Henri Texier – Chance

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(64:05, CD/Digital, Label Bleu, 2020)
Als Pianist und Komponist Jef Gilson vor 60 Jahren seinem Schüler Henri Texier empfahl, vom Klavier auf den Kontrabass umzusatteln, war dies der Grundstein einer fantastischen Karriere. Texier wurde binnen weniger Jahre zum allgegenwärtigen Bühnengast der Pariser Jazz Szene. Mit Anfang 20 begleitete er Auftritte von Johnny Griffin und Bud Powell und machte sich in Europa wie auch in den Vereinigten Staaten von Amerika einen Namen.

Als er 1977 den Prix Django Reihardt überreicht bekam, war Henri Texier gerade mal 32 Jahre alt. Doch auch abseits dieses Preises war in der Welt des Jazz bekannt, dass es sich bei dem jungen Pariser um einen außergewöhnlichen Kontrabassisten handelt.

Inzwischen ist Henri Texier 75 Jahre alt, aber deshalb noch lange nicht müde. Dies bewies er erneut, indem er zu seinem sechzigjährigen Jazzjubiläum ein ganz besonderes Werk produziert hat. “Chance” ist der Titel des mittlerweile 38. Albums von Texier. Auf acht Stücken lässt er seine bisherige Schaffensphase Revue passieren und bedankt sich aufrichtig bei treuen Seelen, Fans und Menschen, die ihn auf seinem Weg begleitet haben.

Über eine Stunde tänzelt, schwingt und hopst Henri Texier durch die Geschichte des Jazz sowie durch seine persönliche musikalische Biographie. Dabei gibt er sich mal gemächlich und entspannend wie im Lied ‘Simone et Robert – pour Simone Veil et Robert Badinter’ oder auch mal anstachelnd und flott wie im Eröffnungsstück ‘Cinecitta’. Auch das Tanzbein wird auf “Chance” beansprucht, wie die dynamische Nummer ‘Pina B. – pour Pina Bausch’ unter Beweis stellt. Erfrischend ist dabei die Vielfalt, mit der sich die einzelnen Stücke voneinander unterscheiden und somit einzelne Abschnitte in Texiers Karriere vertonen.

In einem Element aber gehören alle Stücke zusammen. Das virtuose Bassspiel von Henri Texier ist stets der fundamentale Aufhänger eines jeden Liedes. Der Kontrabass ist immer gut hörbar und bildet eine solide Einheit aus Rhythmus- und Melodieinstrument. Selbstredend lässt es sich Henri Texier nicht nehmen, gelegentlich in den Vordergrund zu schreiten und ein flinkes Solo aufs Griffbrett zu legen. Die Arrangements, die sich um den zentrierten Kontrabass herum aufbauen sind wiederum sehr vielseitig.

Neben warmen und fröhlichen Klängen scheut das Album auch nicht vor melancholischer Stimmung wie im Stück ‘Laniakea’. Auch progressive oder zumindest atypische Elemente fehlen nicht. So beinhaltet das Album auch gelegentlich Elemente wie eine leicht verzerrte, fast schon rockige Gitarre oder Anleihen aus anderen Musikstilen wie Country, Americana oder orientalischer Musik. Und natürlich darf auch der eine oder andere Jazz Klassiker nicht fehlen. Bekannte Standards werden auf “Chance” geschickt in die Struktur der Stücke eingearbeitet und schweben wie eine Liebeserklärung an den Jazz mit im Raum.

Während Henri Texier auf “Chance” Tempo, Stimmung und Rhythmus vorgibt, hat er sich noch einiges an Unterstützung für die Aufnahmen ins Boot geholt. Die jungen Gäste sind:
Gautier Garrigue – Schlagzeug,
Manu Codjia – Gitarre,
Vincent Lê Quang – Tenorsaxophon & Sopransaxophon und
Sébastien Texier – Altsaxophon, Altklarinette & Klarinette.

Bei letzterem handelt es sich um den Sohn von Henri Texier. Zusammen legt das Quintett eine äußerst angenehme und abwechslungsreiche Jazzpartie aufs Parkett. Durch den biographischen Charakter ergibt sich nicht immer ein direkter Übergang oder Zusammenhang zwischen den Stücken. Dennoch überzeugen fast alle Lieder sehr stark und selbst schwächere Stücke wie ‘Le même fleuve’ sind keine Ausfälle.
Bewertung: 13/15 Punkten (RG 13, KR 12)

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Abbildungen: EPK Henri Texier / Broken Silence

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Über den Autor

Raphael Lukas Genovese

Kontemporär in Würzburg ansässig. Irgendwo zwischen Punk, Psychedelic, Kraut, Wahnsinn und Jazz zuhause.

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Henri Texier – Chance

von Raphael Lukas Genovese Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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