
Progressive Rock/Metal • Cinematic Post Rock
(47:12; Digital; Eigenveröffentlichung; 13.02.2026)
Es bleibt ein erlebter Erfahrungswert: Kommen Musiker völlig unterschiedlicher Strömungen zusammen, spielen ohne feste Dogmen ein Album ein, kommt oft ein spannendes, weniger herkömmliches Endergebnis dabei raus.
Diese Norweger können davon ein Lied singen. Gitarrist/Sänger Johnny Normann Berg kommt eher aus dem klassischen Neo Prog und scharte für sein Ananon Projekt ein Paar kontrastreiche Musiker um sich, und man hört es diesem Schubladenfreien Album in jeder Sekunde an. Dim Gray, Anathema, Gazpacho und vieles Gutes aus der atmosphärisch, progressiven Ecke sei als Referenz und Orientierungspunkt legitimiert.
Konzeptionell und visuell geht es raus auf's Meer – "Moby Dick", "Der Alte Mann und das Meer" standen Pate für den inhaltlichen Überbau. Auch wenn die Geschichte, der Ursprung der Band weit zurück in den 90's liegt, kam erst wirklich 2023 Wind in die müden Segel.
Ich muss gestehen, die unkonventionell emotionale Gangart – wie die Musiker traditionellen Prog Rock, atmosphärische Doom-Elemente, alternativ-postige Wallungen integrieren, das greift in jedem Moment vollumfänglich zu, und ich war hier ganz schnell Feuer und Flamme. Der Sound ist maximal präsent, aber zum Glück weit weg von glatt poliert.
Ja, etwas Neo Prog ist dass Sound-Fundament. Wie die Band aber mit in den Vordergrund gemischten erzählerischen Sprach-Samples, Chören, verschiedenen emotionalen Vokal-Ausbrüchen, leise-laut Dynamiken permanent Spannungs-Momente kreiert, Bilder provoziert und dies wie auf dem weiten Ozean durch Sanftheit und stürmisch aufbrausende Momente musikalisch in Szene setzt, begeistert mich maximal. Die Umsetzung ist so erfrischend, atmosphärisch, leidenschaftlich, dass Freunde zwischen Prog, Post und alternativen Dynamiken hier aus dem Vollen zu schöpfen haben.
Man erzeugt mit langen instrumentalen Passagen viel Raum und Weite, die cineastische Musik atmet tief dank der epischen Melodien und der einnehmenden Chöre. Meeresrauschen, Stille und Piano-getragene Passagen zeugen von mannigfaltiger Musikalität. Raue, wilde Klangfarben hier, feinste sensible Fragilität da. Streicher in 'Mirador', fast Kammermusikalische Auswüchse, dann druckvolle Riffs und moderner Artrock mit angenehmer Heavyness bringen durchgehende Sprünge und Dynamiken in die Songs. 'A Letter From Starlette Chapter 2' ist ein wunderschönes Zwischenstück mit erzählerisch-traumartiger Kinderstimme.
'Lady Luna' könnte auch auf der "Eternity" von Anathema oder einer Gazpacho-Platte stehen: getragenes Tempo, eine zerbrechliche Männerstimme, schwere metallisch-aufbrechende Gitarrenwogen. Das berührt und diese immer wieder gezielt eingesetzten Streicher sind ein emotionales Sahnehäubchen. Viel postrockiger Rausch und melancholische Glückseligkeit schwingen in emotional wallenden Tracks wie 'Songs Only Sirens Sing' oder dem orchestralen 'The Hunt' mit - kein Freund zwischen druckvollem New Artrock und dunklem Post Rock wird hier die Nadel im Heuhaufen finden. Immer wieder dieses Meeresrauschen, Walgeräusche, liebevolle Gitarrenmotive und Streicher, wo das Auge hinreicht – Herz was willst du mehr?
'Reflections Under A Starless Map' berührt mit aufgewühlt-dringlichen Vocals, die an einen jungen Vincent Cavanagh (Anathema) erinnern. Auch hier gibt es zusätzlich wieder eine Erzählerstimme, einen spannenden Song-Aufbau und unendlich viele Bilder und Atmosphäre. Der Titelsong bleibt in ähnlich balladesk-schwermütigem Wellengang – perlt mit verlorenem Gitarrenspiel erstmal ohne Land in Sicht - schiebt dann nach und nach mit dramatischem Unterton in drückende Heavyness hinüber.
All dies berührt, ist maximal emotional aufgeladen und fordert trotz aller Abwechslung keine zu großen Experimente heraus. Atmosphäre, Stimmungen und Bilderflut stehen hier klar im Fokus und die Norweger zelebrieren ihren modernen Prog mit wahrlich aufreibender Leidenschaft. Voller wehmütiger Chöre/Streicher und wiederum mit diesen emotionalen Cavanagh-Vocals steigt man mit 'Goodbye Starlette' und durchdringender Epik aus einem majestätischen Kleinod/Meisterwerk skandinavischer Machart aus. Respektvolle Grüsse in den Norden – ich bin maximal begeistert.
Bewertung: 14/15 Punkten
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Besetzung:
• Johnny Normann Berg - guitar, vocals (4), voice
• Jimmy Dapper (The Lucky Bullets) - drums
• Magnus Charles Dossland Bjornstad (Tempelheks) - bass
• Carl Fredrik Berg (The Multiverse Ensemble) - keyboards
Surftipps:
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Die Abbildungen wurden uns freundlicherweise von The Ananon Project zur Verfügung gestellt.


6 Kommentare
Huups…habe ich mich da verguckt, oder hast du dem Album noch zusätzlich ein Pünktchen mehr gegeben?
Umso besser, dann kann das Album vielleicht das „Teekesselchen der Woche“ werden, es gefällt mir jedenfalls besser, als dein zweiter „14er“, Versa…
Danke für den Kommentar. Ich denke beide Alben sind Knaller und hätten n Kesselchen verdient.LG
Lieber Raijko, du hast auch, zumindest für mich, eine wirklich genau passende Rezension zum Album geschrieben, dafür sage ich auch „DANKE“
Ich schmeisse hier gerne mit hohen Noten rum, wenn solche Alben Woche für Woche durch die Tür kommen. Es gibt kein Geld für’s schreiben, von irgendwelchen Labels erst recht nicht, es ist einfach nur die Begeisterung über solch schöne Platten.
An dieser Stelle mal ein ganz dickes Lob für Deine/Eure Arbeit.
Für genau solche Reviews liebe ich diese Seite. Die Band oder besser das Projekt hätte ich sonst im Leben nicht entdeckt….absolutes Highlight. Da vergesse ich auch die meiner Meinung nach deutlich zu hohen Wertungen für die ein oder andere Neuerscheinung der letzten Wochen/Monate:-)
Schöne Grüße
Sebastian
Vielen Dank dafür. Ich liebe Musik, vergebe gerne diese Noten, wenn ich mir die Zeit für diese „zu hoch bewerteten Platten“ letztlich nehme und es so empfinde. Emotional und maximal subjektiv, dies ist mir absolut klar und natürlich muss niemand am Ende es genauso empfinden. LG zurück Sebastian