Psychedelic Rock • Space Rock • Retro Rock • Hard Rock • Proto-Metal
(36:28; Vinyl, CD, MC, Digital; Det Nordenfjeldske Grammofonselskab; 27.03.2026)
Ich hatte mal einen Mitbewohner aus dem Saarland. Der hatte weniger Lebensmittel im Schrank als ich Kräuter und Gewürze – und kommentierte das mit einem trockenen „Wozu das alles? Es gibt doch Maggi™.“
Eine Weltsicht, reduziert auf das Wesentliche. Oder auf das Nötigste. Je nach Perspektive.
Ähnlich funktioniert das Prinzip Motorpsycho. Während manche ihre Plattensammlung wie ein musikalisches Feinkostgeschäft kuratieren, gibt es auch die Fraktion „Warum eigentlich?“ – schließlich haben die Norweger in ihren inzwischen mehr als 36 Jahren Bandgeschichte ohnehin schon alles gemacht. Prog, Pop, Noise, Jazz, Country-Ausflug mit Hut und ohne Ironie – einmal durch den kompletten Gewürzschrank der Rockmusik, bitte.
Fast alles, muss man fairerweise sagen. Denn irgendwie schaffen es Bent Sæther und Hans Magnus Ryan immer noch, eine Nische zu finden, die sie selbst bislang ausgelassen haben. "The Gaia II Space Corps" ist so eine: „klassischer“ Hardrock, bevor er wusste, dass er klassisch ist. Also zurück ins Jahr 1970, als Riffs noch nicht historisch belastet waren und Gitarren einfach… Gitarren sein durften. Laut. Direkt. Ohne Diskurs.
Und genau das passiert hier: ein Album, das so demonstrativ reduziert ist, dass es schon wieder wie ein Konzept wirkt. Sieben Songs, Gitarren, ein bisschen Boogie, ein bisschen Psych, gelegentlich eine Sitar, die sich für interstellar hält. Keine ausufernden Prog-Konstrukte, keine 20-Minuten-Exkurse – stattdessen: Rock. Hard. Punkt.
Das erinnert zwischendurch tatsächlich ein kleines bisschen an The Beatles – aber wirklich nur ansatzweise. Nicht musikalisch im engeren Sinne, sondern in dieser Haltung: einfach machen, Grenzen ignorieren, und darauf vertrauen, dass es schon irgendwie zusammenpasst. Nur dass Motorpsycho aus genau dieser Idee alles rausfiltern, was nach Pop, Leichtigkeit oder Eleganz riecht, und am Ende das übrig bleibt, was am lautesten knallt. Die Beatles hätten daraus vermutlich ein halbes Dutzend Melodien und ein Konzept gestrickt. Motorpsycho nehmen das Riff. Und spielen es nochmal.
'Fanny Again, Or' groovt sich charmant durch Retro-Gefilde, 'TSMcR' balanciert am Rand des kontrollierten Absturzes, und der Titeltrack hebt mit viel Pathos und Sci-Fi-Blues in Richtung zweiter Erde ab, nur um unterwegs festzustellen, dass auch im All die beste Idee immer noch ein solides Riff ist. Viel Konzept, viel Kosmos, viel „Menschheit, wir schaffen das“ – aber eben auch viel sehr handfester Rock, der sich nicht lange mit solchen Fragen aufhält.
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Motorpsycho setzen zum Abschluss noch einen drauf, indem sie eine epische, umwerfende Version des alten The-Frost-Klassikers 'Black As Night' liefern, um das Ganze in angemessenem Detroit-Stil zu beenden.
Historisch ist das fast schon ironisch: Eine Band, die sich über Jahrzehnte als stilistischer Freigeist definiert hat, entscheidet sich plötzlich für Reduktion. Nach Unicorn-Opern, Pandemie-Epen und Pop-Ausflügen wirkt das hier fast wie eine Trotzreaktion: Wir können auch simpel. Wollt ihr ja eh.
Und ja: Sie können. Wenn 'The Hornet' geschniegelt vor sich hinboogiet und 'The Oracle' plötzlich die große Geste auspackt, merkt man, dass hier keine Retro-Kopie am Werk ist, sondern eine Band, die genau weiß, wann sie sich zurücknehmen muss – und wann eben nicht.
Am Ende ist "The Gaia II Space Corps" weniger die große kosmische Offenbarung, die der Titel vermeintlich verspricht, als vielmehr der Beweis, dass selbst ein scheinbar leergeräumter Gewürzschrank noch irgendwo ein vergessenes Glas bereithält.
Oder, um im Bild zu bleiben:
Manchmal reicht eben doch Maggi™.
Solange es von Motorpsycho kommt.
Bewertung: 11/15 Punkten
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Besetzung:
• Hans Magnus Ryan - electric guitar, vocals
• Bent Sæther - bass, vocals, keyboards
Gastmusiker:
• Reine Fiske - electric guitar
• Olaf Olsen - drums
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Cargo zur Verfügung gestellt.

