Crippled Black Phoenix, Soft Kill, Fotocrime, 10.04.19, Köln, Luxor

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Crippled Fotos, Cameracrime, Soft (S)kills & Concertiquette

BetreutesProggen.de hatte die Tour mit Freuden präsentiert, hatte Gästelistenplätze unters Proggervolk gebracht und wollte nun natürlich auch einen Lokaltermin dazu machen. Trotz unguter Vorahnungen bezüglich des Lokals.

Denn das Luxor (ehem. Prime Club) hat man seit deutlich über 30 Jährchen als prima, ja kultigen Club für Konzerte bis etwa mittlere Befüllungsgrade erlebt. Alles was sich dem hier offensichtlich gerne recht lässig ausgelegtem Ausverkauf nähert, macht schnell die Qualen industriell ausgebeuteter Legehennen plastisch. Doch was tut man nicht alles für so ein Billing…

Und in dem wäre zunächst einmal Fotocrime zu erwähnen, die uns mit “Principle Of Pain” (2018) auf den Radarschirm geraten waren. Damals hatte Debo gejauchzt: “Also, The Cure und Joy Division Fans aufgepasst: Schwarze Lederjacken anziehen und Augen dunkel schminken, denn jetzt kommt der 80er Jahre Gothic-Post-Punk wieder zurück.” Und so kam es auch – ab 19:30 Uhr – in Kölle, nur dass Ryan Patterson itzo dem Schmerz nur mit Prinzipien, Gesangsmikro, Gitarre und Drum-Computer allein entgegentreten musste. Und das mit zwar starken, aber auch nicht unbedingt nur Mut machenden oder gar Fröhlichkeit verbreitenden Songs wie ‘Love In A Dark Time’, das Düsterhit-verdächtige ‘Always Hell’ oder ‘Don’t Pity The Young’. Wohl auch weil sich hier optisch für uns praktisch nur tiefschwarze Sonnenbrille über einem Bart aus einer blauen Nebelwand schälte, kamen manchmal sogar Assoziationen an DAF auf.

Für diese Art Düster-Mucke überraschend auch die Halbakustische mit viel Twang, die zusammen mit dem intensiven Gesangsvortrag nie das Gefühl von Konservenmusik aufkommen ließ. Auch wenn des Autoren zweiköpfige Begleitung zugegeben gleich beide so gar nicht auf Fotocrime konnte. Immerhin störten sie (natürlich) nicht – wie aber manch andere – das Konzert durch laute Gespräche. Was vom Künstler begreiflicherweise gar nicht gut aufgenommen wurde, der für den apokalyptischen Beziehungs-Song ‘Hold Me In The Night’ ausdrücklich um etwas mehr Ruhe bat.

Diese Stücke sind kurz, eindringlich, die Lautstärke grade noch vertretbar, die Texte gut verständlich, geht doch! Nicht alles verstanden haben wir von den viel zu früh den tollen Auftritt (bei seiner ersten Tour als “Solo-Unterhalter”!) beendenden Danksagungen. Doch irgendwie schien Ryan u.a. sein Wiedererscheinen auf der Bühne anzukündigen…

Wie auch immer – next up sind die wunderbar wavigen Soft Kill. Die Band selbst nennt sympathischerweise u.a. The Replacements als Inspiration – zumindest an diesem Abend wäre unsereinem da sogar noch eher The Chameleons und sogar U2 (als die noch keine K***brocken waren) eingefallen.

Der Gesang von Tobias Grave erinnert in seinen besten Momenten überdies an Steve Kilbey von jener anderen New Wave- und Post-Punk-inspirierten Kapelle…

Einziges Manko dessen, was Soft Kill da nach eigener Sichtweise als “Sad Rock” präsentieren, ist der immer gleiche Schlagzeug-Pattern. Darüber tröstet das ansonsten überaus kompetente Wirken der Amerikaner sowie von der Bühne an uns in der ersten Reihe verteilte Äpfel (der Erkenntnis?).

Sweat black, sweat heavy

21:10 Uhr. Die Atemluft im Club lässt inzwischen die Feinstaub-getriebene Diskussion um die Luftverhältnisse deutscher Innenstädte kurzeitig banal wirken, zum Geruch schweigt des Sängers Höflichkeit. Trotzdem kommentiert das jetzt als Intro eingespielte ‘You Brought It Upon You Yourself’ gar nicht den Umstand, dass man das alles ja vorher gewusst hat. Also mit den Lebenserhaltungssystemen in einem vollen Luxor. Sondern den, dass jetzt die britische Progrock-Legende das Ruder übernimmt!

Mit ‘To You I Give’, dem ultramelodischen zweiten Song von “The Great Escape” geschieht der fließende Übergang ins Live-Geschehen und der Nebel gibt – zumindest teilweise – den lohnenswerten Blick frei auf u.a. CBP-Chef Justin Greaves (Gitarre, Gesang), Daniel Änghede (Gitarre, Background-Gesang), Belinda Kordic (ganz besonders lohnend. Synthesizer, Keyboard, Orgel, Background-Gesang), Helen Stanley (Keyboard, Trompete), Ben Wilsker (Schlagzeug).

Und natürlich den wie versprochen zurückgekehrten Ryan Patterson am Bass!

Ihr nun gemeinsam angerührter Mix aus Kingsize-Prog-Konzept-Wurf, anhaftend poppigen Melodien, postrockig wuchtenden Gitarrenbulldozern lässt den Wunsch nach Sauerstoffzelt oder zumindest Gasmaske zwischenzeitig komplett vergessen.

Im einen Moment wirken CBP dabei wie Superstars, wie eine der besten Progbands, die Du je gesehen hast. Und andererseits wie ein Hippie-Kollektiv. Zum Beispiel, wenn Justin seinem Live-Bassisten Ryan, der ja immerhin grad das zweite Set des Abends absolviert, liebevoll den Nacken massiert. Und dann gibt es die Momente, für die sich leider kein anderes Wort als das inflationär gebrauchte “magisch” findet: als nämlich Helen bei einem eigentlich nach Twin-Leadguitar zu verlangen scheint, still und leise aufsteht, ihre Trompete zu den Lippen führt und einfach die Parallelen zur Leadgitarre bläst.

Persönliche Höhepunkte des Konzerts bildeten neben dem unverwüstlich guten ‘Poznan’, ‘We Forgotten Who Whe Are’, die beiden Teile vom Titelstück des aktuellen Albums und natürlich die CBP-Version von ‘Echoes’.

Setlist:
To You I Give
No Fun
Champions of Disturbance, Pts. 1 & 2
Caring Breeds The Horror / Poznan
Rain Black, Reign Heavy
Nebulas
Great Escape Part 1
You Take The Devil Out Of Me
The Golden Boy That Was Swallowed By The Sea (Swans)
Fantastic Justice
We Forgotten Who We Are
ECHOES

Cameracrimes & Concertiquette

Diese Konzertkritik-Coda ist Dir gewidmet. Ja Dir, Du narzisstischer Vollhorst, in Deinem langen schwarzen Mantel, den schwarzen Locken benebst schwarzem Bart und Deiner schwarzen Gopro. Als einigermaßen emsiger Konzertgänger hat man ja wirklich schon ein paar Schwachmaten gesehen, gerade was Konzerte filmen oder Selfies auf Konzerte machen anbegeht. Aber Du bist bislang top of the bill! Wie Du Dich ein ums andere mal in verschiedenen Winkeln bis ganz vor die Bühne gekämpft hast, um Dich dann mit einem Mantelwurf wie D’Artagnan umzudrehen und Dich vor dem Hintergrund der wehrlos solchem Treiben ausgesetzt weiterspielenden CBP mit der einen Hand zu filmen, wie Du – man denke! – in einer wahrlich beeindruckenden Koordinationsleistung mit der anderen ein Bier zum Bart führtest, Du Groschenheft-Hipster-Variante eines Metalheads. Ende der Widmung.

Live-Fotos: Tobias Berk

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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