Sieben Stimmen, ein großer Klang
Bei Big Big Train bin ich vergleichsweise spät auf den Zug aufgesprungen. Meine erste Reise führte mich zu "The Second Brightest Star", richtig Fahrt aufgenommen hat die Sache für mich allerdings erst mit "The Likes Of Us" – was wohlgemerkt nicht am Ableben von David Longdon lag. Ganz im Gegenteil: Seinen Gesang liebe ich bis heute. Vielleicht waren es auch einfach die bisweilen reichlich schrägen Cover-Artworks, die mich lange davon abhielten, mich intensiver mit dem übrigen Schaffen der Band zu beschäftigen. Inzwischen hat sich das gottlob gründlich geändert. Mit "The Likes Of Us" und zuletzt "Woodcut" hat sich Big Big Train für mich endgültig als eine dieser Bands etabliert, bei denen selbst ausufernder Prog erstaunlich selten nach musikalischer Selbstbeschäftigung klingt. Dass die Briten dabei längst wieder eine veritable Liveband sind, wusste ich bislang allerdings nur von Aufnahmen. Also wurde es langsam Zeit, diesen weißen Fleck auf der persönlichen Prog-Landkarte zu beseitigen. Meine Reise führte mich nach Aschaffenburg in den Colos-Saal – zur "Woodcut"-Tour und damit ausgerechnet zu einem Album, das Big Big Train erstmals in ihrer Geschichte als echtes Konzeptwerk präsentiert. Die Voraussetzungen für einen kolossalen Abend waren damit zumindest schon einmal gegeben.
Es ist eines dieser Konzerte, bei denen man sich mit fast 50 plötzlich als einer der Jüngeren im Publikum fühlt. Was bei Big Big Train allerdings weniger irritiert als vielmehr bestens ins Bild passt: Hier treffen sich Menschen, die mit Genesis groß geworden sind, und eine Band, die deren musikalische DNA zwar ziemlich offensichtlich im Gepäck hat, daraus aber längst etwas Eigenes gebaut hat. Zwei Sets gibt es im Colos-Saal. Zunächst "Other Stories" mit älteren Stücken, anschließend "Woodcut" komplett. Sieben Musiker stehen auf der Bühne, darunter Geigerin und Trompeter, und tatsächlich singen alle sieben.
Dass die ersten drei Stücke – 'Ingenious Devices', 'Salisbury Giant' und 'London Plane' – trotzdem etwas an mir vorbeirauschen, liegt ausnahmsweise nicht an der Band. Mangels Fotograben muss ich mich mit Kamera durch die Zuschauermenge wurschteln und meine Position nach praktisch jedem zweiten oder dritten Foto wieder wechseln. Von entspanntem Konzertgucken kann also zunächst keine Rede sein. Big Big Train schlagen mich trotzdem direkt in ihren Bann.
Der Klang ist von Beginn an erstaunlich satt. Bei 'Lost Rivers Of London' können die Keyboards kaum proggiger klingen, während Rikard Sjöblom mit seiner Double-Neck-Gitarre auf der Bühne steht, Clare Lindley zur Akustikgitarre greift und Violine und Flöte gemeinsam für zusätzlichen Farbreichtum sorgen. Überhaupt ist diese Siebenerbesetzung ein kleines Wunderwerk an Klangschichtung. Oskar Holldorff sorgt dabei an den Keyboards für einen beträchtlichen Teil dieser Klangfülle, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Und trotzdem wirkt nichts überladen. Gregory Spawton steht mit seinem Bass eher unscheinbar im Hintergrund – und ist damit vermutlich der unauffälligste Musiker auf der Bühne. Wobei er sich diesen Abend offenbar selbst ziemlich gut findet: Immer wieder schaut er seinen Mitmusikern beim Spielen zu und schmunzelt dabei zufrieden vor sich hin.
Das passt ganz gut zum Grundprinzip dieser Band. Alle sieben singen, wobei vor allem Alberto Bravin und Rikard Sjöblom den Gesang prägen. Und es ist immer wieder faszinierend, dass ausgerechnet Musiker wie Sjöblom und Nick D'Virgilio sich häufig mit Begleitgesang begnügen. Nicht etwa, weil sie weniger könnten, sondern weil hier tatsächlich nichts zum Selbstzweck verkommt. Keine Instrumentalisten-Ego-Show, kein "Schaut mal, was ich kann". Selbst die Virtuosität hat gefälligst dem Song zu dienen.
Bei 'Drumpet' funktioniert dieses Prinzip besonders schön. Bravin gibt ein kleines 1-2-3 vor, auf das D'Virgilio mit einem Schlag, zwei Schlägen, drei Schlägen antwortet. Aus diesem Wechselspiel entwickelt sich langsam ein Mini-Solo. Dann gesellt sich Paul Mitchell mit seiner Trompete dazu. Aus dem Solo wird ein Duett, aus dem Duett beinahe eine Improvisation. Und plötzlich ist das Ding da: mega genial. Überhaupt ist Mitchell einer der Musiker, die den Sound an diesem Abend immer wieder zum Glänzen und Strahlen bringen. Seine Trompete ist nicht bloß schmückendes Beiwerk, sondern verpasst vielen Passagen genau den zusätzlichen Schimmer, den diese ohnehin üppig instrumentierte Musik verträgt.
Bravin selbst bleibt in seiner Bühnenpräsenz vergleichsweise reduziert. Mimik und Gestik sind überschaubar. Dafür sitzt die Stimme. Und als er den Colos-Saal als eine seiner Lieblingsvenues bezeichnet, dürfte ihm das Publikum endgültig verziehen haben, dass die Ansage zur Pause ungefähr auf Folgendes hinausläuft: You can have a drink, you can make out. Auch eine Form von Publikumsbetreuung.
Dann Pause. Und danach das eigentliche Experiment: Wie klingt "Woodcut" live, wenn man das Konzeptalbum tatsächlich einmal komplett aufführt?
Ziemlich großartig. 'Inkwell Black' eröffnet das Konzept beinahe kammermusikalisch und melancholisch, 'The Artist' macht daraus mit Folk-Elementen, Akustikgitarre, mehrstimmigem Gesang und einem wunderbar präsenten Bass von Spawton bereits jene große, warme Klangwelt, die das Album prägt. Mit 'The Lie Of The Land' nimmt die Spannung weiter zu, bevor 'The Sharpest Blade' alles wieder verdunkelt. Lindleys Violine und ihr zunächst führender Gesang verleihen dem Stück eine fast entrückte Färbung, stellenweise tatsächlich mit einem Hauch Gazpacho.
Danach kommt Bewegung in die Sache. 'Albion Press' gibt Sjöblom Raum für ziemlich geile Gitarrenarbeit, 'Arcadia' nimmt anschließend wieder Tempo heraus und packt die melancholische Seite von Big Big Train aus. Bravins Gesang geht hier voll unter die Haut, der Bass wird auffallend markant, Keyboard und Violine lassen das Stück geradezu zart ausklingen. Und genau aus dieser Ruhe heraus kommt 'Second Press' mit voller Wucht: Gitarren, wuchtiges Schlagzeug, mehrstimmiger Kontergesang, plötzlich a cappella, dann fünfstimmiger Satzgesang. Danach ein wildes Keyboard-Solo und Sjöblom, der sich an der Gitarre ebenfalls ordentlich austobt. Hier darf der Prog endlich einmal zeigen, was er technisch kann. Der Applaus fällt entsprechend aus.
Nahtlos geht es in 'Chimaera' über, bevor 'Dead Point' das zuvor aufgebaute Volumen fast vollständig wieder herausnimmt. Ein beinahe a cappella wirkendes Intro stellt die Stimmen in den Mittelpunkt, die Instrumente begleiten nur. Nach und nach übernehmen die anderen den Gesang, bevor Bravin zurückkehrt. Ein Call-and-Response mit dem Publikum sorgt für einen kurzen gemeinschaftlichen Moment, danach setzt das Keyboard-Solo einen weiteren Akzent – erneut ohne Virtuosen-Zirkus.
Mit 'Light Without Heat' öffnet sich der Raum wieder. Der zentrale Gesang erzeugt enorme Weite, die 12-Saitige lässt unweigerlich an die große Gabriel-/Phillips-Schule denken. 'Dreams In Black And White' bringt anschließend die verrückten Satzgesänge zurück, bevor Sjöblom ein schönes Gitarrensolo beisteuert.
Dann wird es instrumental: 'Cut And Run' erlaubt endlich ein bisschen Gefrickel, und für einen Prog-Fan ist das natürlich großes Kino. 'Hawthorn White' legt mit einem beinahe neoklassischen zweiten Instrumental nach, getragen vor allem vom Zusammenspiel von Violine und Piano.
Danach wird "Woodcut" noch einmal ganz sanft. 'Counting Stars' beginnt mit akustischen Klängen und Gesang, der Refrain wächst mit jeder Wiederholung und wird immer größer und mächtiger. Kurz vor Schluss setzt noch ein lyrisches Gitarrensolo einen weiteren Akzent. Dann übernimmt ohne wirkliche Zäsur 'Last Stand'. Das große Finale führt die zuvor aufgebauten Elemente noch einmal zusammen und schließt den Kreis konsequent: Das Stück endet mit demselben Schlagzeugpattern, mit dem "Woodcut" begonnen hat.
Live hat sich das Album damit bei mir von 13 auf 14 Punkte hochgespielt. Nicht, weil Big Big Train auf der Bühne plötzlich eine andere Band wären. Sondern weil sich hier zeigt, wie viel Leben in den vielen Stimmen, Instrumenten und kleinen Details steckt, wenn sieben Musiker diese ohnehin schon üppige Musik gemeinsam in einen Raum stellen. Virtuosität gibt es reichlich. Selbstdarstellung dagegen kaum. Und genau das ist bei einer Band mit dieser Besetzung vermutlich die größere Kunst.
Besetzung:
• Alberto Bravin
• Nick D'Virgilio
• Oskar Holldorff
• Clare Lindley
• Paul Mitchell
• Rikard Sjöblom
• Gregory Spawton
Fotos: Prog in Focus
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