Sythiepop Goes Metal
Heute gehen wir der Frage nach, wie es ein Synthpop-Künstler schafft, so viele Rock- und Metalfans in seinen Bann zu ziehen. Die Halle des Stuttgarter Wizemanns haben er und seine Band zwar nicht ausverkauft, aber ordentlich gefüllt, und eine gefühlte Mehrheit des Publikums trägt Shirts von Bands, die eindeutig dem Metal-Spektrum zugeordnet werden können.
Sydney Vallette
Pünktlich um 20:00 Uhr betritt ein unscheinbarer Mann mit schwarzem Hemd und schwarzer Kappe die Bühne, enthüllt den Keyboard-Turm am linken Bühnenrand, dreht an ein paar Reglern und macht einen kurzen Mikro-Check – bestimmt ein Roadie.
Doch der Schein trügt. Nach ein paar weiteren Tastendrücken erzeugt der Keyboard-Turm wie von Geisterhand Musik, und der vermeintliche Roadie beginnt zu singen – und das sogar erstaunlich gut. Mit einer Stimme, die sich irgendwo zwischen Dave Gahan und Ville Valo bewegt, und viel Charisma zieht er die vorderen Reihen schnell in seinen Bann. Dazu spielt sein Rechner gut gemachte EBM, die deutlich an Nitzer Ebb erinnert. In einem kurzen Gespräch am Merch-Stand hat er mir anschließend auch erzählt, dass er mit ihnen einmal zusammengearbeitet hat.
Am Ende des halbstündigen Sets hat er es geschafft, dass alle in der Halle tanzen oder zumindest mit den Hüften wackeln. Wer bei Freunden handgemachter Musik mit vorprogrammierten Klängen gute Laune verbreiten kann, versteht offensichtlich sein Handwerk.
Carpenter Brut
Eine aufwändige Multimedia-Show gehört ja inzwischen zum guten Ton, und auch Carpenter Brut lässt es sich nicht nehmen, seinen Auftritt damit zu garnieren. Nach einer vermeintlichen Werbeeinblendung einer Firma namens „Tusk Inc.“, die das Konzert angeblich präsentiert, wird das Publikum über ein verwüstetes Festivalgelände in einer dystopischen Welt geführt, während die drei Musiker ihre Plätze einnehmen.
Und dann geht es auch gleich mit zwei Highlights des aktuellen Albums los: zunächst dem Titeltrack 'Leather Temple' und mit 'Roller Mobster“'direkt einem der eingängigsten Stücke des Albums. Dieses dominiert dann auch den ganzen Abend, denn knapp die Hälfte der 17 gespielten Songs sind vom aktuellen Album.
Mastermind Franck Hueso macht den Eindruck, als ließe er sich hinter seinem Keyboard durch nichts aus der Ruhe bringen. Einen Fuß auf die Monitorbox gestützt, lässt er mit seiner Sonnenbrille immer wieder den Blick durch das Publikum schweifen, während sein Schlagzeuger Florian Marcadet ebendieses mit seiner Rhythmusarbeit in Bewegung hält. Die Show und das Posen überlassen die beiden gerne ihrem Gitarristen Adrian Grousset, der hier ebenfalls lobenswerte Arbeit ablegt.
Wie bereits erwähnt, liegt der Schwerpunkt des Abends beim aktuellen Album, und es fehlen entscheidende Songs. Wer Carpenter Brut schon einmal auf einem großen Festival oder zumindest einen der Festival-Auftritte in der ARTE-Mediathek gesehen hat, vermisst heute Songs wie 'Lipstick Masquerade', 'Leather Terror', 'Beware The Beast' oder 'The Widow Maker'. Carpenter Brut sind leider ohne Gastsänger und Gastsängerin auf Tour, und damit müssen sie auf die wichtigsten Highlights ihrer Liveshows verzichten.
Bei aller Zurückhaltung lässt Franck Hueso es sich dann aber doch nicht nehmen, zwischendurch ab und zu den Moshpit zu dirigieren und sogar zu einer Wall of Death anzutreiben. Die Metalheads im Publikum machen natürlich begeistert mit, und die Halle bietet allen anderen genügend Platz zum Ausweichen.
Zum Abschluss kommt dann mit dem Michael-Sembello-Cover 'Maniac' doch noch eines der vermissten Highlights zum Zug – mangels Sänger allerdings mit dem Gesang aus der Konserve. Genau das gibt dem ganzen Abend dann einen faden Beigeschmack: Wenn der Gesang schon nicht echt war, war dann überhaupt irgendetwas an der Show echt?
Aber trotz aller Kritik: Es war ein gelungener Abend mit toller Stimmung, guter Musik und einer sehr guten Show. Eine mögliche Antwort auf die eingangs gestellte Frage ist wohl die unglaublich sympathische Ausstrahlung der drei Musiker und die Tatsache, dass gut gemachte Musik einfach Spaß macht – egal in welchem Stil.
Live-Fotos:Axel Schneider
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