…And You Will Know Us by the Trail of Dead, Alex Henry Foster & The Long Shadows, 12.02.20, Köln, Stadtgarten

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…And You Will Know Us by the Trail of Dead oder kurz, Trail of Dead, sind eine texanische Band, die im Jahre 1994 von den Jugendfreunden Conrad Keely und Jason Reece gegründet worden ist. Interessanterweise übernehmen die beiden Musiker bei Trail of Dead nicht nur abwechselnd den Lead-Gesang, sondern sie zeichnen auch beide sowohl für die Gitarren- als auch für die Schlagzeugarbeit verantwortlich. Dies führt bei Live-Konzerten immer wieder dazu, das Keely und Reece ständig ihre Positionen wechseln. Die übrigen Musiker im Bandgefüge sind über die Jahre immer wieder ausgetauscht worden, so dass Conrad und Jason bis heute die einzigen Konstanten in der Gruppe sind. Musikalisch sind Trail of Dead ein Chamäleon, welches keinem Musik-Genre eindeutig zugeordnet werden kann. Während vor allem die ersten drei Platten der Band stark im Alternative Rock und im Post Hardcore verwurzelt sind, verarbeiteten die US-Amerikaner im Laufe ihrer Karriere immer wieder Stilelemente des Progressive Rocks. Grund hierfür ist die Vorliebe Keelys und Reeces für Musikanthropologie. Diese hatte auch schon in den Anfangstagen der Band zu Einflüssen aus exotischen Kulturen der Welt in ihre Musik geführt.

Nachdem Trail of Dead in vergangenen zwei Jahren mit ihrem Post-Hardcore-Klassikern “Source Tags & Codes” und “Madonna” durch Deutschland tourten und die Clubs, zum Grauen meiner Kollegen, mit facettenlosem Punk beschallten (vgl. Konzertbericht: 13.06.18, Köln, Gebäude 9; “meinereiner hat auch schon einmal ein AYWKUBTTOD-Konzert nach zwei, drei Liedern kopfschüttelnd verlassen. Und auch damals war die Vorgruppe um gleich etliche Längen besser als ToD”, moppert Kollege Schlussredaktion) und in tobende Moshpits verwandelten, haben sie auf ihrer aktuellen Tour wieder ein brandneues facettenreiches Album im Gepäck: “X: The Godless Void and Other Stories”. Die Frage, die sich dem (Prog-)Fan demnach an diesem Abend stellt, kann also nur die folgende sein: wird der Abend wieder zu einer knüppelharten Post-Hardcore-Party ausarten, oder wird die Band dieses Mal auch auf progressive Alben wie das 2011er “Tao of the Dead” zurückgreifen und den Abend in ein akustisches Klangerlebnis verwandeln.

Alex Henry Foster & The Long Shadows

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, gilt es erst einmal die Vorgruppe zu überstehen.
Ein Unterfangen, dass sich bei anderen Konzerten nicht immer einfach gestaltet. Ganz anders als heute, denn begleitet werden Trail of Dead von Alex Henry Foster, manch einem auch bekannt als Bandkopf und Sänger der kanadischen Post Rock- und Noise-Band Your Favorite Enemies.

Alex Henry Foster tritt heute gemeinsam mit The Long Shadows auf. Bei diesen handelt es sich um keine neue Band, sondern vielmehr um Fosters Stammband, welche diesem unter abgeändertem Namen auf der aktuellen Tournee dabei hilft, sein bereits 2018 in Kanada erschienenes Solo-Album “Windows in the Sky” live aufzuführen und für die anstehende Veröffentlichung auf dem europäischen Markt zu bewerben (VÖ: 17.04.2020,Label: Hopeful Tragedy/Sony).

Der nun folgende Auftritt haut so manchen Zuschauer im Publikum förmlich aus den Socken, denn was das Sextett bestehend aus Alex Henry Foster (Gesang, Synthesizer, Gitarre), Sef (Lead-Gitarre), Ben Lemelin (Bass), Jeff Beaulieu (Gitarre), Charles (Moose) Allicie (Schlagzeug) und Miss Isabel (Keyboards) in der nun folgenden Stunde mit seinen Instrumenten klangkich eintfaltet, dass lässt praktisch niemanden kalt, denn Alex Henry Foster und seine Mitstreiter sind so viel mehr, als nur der Post Rock, mit dem sie angepriesen worden sind. Hauptanker in der Musik ist Fosters Stimme, welche immer wieder zwischen intimen emotionalen Gesang und poetischen Spoken-Words-Passagen hin- und herwechselt. Es ist eine Stimme, die förmlich gezeichnet ist von Schmerz, Depression und Trauer, aber auch von dem Willen weiterzumachen.
Es ist eine Stimme, die das Seelenleben Alex Henry Fosters spiegelt, denn “Windows in the Sky” entstand kurz nach dem Krebstod Fosters Vaters.

Musikalisch kommen mir beim Hören immer wieder Mogwai und Sigur Rós in den Sinn (und das nicht nur wegen der von Sef mit einem Geigenbogen gespielten E-Gitarre), doch vor allem Fosters Gesangsstil lässt auch immer wieder Assoziationen zum Shoegaze der 80er, zum Dark Wave einer Anne Clark und zum Großmeister Nick Cave aufkommen. Würzt man diesen Stilmix noch mit einer ordentlichen Priese Noise Rock a lá Swans, so kann man sich ganz gut vorstellen, wo Alex Henry Foster & The Long Shadows beheimatet sind. Was sie erzeugen gleicht einem Orkan, welcher düster und bedrohlich über dem Publikum schwebt.

Im Mittelpunkt des Bühnengeschehens steht allerdings Alex Henry Foster, da er mit seiner emotionalen Darbietung an Gitarre Mikrofon und Synthesizern die Blicke des Publikums wie ein Magnet auf sich zieht. Vor allem seine Gitarre bringt der Musiker immer wieder förmlich zum Weinen und ist so Ausdruck seiner tiefsten Emotionen. Gegen Ende des Auftritts ist der Sänger aus Montreal kaum noch zu bändigen, so dass er die Saiten seines Instruments immer wieder über die Monitorboxen schrammt, um krächzende Geräusche zu erzeugen. Es gleicht einem schieren Wunder, dass seine Gitarre das Ende der Show heil übersteht.
Leider bleibt am Ende nicht die Zeit, dem Publikum mehr als vier Lieder vorzustellen, darunter die beiden Singles ‘Summertime Departures’ und ‘The Hunter (By the Seaside Window)’ sowie ‘Shadows of our Evening Tides’ vom aktuellen Album.
Doch das ist nicht notwendig. Auch so bleibt die Show ein denkwürdiger Auftritt, welchem der Hauptact im Folgenden nicht das Wasser reichen kann.

…And You Will Know Us by the Trail of Dead

Für Trail of Dead ist es heute erst der dritte Auftritt auf europäischem Boden im Rahmen ihrer “The Godless Void and Other Stories Tour”, der ersten Tournee seit dem Jahre 2014, bei der ein aktuelles Studioalbum promotet wird. Dass heute mehr als die alten ungeschliffenen Post-Hardcore-Perlen im Mittelpunkt stehen, fällt gleich dadurch auf, dass die Band, in Person von AJ Vincent, einen Keyboarder mitgebracht hat, welcher auf der “20 Years of Madonna Tour” noch fehlte. Im Vergleich zum letztjährigen Konzert in der Berliner 8mm Bar gewinnt der Sound von Trail of Dead durch die erweiterte Instrumentierung deutlich an Tiefgang. Dieser Vorteil wird allerdings von Anfang an verspielt, denn verglichen mit Alex Henry Foster & The Long Shadows haben Trail of Dead an diesem Abend die deutlich schlechtere Abmischung erwischt.

Auffällig am heutigen Abend ist auch, dass sich Conrad Keely ausschließlich auf das Singen und sein Gitarrespiel beschränkt. Dass “Bäumchen wechsel’ Dich”-Spiel mit Kollege Jason Reece am Schlagzeug überlässt er stattdessen Gitarristen und Neuzugang Ben Redman. Apropos Neuzugang: auch Alec Padron ist noch nicht lange in der Band und ersetzt den erst kürzlich ausgeschiedenen, langjährigen Bassisten Autry Fulbright II.

Was die Songauswahl betrifft, so stehen neben Liedern der aktuellen Scheibe noch immer Songs der beiden Post-Hardcore-Frühwerke “Source Tags & Codes” und “Madonna” hoch im Kurs. Diese werden ergänzt durch eine Auswahl von Stücken der Alben “Worlds Apart”, “Tao of the Dead” und “The Century of Self”, welche allesamt aus der progressiven Phase der Band, also den Jahren zwischen 2005 und 2011 stammen.
Als Resultat ergibt sich, das an diesem Abend praktisch für jeden etwas dabei ist. Sowohl für die partyfreudige Post-Hardcore-Fangemeinde, die sich nahe der Bühne im Moshpit tummelt, als auch für die Freunde des Progressive Rock, die sich eher in den hinteren Gefilden der Halle aufhalten, da dort der Klang um Längen besser ist als vorne.

Trotzdem lassen die Live-Versionen von Liedern wie ‘Ebb Away’, ‘Will You Smile Again for Me’, ‘Isis Unveiled’ oder den beiden jüngsten Sigles “Don’t Look Down” und ‘Into the Godless Void’ die Freunde progressiver Töne mit gemischten Gefühlen zurückl, da die Stücke musikalisch und soundtechnisch kaum mit den Studioversionen mithalten können. Es ist erneut kein wirklich guter Abend für die Liebhaber filigraner Soundtüfteleien. Das Pogo-liebende Volk dagegen bekommt was es will und wird v.a. mit den drei Zugaben ‘Another Morning Stoner’, ‘Aged Dolls’ und ‘A Perfect Teenhood’ ganz nach seinem Geschmack bedient.

Und so muss man am Ende des Tages feststellen, dass Trail of Dead machen können, was sie wollen. Im Herzen und auf der Bühne werden sie wohl immer eine Post-Hardcore-Band bleiben.

Setlist:
Alex Henry Foster & the Long Shadows
…And You Will Know Us by the Trail of Dead

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Konzertbericht: 13.06.18, Köln, Gebäude 9
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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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