
Ambient • Electronic • Soundtrack • Jazz
(46:57; Vinyl (2LP), CD, CD + Blu-ray, Digital; Kscope/Edel; 10.04.2026)
Wenn Richard Barbieri ein neues Soloalbum veröffentlicht, ist die Erwartungshaltung ungefähr so subtil wie ein 5.1-Dolby-Atmos-Sticker auf der Deluxe-Edition: Hier passiert Klangkunst, und zwar bitte in Großbuchstaben. Schließlich hat der Mann nicht nur bei Japan Synthesizergeschichte mitgeschrieben, sondern auch Porcupine Tree mit Alben wie "In Absentia" oder "Fear Of A Blank Planet" den Prog in die Gegenwart gezerrt. Man könnte also meinen: "Hauntings" wird mindestens ein kleines Spukschloss mit eingebautem Nervenzusammenbruch.
Ist es auch. Nur leider ohne den Nervenzusammenbruch.
Denn ja: "Hauntings" ist ein beeindruckendes Klangkunstwerk. Dicht, detailverliebt, mit diesem typisch Barbieri’schen Gespür für Räume, Texturen und unterschwellige Bedrohung. Die Presseinfo schwärmt von viktorianischen Schatten, Belle-Époque-Geistern und Lovecraft’schem Grusel – und tatsächlich wabern Tracks wie 'Victorian Wraith' oder 'Paris Sketch' durch neblige Gassen, als hätten sie sich in einem schlecht gelaunten Historienfilm verlaufen.
Nur: Während der Kopf nickt („Ah, wie kunstvoll!“), bleibt der Rest erstaunlich unbeeindruckt.
Das Problem ist weniger das „Was“ als das „Wie viel“. Für Ambient passiert hier zu viel, für Artrock, New Wave, Jazz oder sonst irgendeine halbwegs greifbare Kategorie aber deutlich zu wenig. Das Ergebnis ist ein musikalischer Schwebezustand, der sich weigert, irgendwo anzukommen. Ein bisschen Jazz von Gästen wie Morgan Ågren oder Percy Jones blubbert durch den Hintergrund, doch statt Spannung aufzubauen, plätschert das Ganze eher geschniegelt vor sich hin. Tiefenentspannung? Fehlanzeige. Dramaturgie? Hat offenbar den Zug verpasst.
Auch das große Konzept – Vergangenheit, Zukunft, Simulation, Realität – bleibt eher Behauptung als Erlebnis. Ich bin mit dem Album im Ohr durch das jugendstilverliebte Traben-Trarbach gelaufen, also quasi durch ein architektonisches Best-of der Belle Époque. Ergebnis: Die Musik klang weniger nach Gaslaternenromantik als nach Science-Fiction im Leerlauf. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Die Vergangenheit ist hier nur ein Preset.
Und dann ist da noch 'A New Simulation' – ein Track, der alles hätte sein können. Groß, packend, vielleicht sogar so etwas wie ein emotionaler Höhepunkt. Stattdessen bleibt er ein faszinierendes Gerüst, dem jemand vergessen hat, ein echtes Gebäude hinzuzufügen. Man wartet darauf, dass etwas passiert. Spoiler: tut es nicht. Zumindest nichts, das hängen bleibt.
Am Ende bleibt ein Album, das man bewundern kann wie eine perfekt ausgeleuchtete Ausstellung: alles an seinem Platz, alles durchdacht, alles klanglich brillant. Und doch verlässt man den Raum mit dem leisen Gefühl, dass einen das alles erstaunlich wenig berührt hat.
Oder anders gesagt: "Hauntings" spukt. Aber eher höflich.
Bewertung: 9/15 Punkten
Tracklist:
- 'Snakes and Ladders' (5:33)
- 'Anemoia' (5:08)
- 'Victorian Wraith' (3:02)
- '1890' (3:58)
- 'Artificial Obsession' (5:07)
- 'Paris Sketch' (5:47)
- 'Perfect Toys' (3:48)
- 'Traveler' (5:40)
- 'Reveille' (1:54)
- 'Last Post' (2:22)
- 'A New Simulation' (4:38)

Besetzung:
• Richard Barbieri - sound designs and electronics
• Morgan Ågren - drums and percussion
• Percy Jones - bass guitar
• Luca Calabrese - trumpet
Surftipps:
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