentlichen, irgendwie nahe. Und logischerweise hat man bei einer Solonummer mehr Freiheiten. Ich hatte zum Beispiel ganz konkrete Vorstellungen von den Gitarren-Sounds und überhaupt auch der Spielweise. Da musste ich mit keinem Gitarristen einig werden, sondern habe die Gitarren (außer der Rhythmusgitarre bei 'Dances and Delights') einfach selbst eingespielt.
Ist tatsächlich alles auf dem Album von dir eingespielt? Weil, da sind irgendwo noch female Vocals zu hören ('(Elf Queen’s) Hangover')…
Ich habe auf dem Album nicht alle, aber doch die meisten Instrumente selbst bedient und auch die Lead Vocals übernommen. Schlagzeug kann ich bei Weitem nicht ausreichend gut spielen, von daher hat mein Lieblingsdrummer Niclas Ciriacy (der war knapp vier Jahre lang auch der Drummer von TSOTM) das komplett übernommen und einen fantastischen Job gemacht. Wie eine Frau kann ich auch nicht singen, wollte aber unbedingt einen weiblichen orientalischen (Klage)Gesang in '(Elf Queen‘s) Hangover' haben, also hat das die wunderbare Yonca übernommen. Flöte, Klarinette, Xaphoon haben ebenfalls Musikerfreunde übernommen. Susanne (Keyboarderin von TSOTM) hat bei zwei Songs Piano und Orgel gespielt. Ich habe die Beiträge der anderen Musiker fein säuberlich in den Liner Notes des Albums aufgeführt, wenn es Dich näher interessiert, wer wo was gespielt hat.
Was war zuerst bei deinen Tunes da – ein Sound oder ein Groove?
In diesem Fall eindeutig der Sound bzw. die Soundscapes, die den Songs unterlegt sind. Das ergab sich einfach aus der Entstehungsgeschichte des Albums: Seinen Ausgangspunkt nahm das Album in einer langen Winternacht. Ich habe meine Lavalampe angeworfen, den Film "A Midsummer Night‘s Dream" von Max Reinhard in Endlosschleife laufen lassen und mit diversen elektronischen Spielzeugen (Modularsynthesizer, Resonatoren, Vintage Synthesizer, Effektgeräte etc) sowie elektrischer Sitar und Tanpuras stundenlang meinen eigenen Soundtrack dazu gespielt. Ich habe die gesamte Session aufgenommen und dann im Laufe der folgenden Monate jene Passagen, die mir besonders gut gefallen haben, herausgeschnitten und im nächsten Schritt erste Gitarren-, Bass- und Keyboardspuren drübergelegt. Nach und nach kamen dann Schlagzeug, Percussion, Gesang und alle möglichen weiteren Instrumente dazu. Langer Rede, kurzer Sinn: erst die Sounds, dann der Groove.
"Motorik" wirkt, als würden sich Krautrocker mit Psy-Trancern und Rastafaris in der Chill-Out-Lounge treffen. Wie kommt man zu solch einem Crossover?
Als alter Krautrocker habe ich einige Jahre lang mit einem Elektro Clash Duo verschiedene mehr oder weniger legale Raves und Events in der Trance-, Ethno- und Dub-Szene bespielt. Das ist wohl nicht spurlos an mir vorbeigegangen und hat sicherlich zu dieser - für mich sehr stimmigen - stilistischen Melange beigetragen.
WTF spielt Shakespeares Nick Bottom alias Zettel hier eine Hauptrolle und wieso besitzt der Hangover solch eine Priorität in deinem Konzept?
Das Album dreht sich thematisch um einen Aspekt der besagten Shakespeare-Komödie, nämlich um das, was zwischen Nick Bottom (aka Zettel) und Titania in der geschilderten verzauberten Nacht passiert ist. Die unsterbliche Elfenkönigin Titania bereut bitterlich, was sie in der vorangegangenen Nacht unter dem Einfluss einer Droge, die ihr eigentlicher Gefährte, der Elfenkönig Oberon, ihr hat verabreichen lassen, so alles mit dem (zu allem Überfluss auch noch in einen Esel verwandelten!) Sterblichen Zettel angestellt hat. Zettel wiederum wacht im Morgengrauen auf und fragt sich, ob er das, was die vorangegangene Nacht passiert ist, nur geträumt hat, und warum er so fertig ist. Beide sind also irgendwie mit ihrem jeweiligen Hangover beschäftigt.
Apropos Konzept. Wie kommt man dazu, Shakespeare auf psychoaktive Art und Weise zu vertonen??
Warum nicht? In der Komödie spielt eine psychoaktive Droge - ein Extrakt aus einer magischen Blume - ja eine nicht unerhebliche Rolle und trägt ganz wesentlich zu dem geschilderten, überaus lustigen Verwirrspiel bei.
BTW – Konzept! Ist „Motorik“ dann tatsächlich als Konzeptalbum zu werten?
Ja, wie bereits ausgeführt thematisiert das Album einen Teil des Mittsommernachtstraums.
Ist Mainz bei Frank Incense eventuell "Mainz, wie es chillt und dubbed"?
Hilfe! Als gebürtiger Mainzer kann man sich einfach Anspielungen auf die Fastnacht (oder "Fassenacht", wie das bei uns heißt) nicht entziehen … Chillen und Dubben ist mir auf jeden Fall lieber als Schunkeln und Helau. Damit habe ich nämlich so gar nichts am Hut.
Was besitzt in naher oder auch ferner Zukunft bei dir Priorität? The Sun Or The Moon oder deine Soloaktivitäten?
Da TSOTM sich im Frühjahr in aller Freundschaft aufgelöst haben, stehen meine Soloaktivitäten für mich ganz klar im Vordergrund. Ich bin mit der Produktion eines weiteren Albums schon sehr weit fortgeschritten. Das wird voraussichtlich im Spätsommer oder Herbst des kommenden Jahres erscheinen. Ich hoffe, dass das wieder bei Clostridium Records vonstattengeht, denn die Zusammenarbeit mit Andreas Krüger ist ein Träumchen.
Außerdem stelle ich gerade eine Band zusammen, ich habe schon eine super Kerntruppe beisammen. Ich freue mich darauf, in absehbarer Zeit wieder live zu spielen, bin dabei, mich zu kümmern und habe auch schon erste positive Rückmeldungen erhalten.

Wäre letzteren auch livekompatibel? Und wenn, dann eher für Rockschuppen oder Dancefloors?
"Motorik" ist eine sehr aufwändige Produktion. Ob ich davon alle Songs live spielen werde, weiß ich noch nicht. Das hängt auch von den Musikern ab, die dann zur Verfügung stehen. Und von der Location - auf einer kleinen Clubbühne kann ich ja eher schlecht mit sechs oder sieben Leuten performen.
Und zur Frage "Rockschuppen vs Dance Floor" - sowohl als auch und sogar noch ein drittes Ambiente ist vorstellbar. Das Album ist trotz seines thematischen und klanglichen Gesamtkonzepts doch sehr vielseitig. Ein Stück wie '(Elf Queen‘s) Hangover' kann ich mir schon sehr gut in einem Rockschuppen oder auch bei einer Goth Party vorstellen.
'Jester‘s Jokes' oder 'Dances and Delights' würden hingegen schon auch auf dem Dance Floor eine gute Figur machen, letzteres Stück natürlich eher in der Chill-out Hour.
Und was das dritte Ambiente angeht: "Motorik" als Ganzes kommt mit Sicherheit gut in einem bequemen Kinosessel vor einer riesigen Leinwand, auf der der Max-Reinhard-Film läuft. Dazu ein paar nette Kaltgetränke und so und ab geht die Traumreise …
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Abbildungen: Frank Incense

