Yes featuring Jon Anderson – Trevor Rabin – Rick Wakeman – Live At The Apollo

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(120:00, Blu-ray, Eagle Vision/Universal, 2018)
Vorweg einmal ausnahmsweise etwas weiter ausgeholt. Der Schreiberling ist in den 70ern mit den üblichen Verdächtigen wie Yes, Genesis, Gentle Giant, King Crimson etc. aufgewachsen und gerade Yes hatte den eigenen Musikgeschmack entscheidend geprägt und war viele Jahre lang die absolute Nummer 1 in der eigenen Top-Liste, nicht zuletzt bedingt durch das Mitwirken des Tastenmagiers Rick Wakeman. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert, aus Gründen.

Doch zurück zur aktuellen Veröffentlichung. Yes feiern 50-jähriges Jubiläum und das sollte entsprechend gewürdigt werden. Nun muss oder darf man in der Zwischenzeit ja nachfragen, welche Variante von Yes gemeint ist. Unter diesem Namen tritt seit vielen Jahren Steve Howe mit Downes und White an. Doch die hier vorliegende „Feier“ gilt den Herren, die dem Bandnamen noch das hochmoderne „featuring“ hinzugefügt haben, nämlich Jon Anderson, Trevor Rabin und Rick Wakeman. Nun lässt sich trefflich darüber streiten, wer hier die wahren Yes sind – der Schreiberling hat hier durchaus eine klare Präferenz.

Es gab bekanntlich sogar eine Zeit, als beide Lager mal zusammen agierten, auf einem furchtbaren Album, zu dem es aber eine großartige Union-Tour gab. Danach trennten sich die Wege wieder. Es ist bekannt, dass Wakeman und Rabin prima harmonierten, was zunächst bei den scheinbar gegensätzlichen Grundausrichtungen erstaunlich erscheint. Es gab Planungen für ein gemeinsames Album, doch dazu kam es dann leider doch nicht.

Umso überraschender dann die Ankündigung, dass die genannten drei Herren wieder zusammenarbeiten möchten. Vom ersten Gerücht bis zur tatsächlichen Umsetzung vergingen zwar Jahre, aber dann wurde es tatsächlich realisiert. Allerdings nicht resultierend in einem neuen Studioalbum, sondern in Form einer altersentsprechend wohldosierten Live-Tournee. Zunächst in den USA, später auch in Europa.

Und das ist wieder ganz in der Tradition von Yes, egal von welcher Version man spricht. Denn seit vielen Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, machen sie im Prinzip nur noch eines: Verwaltung der eigenen Vergangenheit. Die Fans wollen die alten Songs hören, und sie bekommen sie auch. So weit, so gut. Doch was sagt das über die späteren Studioalben aus?

Haben wir schon mal von einer „Heaven & Earth“-Tour gehört, auf der das komplette Album gespielt wurde? Oder, nun ja, vielleicht wenigstens zwei oder drei Lieder? Oder die „Fly From Here“-Tournee? Offensichtlich selbst nicht überzeugt vom eigenen Material, fällt man lieber wieder zurück auf die guten alten 70er Zeiten.

Eine in diesem Jahrtausend kaum noch erkennbare Kreativität der Band und die Tatsache, dass es unglaublich viele unglaublich tolle andere Bands gibt, hat den Status von Yes beim Autoren – und möglicherweise auch bei einigen anderen damaligen Yes-Fanatikern – deutlich verändert.

Von der ARW-Variante hat man gehört, dass durchaus über ein neues Studioalbum nachgedacht wird, der Optimismus diesbezüglich mag bei vielen zunächst eher gedämpft sein. Aber es wäre toll, von ihnen noch einmal überrascht zu werden. Aber auch sie starten erst einmal mit … Vergangenheitsverwaltung.

Auch auf dem hier vorliegenden Mitschnitt aus Manchester spielen natürlich 70er Klassiker eine Hauptrolle, als Kontrastprogramm gemischt mit den typischen Rabin-Klassikern. 2016 gestartet, waren sie in den nächsten beiden Jahren auch in Deutschland zu sehen, unter anderem auf dem Night of the Prog Festival 2017. Die Setlist ist sehr ähnlich zu dem, was sie kürzlich auch in Mannheim gespielt haben. Es geht mit ‚Cinema‘ los, das nahtlos in ‚Perpetual Change‘ übergeht. Und so geht es im steten Wechsel zwischen 70er Klassiker und Rabin-Hit weiter. ‚Lift Me Up‘, ‚Changes‘, ‘Rhythm Of The Heart’, ‚Hold On‘ auf der einen Seite, ‚I’ve Seen All Good People’, ‘And You And I’, ‘Heart Of The Sunrise’ und ‘Long Distance Runaround/Fish’ andererseits als die erwartbaren Oldies. Als Longtrack hat man sich für das majuestätische ‘Awaken’ entschieden, auf dem Wakeman wieder alle Register seines Könnens ziehen kann. Auch die Zugaben bieten keinerlei Überraschungen und bleiben beim alten Schema: auf den Top-Hit ‚Owner Of A Lonely Heart’ folgt der übliche Rausschmeißer ‚Roundabout‘.

Das Ganze wird – bei eher unauffälligen Showelementen – gewohnt souverän präsentiert. Jon Anderson ist wieder gut bei Stimme, Rabin locker wie eh und je, und der „Grumpy Old Man“ tritt wieder wie gehabt auffällig mit Cape gewandet auf – er darf das, das gehört einfach dazu. Am Schlagzeug macht Lou Molino III einen exzellenten Job, ebenso glänzt Lee Pomeroy am Bass (bei ‚Fish‘ allerdings nicht so ausgiebig solistisch unterwegs wie auf der Loreley).

Im Gegensatz zu allen Konzerten im letzten Jahrhundert fehlt auf der AWR-Tour allerdings etwas, was damals immer bei Yes dazu gehört hat, nämlich ein Solo-Spot der einzelnen Musiker. Natürlich brauchen sie sich nicht mehr zu beweisen, schön wäre es trotzdem gewesen, schade!

Bei derartigen Hochkarätern verbietet sich angesichts der präsentierten Klassiker eine einstellige Benotung von selbst, aber deutliche Kritik ist bei dieser Veröffentlichung sicherlich angebracht. Die Aufmachung ist eher lieblos, was aber das Thema 50-Jähriges wahrlich nicht treffend widerspiegelt, ist der weitere Inhalt der Blu-ray. Da ist nämlich … nichts. Gar nichts. Nullkommanull. Keinerlei Extras, was in diesem Falle natürlich fahrlässig ist. Da wäre sicherlich stundenlanges Material verfügbar, das den Fan interessiert hätte. Allein Wakeman hätte man Dönekes erzählen lassen können, er könnte jederzeit den Unterhaltungswert eines solchen Produkts locker vervielfachen. Aber nein – nichts. Die trauen sich was! Angesichts dessen, was es hier zu feiern gilt, ist dies schon eine deutliche Enttäuschung!
Grandiose Musiker, grandiose Musik, lieblose Umsetzung. Dieses Jubiläum hätte viel mehr verdient.
Bewertung: 11/15 Punkten (WE 11, JM 11, KR 11)

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von Juergen Meurer Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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