Chris Trautenbach, Mother Engine, zu „Hangar“

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The Genesis Of A Spacecraft

Chris Trautenbach, Mother Engine (Foto: Susann Gomez)
Die Odyssee nahm einst mit „Mutter Maschine“ ihren Anfang. Nach dem „Absturz“, der diese hätte eigentlich beenden sollen, ja, müssen, kommt nun der ‚Neuanfang‘. Via „Hangar“, ihrem dritten Longplayer, katapultieren sich Mother Engine in eine neue Dimension psychoaktiven Storytellings. Vier Tracks ist das Album schwer beziehungsweise lang und erzählt ohne herkömmliche Erzählstrukturen. „Hangar“ basiert vollkommen auf instrumentaler Psychdelik mit Einsprengseln aus Stoner- und Space-Rock, die Geschichte einer Wiedergeburt auf dem Planeten X-Alpha Wolf, wohin es die Crew nach ihrem „Absturz“ unfreiwillig verschlagen hat. Wie war das gleich nochmal? Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2017. Dies sind die Abenteuer der Mother Engine, das mit seiner drei Mann starken Besatzung fünf Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Mother Engine in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“ Hierzu ein Interview mit Chefingenieur und Gitarrist Chris Trautenbach. Na denn, beam me up Scotty!

Eure Songs bzw. Tracks besitzen teilweise reichlich Jam-Charakter, wobei ich euch aber auch kompositorische Fähigkeiten nicht absprechen möchte. Wie genau läuft es bei euch mit dem Songwriting und nehmt ihr euch unter Livebedingungen auch schon einmal die Freiheit, von den Originalversionen abzuweichen?

Das ist etwas kompliziert zu beantworten, da es kein einheitliches Rezept dafür gibt. Unser erstes Album ist damals durch sehr verschiedene Momente entstanden. Jam-Abende mit Freunden, freie Tage, an denen ganze Songs nur mit Drums und Gitarre entstanden sind oder auch einfach gezieltes Bearbeiten von Riffideen. Wir können auch nicht abstreiten, in dieser Zeit mit leichten bis schwachen Sedativa experimentiert zu haben um unseren „Horizont zu erweitern“ und die „Türen der Wahrnehmung zu öffnen“. Sicherlich ist das auch nichts Neues, wenn wir uns die Vorbilder aus der Musikgeschichte anschauen, aber wir haben recht schnell erkannt, wenn wir unser spielerisches Können und unsere Verbindung wirklich verbessern wollen, klappt das nur nüchtern. Das Album „Hangar“ ist deshalb vollkommen anders entstanden. Der Prozess hat wirklich sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Einige Songs haben fast die kompletten zwei Jahre gebraucht und wurden über diese Zeit komplett verändert. Wir haben uns vor etwa drei Jahren ein Aufnahmegerät für den Proberaum zugelegt. Damit können wir die Parts, die wir am Wochenende bearbeitet haben, bis zum nächsten sichten und überarbeiten. Auf unserem dritten Album haben wir sehr viel mehr Skript verfasst als zuvor. Es gab für jeden Song eine Art Motiv, auf das hingearbeitet wurde, bis wir möglichst nahe an dem waren, was wir wollten. Sei es Effekt, Groove oder Verbindung zwischen den Teilen.
Live jammen wir weniger. Aber je öfter wir die Songs live spielen, desto mehr verändern sie sich. Natürlich gibt es immer freie Momente, aber durch die festen Skripts und mitunter komplizierten Strukturen müssen wir uns wirklich aufeinander verlassen können, um aus den bestehenden Strukturen auszubrechen. Das zweite Album „Absturz“ haben wir sehr häufig live gespielt. Nach nicht einmal einem halben Jahr hatten wir fast alle Songs in Liveversionen verwandelt, die gute fünf Minuten länger gehen. Das Meiste davon ist auf Tour oder tatsächlich während der Konzerte entstanden. Mal schauen, was mit den neuen Songs so passiert.

Wie entwickelte sich eure interessante Story und wo wird es die Mother Engine noch hin verschlagen?

Diese konkrete Reise ist mit „Hangar“ jetzt erstmal abgeschlossen. Es ist so, dass die Alben eins bis drei eine kurze Episode darstellen – Schöpfung, Untergang, Wiedergeburt – die klassische Heldensaga quasi. Unser Thema wird aber höchstwahrscheinlich der Weltraum bleiben. Doch ich glaube, einfach eine weitere Episode zu erzählen reicht meiner Meinung nach gerade mal für eine B- Seite oder ein Live Album. Es gibt also noch kein Konzept für das nächste Werk. Zunächst konzentrieren wir uns auf „Hangar“ bzw. auf den Abschluss der Trilogie und das, was wir damit erreichen können.

Ihr habt ja eine erstklassige SciFi-Story ausgearbeitet. Auch wenn sich diese bei dem Hörer schon als Kopfkino abspielt. Seid ihr selbst SciFi-Fans und wenn ja, was bevorzugt ihr hier: Star Wars oder Star Trek oder die Alien-Saga? Anders gefragt: Steht ihr mehr auf Stanislaw Lem, Isac Asimov, Ray Bradbury, Philip K. Dick oder Perry Rhodan?

Zunächst mal danke fürs Verfolgen und Verstehen. Das machen ja nun weiß Gott nicht alle Hörer. Also ich persönlich bin großer Star Wars-Fan. Ich glaube Christian (Dressel, Bass, d. Red.) ist als einziger zusätzlich noch Trekkie. Und zur zweiten Frage: Kubrick, Spielberg und Scott. Ich hab mich bislang noch nicht mit Isaac Asimov auseinander setzen können und Perry Rhodan ist nicht unbedingt meins, aber natürlich sehr gut. Stanislaw Lem musste ich erst mal googlen, aber klingt wirklich super, schau ich mir mal an! Viel der Inspiration kommt von alten trashigen SciFi Filmen oder Klassikern des Genres: Dark Star, Krull, Flash Gordon, 2001- Odyssee im Weltraum, Blade Runner, Mad Max, Tron und Per Anhalter durch die Galaxis – Filme wie diese haben einen sehr großen Anteil an dem Design von Flyern, Postern, Artworks, etc.
Der Hauptgrund dafür war allerdings unser guter Freund Georg Jenisch, welcher uns damals aufgeklärt hat, wir würden Quatsch erzählen, wenn wir ständig von Motoren und Hotrods und heißen Muscle Cars reden würden, denn die Musik sei purer Weltraum. Das war noch vor dem ersten Album.

Was genau geht ab auf „Hangar“? The story behind?

Dazu zitieren ich mal aus dem Info: „Nachdem die Mother Engine auf dem letzten Album „Absturz“ auf dem menschenfeindlichen, aber sehr naturbelassenen und organischen Planeten X-Alpha Wolf abgestürzt ist, wurde das Schiff umgebaut und überholt – so dass es nun moderner und weniger DIY-like wirkt, ohne jedoch dabei seinen ursprünglichen Charme zu verloren zu haben. Natürlich ist dieser Prozess nicht einfach, sondern klar aufgeteilt: „Prototyp“ ist der Entwurf und der Herstellungsprozess dieses neuen Schiffes. Hier werden die ersten Teile sowie verschiedene, neue Techniken getestet sowie ausprobiert, was von diesen mit dem neuen Schiff kombiniert werden könnte. ‚Biosprit‘ ist die Antwort auf die Frage, welcher Kraftstoff verwendet werden soll. Natürlich bedeutet ein neues Schiff auch eine Menge Verantwortung für die Besitzer, bezogen auf die Planeten, die du besuchen wirst. Seit wir neue Ressourcen auf dem Planeten, auf dem wir abgestürzt sind, fanden, haben wir es geschafft, einen sehr energiereichen und kraftvollen Brennstoff zu bekommen, der eine Menge verschiedene Vorteilen besitzt: Kraft / Stärke, perfektes Handling in Asteroidenfeldern und hohe Beschleunigung. ‚Tokamak‘ ist dann der neue Reaktor für die Stromversorgung des Schiffs. Es ist ein Plasma-Fusionsreaktor, der für die neuen und unkonventionellen Energien steht, die das Durchfliegen neuer Sternensysteme ermöglicht, welche die Mother Engine erforschen will. Es beginnt damit, die Wirkungsweise des Torus zu verstehen, einem runden, reifenförmigen Kreis, in dem die Kernfusion durch konstante Magnetfelder stattfindet. Bis der Kompressionspunkt erreicht ist und sich die Plasmainfusion in eine Hochenergierückgewinnung erstreckt. Im Falle eines statischen Magnetfeldes sorgt das Lawson-Kriterium dann für eine stabile Energieproduktion. Schließlich, als eine alte Tradition, die in jedem Handwerksbetrieb anzutreffen ist, wird der Stapellauf des Schiffs gefeiert. So ist die ‚Weihe‘ die Party auf die Umstände, die es uns ermöglichten, ein Schiff wie dieses zu bauen. Und was das für eine Party war! Sie dauerte mehr als fünf magrathische Jahre und kostete doppelt so viel, wie das gesamte Schiff selbst. Slartibartfass ist dabei fast gestorben und hat mit Watto getrunken. Was für eine Party! Natürlich starteten wir auf dem Gipfel dieser Party den Motor und der erste Testlauf, ‚Leerlauf‘, ist zu vernehmen. Es wurde sehr laut und dröhnend – ein neues Schiff ist geboren!“

Mother Engine - Hangar (2017) - Heavy Psych SoundsMother Engine – Hangar
(77:21, Heavy Psych Sounds/Cargo 2017)
Bewertung: 12/15 (CA 12 , KR 12)

C2H6O/104 ROZ/HVO… = ‚Biosprit‘. Funktioniert die Mother Engine etwa mit einem ‚normalen‘ Verbrennungsmotor? Schade um den Alkohol oder?

Hahaha, sehr witzig. Hm, ich denke einem Maschinenbauer (oder war es Ingenieur!?) zu erklären, mit welchem Gehirngespinst sich die neue Mother Engine bewegt, wäre vielleicht etwas gewagt. Aber ich denke, im Prinzip gibt es eine Art Dual-Energiequelle. Biokerosin ist der klassische Antrieb für den ersten Impuls, den Notantrieb, der aber im Fall eines Stromausfalles immer verlässlich ist. ‚Tokamak‚ ist ja die eigentliche Energiequelle. Der Plasmafusionsreaktor bedarf natürlich großer Energien, um das Magnetfeld konstant und das Lawson- Kriterium aufrecht zu erhalten. Aber Biosp(i)rit ist einfach die moderne Variante der jetzigen Antriebsformen. Es steht für Umweltbewusstsein und Aufmerksamkeit gegenüber unserem Umfeld. Zudem hat der Begriff auch einfach Witz und Doppelbedeutung. Natürlich wäre ein Magnet- oder Gravitationsmotor besser gewesen, aber wir wollten ja mit dem Album nicht auf dem Index landen.

Eure Heimatstadt Plauen ist ja nicht unbedingt als Psych’n Stoner Town bekannt. Oder gibt es hier doch eine (Art) Szene?

Nein. Das kann man wirklich nicht sagen. Die heimatliche Kulturlandschaft hat aktuell wirklich schwer zu kämpfen, um nicht im Rentenalter, Mainstreamtrott und/oder Bürokratiegeschwätz unterzugehen. Es gibt tatsächlich sehr viele verschiedene Szenen in der Heimat. Wenn man mal die niedrigen Einwohnerzahlen sieht, ist das schon etwas Besonderes. Skater, Radfahrer, Hippies, Alternative, Designer, Künstler, Musiker – alles da! Ich glaube, in der Heimat ist die „Genrebefängnis“ auch nicht so wichtig. Es gibt viele begabte Musiker und tolle Kreise, in denen man sich hervorragend austauschen kann. Wir selbst sind in der Heimat aber keine große Nummer. Die, die es interessiert, wissen und respektieren, dass wir uns den Arsch wund spielen und einfach 24/7 an Mother Engine arbeiten. Den anderen drängen wir das nicht auf, warum auch. Die Heimat bietet viel Ruhe, gutes Essen, tolle Menschen, gute Freunde, billige Mieten und eine wirklich schöne Landschaft. Die perfekte Bodenstation.

Da gibt es aber eine bestimmte Kneipe, den Lochbauer, der irgendwie intensiv Werbung für eine bestimmte Partei gemacht hat, was euch sauer aufgestoßen ist. War das etwa eure Stammwirtschaft?

Nein. War es nie. Viel zu weit weg für ein gemütliches Bierchen. Aber derzeit ist es einfach traurig, was in der Heimat los ist. Über 1.000 Besucher in der Festhalle bei der Petry. Und Kneipen oder Restaurants, die sich in den politischen Diskurs einmischen, machen für mich überhaupt keinen Sinn. Schließlich sollten das doch neutrale Orte sein, in denen man gewaltfrei darüber diskutieren kann. Das ist leider selten der Fall. In einer Welt, in der es wirklich viel größere Probleme gibt, sollten wir uns wirklich nicht auch noch mit Faschisten beschäftigen müssen!

Wie bekommt man als kleine große beziehungsweise große kleine Band so eine umfangreiche Tour hin, wir ihr sie gerade absolviert? Eigenregie oder Agentur?

Christian, unser Bassist, hat dieses Mal den Großteil gemacht, aber ich glaube schon, dass das Meiste in Eigenregie und über Kontakte passiert. Die Menschen der Szene oder eher des allgemeinen Untergrounds sind prinzipiell alle Enthusiasten und unglaublich sympathische Menschen. Es gibt natürlich immer mehr Arschlöcher, Schwätzer und Geldhaie in der Szene, aber ich glaube, in dem Status, in dem wir uns befinden, ist das gerade noch ein sehr netter Umgang. Die Leute kennen uns, wissen aber nicht, ob der Klub voll wird. Gerade weit weg von Zuhause wird es dann eben auf einen klassischen Door Deal hinaus laufen. Damit ist meistens beiden Parteien geholfen.

Und Eure musikalischen Einflüsse?

Die sind breit gefächert mittlerweile. Von Yes über Can bis hin zu Pontiak ist wirklich alles dabei. Ich selbst höre sehr viel 60s/70s Funk, Soul und World Music. Aber ich denke, die größten Einflüsse für Hangar sind tatsächlich alte Prog-, Art- und Krautrockbands der 70er.

Mit was für Bands würdet ihr gern einmal touren?

Puh, schwer zu sagen. Es gibt sehr viele Bands, zu denen wir einen guten Draht haben. Die Frage ist, um was es dabei geht. Ob Publikum oder sympathische Bandmitglieder. Ich denke, wenn man den Spagat dazwischen findet, wäre das der Optimalzustand. Mit unseren Freunden von Samavayo zu touren war bislang eine der schönsten längerfristigen Tourerfahrungen. Aber wir könnten uns das auch mit vielen anderen Freunden vorstellen. Ich glaube, es würde mir viel Spaß machen, mit My Sleeping Karma, Colour Haze, King Gizzard and the Lizard Wizard oder Motorpsycho zu touren. Dazu müssen wir uns aber noch weiter verbessern, denke ich.

„Music, when combined with a pleasurable idea, is poetry. Music without the idea is simply music“ (Alan Parsons). Danach würdet ihr Poesie machen?

„Muttermaschine“? Nein. „Absturz“? Puh, ich weiß es nicht. „Hangar“? Ja! Laut dieser Definition und wenn wir die Interpretation nicht zu weit treiben, dann würde ich sagen, erfüllt dieses Konzeptalbum die Kriterien. Die Frage ist, ob man das Innere eines Weltraumhangars und der Neuschöpfung eines Raumschiffs als Poesie betrachten würde.

Danke für das Interview!

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Hangar, Progressive Psych aus Plauen

Fotos: Band, Gordeon Music, Porträt Christian: Susann Gomez

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Über den Autor

Carsten Agthe

-Vermessungsingenieur -Weltenbummler -involviert in: Ornah-Mental, Nostalgia, Vanille & The Woodpeckers, Palin-Drone, Stella Maris, Das Zeichen (RIP), Schl@g, Karmacosmic...

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Chris Trautenbach, Mother Engine, zu „Hangar“

von Carsten Agthe Artikel-Lesezeit: ca. 9 min
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