Der Blutharsch And The Infinite Church Of the Leading Hand, 20.04.19, Druckluftkammer, Koblenz

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Der 20.04. sollte der Tag der Entscheidung werden: Zwei zwiegespaltene Blutharsch-Affine wollen endlich ein von persönlichem Erleben gestütztes Urteil fällen können. Und das auch noch an einem so bedeutungsvielfältigen Datum. Dazu passt es dann natürlich, sich an Ostern diese Band zu geben, die ihre Alben mit dem Warnhinweis „for maximum listening pleasure listen only when chemically imbalanced“ beschmückt. Zudem steht die Blutharsch-Tour natürlich unter dem Motto ihres starken jüngsten Albums “Wish I Weren’t Here”.

Würden wir uns also blitzschnell an einen anderen Ort wünschen? Kommen wir direkt zur bereits angedeuteten Problematik. Wer schon mal von der Band mit dem sonderbaren Namen gehört hat, verbindet damit sonderbare, besondere Musik und leider auch Kontroversen, die nach all den Jahren immer noch am Namen haften. Natürlich wird das Thema langsam ätzend, aber es hat den Entscheidungsprozess zur Frage definitiv verkompliziert, sich nun wirklich mal Blutharsch live zu anzuschauen, . Einerseits hat die Band um Albin Julius einen einzigartigen Stil, andererseits hatten wir uns ehrlich gesagt nie getraut, uns dem Phänomen komplett, mit aller Leidenschaft, hinzugeben, trotz des krassen Wandels zu Psychedelic-Hippies, den DBATICOTLH inzwischen vollzogen haben.

Umso verblüffender war es zunächst, vor der vermeintlichen Wirkungsstätte wartende AC/DC-Fans anzutreffen. In der festen Überzeugung, vor der richtigen Stelle zu stehen, hat man dies zunächst einfach hingenommen. Wer hätte schon vermutet, dass an ein und derselben Ecke der ohnehin nicht riesigen Koblenzer Altstadt gleich mehrere Rock-Konzerte stattfinden. Doch gleich auf der anderen Straßenseite wurde alsbald unser tatsächliches Ziel ausgemacht. Nämlich die Druckluftkammer, die u.a. mit 100 verschiedenen Sorten Absinth für sich werben kann und von außen wie von innen wie ein richtiger Szene-Club wirkt. Nur diesmal ohne Eighties Metal Show und dafür mit einem bunt gemischten, mengenmäßig überschaubar bleibenden Publikum.

So ging es nun noch tiefer herab in den Keller der Druckluftkammer, ein unglaublich atmosphärischer, winziger Club, den man definitiv besuchen sollte, wenn man in der Gegend ist und auf mittelalterliche Ästhetik, Gothic und Darkwave steht.

Kaum war man akklimatisiert, da läutete der DBATIFCOTLH-Kopf Albin mit einem Gong das Ritual ein und die Truppe – mehrere Mitglieder einheitlich in weiße Oberhemden gewandet – marschierten nach vorne auf die Bühne. Die zweite Verblüffung des Tages: Trotz des Gewölbe-Charakters war der Sound in der Kammer wunderbar und auch die Lautstärke perfekt. Nach und nach zog nun der Nebel auf und hätte beinah die Musiker auf der kleinen, von Gestein umrahmten Bühne verschwinden lassen. Doch reichlich bunte Lichter (allerdings fast nur von hinten, fast nichts von vorne) haben dafür gesorgt, dass man immerhin Silhouetten erkennen konnte.

Albin hat sich dabei eher im Hintergrund aufgehalten, was aufgrund der Enge für den Keyboard-Spieler auch kaum anders möglich war. Dafür konnte Marthynna umso mehr mit ihrer okkulten Hohepriesterinnen-Präsenz strahlen und uns verzaubern. Und verzaubert hat die Band sofort, dank der entsprechenden Atmosphäre hatte man wirklich den Eindruck, einer etwas anderen Messe beizuwohnen. In Momenten, in denen Marthynnas mal deutscher und mal englischer Sprechgesang dominierte, verfielen bestimmt einige Zuhörer in Trance.

Soweit ein Blutharsch-Hörer, der sich schlecht Titel merken kann, das identifizieren konnte, wurden hauptsächlich die neuen Songs von “Wish I Weren’t Here” gespielt, aber auch andere Alben wie “Joyride” und “Sucht & Ordnung” gewürdigt. Die Übergänge waren ohnehin oft fließend, die Songs stellenweise noch viel krautiger, viel psychedelischer als es auf den aufgenommenen Platten überhaupt herauskommt. Trotz des ganzen düsteren Drumherums, den teilweise eher finsteren Texten, lässt das Kollektiv einen nie in Hoffnungslosigkeit verfallen und sorgt gerade mit den krautigen Ausbrüchen und den Synthie-Klängen für ein Lächeln. Und das ist nicht das Einzige, was sie können.

Der Abend hat erwiesen, dass sie auch verdammt heavy spielen können, wie das Double Leadguitar-Finale mit ‘O Lord’ gezeigt hat. Überhaupt ging es manchmal in Richtung Metal und Doom. Und teilweise klingt ja auch das aktuelle Album rockiger als die früheren, ohne die typischen Electrobeats außer Acht zu lassen. Mit Neo-Folk hat das nicht mehr viel zu tun und die beeindruckende Jam-Session ist der Beweis für die Kreativität und Virtuosität, die alle Mitglieder mitbringen. Gefühlt war die Show viel zu kurz, aber es war eine gute Entscheidung, das Konzert mit einem Gong wieder ausklingen zu lassen, als der Höhepunkt erreicht war. So sind sie auch wieder leise, in ihrer bescheidenen, zurückhaltenden Art, von der Bühne abgerückt.

Total von der Band angetan haben sich die Betreuer dann noch im Glücksrausch T-Shirts mitgenommen. Somit war auch die Entscheidung gefällt, die oben gestellte Frage beantwortet. Musikalisch kann diese Band auf allen Ebenen überzeugen, übertrifft dabei alle Erwartungen, klingt besser, noch kraftvoller und viel melodischer als auf CD, und überdies scheinen zumindest uns persönlich die Band-Mitglieder auch noch überaus sympathisch zu sein. Von jetzt an wird man uns daher wohl öfter auf Blutharsch-Konzerten antreffen, wenn sie denn in erreichbarer Nähe stattfinden.
 
Live-Fotos: Klaus Reckert
 

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Druckluftkammer Koblenz

Die Druckluftkammer hat über 100 Sorten Absinth am Start

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Über den Autor

Deborah

1 Kommentar

  1. Klaus Reckert

    Für meinereinen klingt die Band live und in ihrer aktuellen Form wie eine Mischung aus Amon Düül II und mittelalten, guten Ulver (“The Marriage of Heaven & Hell”) – ein origineller und anziehender Bastard – mindestens so attraktiv wie Jon Snow (obwohl, der is’ ja gar keiner).
    Klare Empfehlung für Veranstalter von Metal-, Rock-, Kraut-, Psych- und Prog-Konzerte, -Touren und -Festivals. Wenn sie sich trauen, über die alten Geschichten hinwegzuhören.

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von Deborah Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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