Arjen A. Lucassen zu Ayreon „The Source“

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Von Star Trek vs. Star Wars, künstlicher Intelligenz und grausamen Luxusproblemen


Es geht weiterhin abwechslungsreich im Electric Castle zu: Der Großmeister der (SciFi-)ProgRock-Oper, Arjen Anthony Lucassen – übrigens selbst bereits als Zehnjähriger von „Jesus Christ Superstar“ zu dieser Karriere inspiriert -, verblüfft und begeistert seine Fans mit einem unverhofften Prequel zur „Forever/Planet Y“-Saga auf neuem Label, aber mit Kontinuität bei der Güte der Gaststars wie Russell Allen (Symphony X), Tommy Giles Rogers (Between the Buried and Me), Mike Mills (Toehider), James LaBrie (Dream Theater), Michael Eriksen (Circus Maximus), Simone Simons (Epica), Floor Jansen (Nightwish), Nils K. Rue (Pagan’s Mind), Zaher Zorgati (Myrath), Tommy Karevik (Kamelot) Hansi Kürsch (Blind Guardian) oder Tobias Sammet (Edguy, Avantasia), sowie der Melodie-tosenden, dramatischen Musik und der bestechenden Produktion. Grund genug für ein Gespräch mit dem hünenhaften Opernkulissen-Drahtzieher.

Hattest Du nicht Fans und Journalisten gegenüber offiziell erklärt, dass die zugrundeliegende Ayreon-Saga, die Du immerhin bereits 1995 mit „The Final Experiment“ aufgenommen hattest, mit dem „Y“-Album „01011001“ endgültig abgeschlossen sei?

Ja, und das war eine Lüge. (lacht) Nein, das war ursprünglich wirklich der Plan gewesen. Tatsächlich lag mein Zurückrudern diesmal am Artwork! Normalerweise sieht die Abfolge meiner Arbeitsweise so aus: 1. Musik, 2. Story, 3. Casting (von der hundert Köpfe starken Wunschliste bis hin zu denen, die für mich wirklich erreichbar sind und Zeit und Lust haben), 4. Aufteilung der Gastmusiker und -Sänger auf das Album, 5. Texte ausformulieren (geht erst, wenn der Cast steht) und 6. Artwork.

Doch diesmal wollte ich es mal anders herum probieren. Ich suchte also mit der Google-Bildersuche nach „Sci Fi Art“ und tat dann drei Wochen kaum etwas anderes, als mir die Ergebnisse anzuschauen! Ich fand Vieles gut, aber meist gab es nur ein Motiv pro Künstler, das mich wirklich ansprach. Irgendwann stieß ich dabei auch auf Arbeiten von Yann Souetre und war besonders beeindruckt – gleich von zwanzig bis dreißig seiner Bilder! Sein Stil schien sich irgendwie sofort mit meiner Musik zusammen zu fügen – ungemein detailliert und teils sehr düster, manchmal jedoch auch positiv. Irgendwann stieß ich auf eine weibliche Gestalt, die offensichtlich dazu gezwungen wurde, im Wasser zu leben. Und das brachte mich schlagartig auf die Frage: Was, wenn dies die Forever auf Planet Y zeigen würde? Was, wenn die Rasse der Forever einstmals menschlich gewesen wäre? Ich fand, dass dies der Geschichte einen spannenden Dreh verleiht: Könnte die Menschheit nicht von außerirdischer DNA abstammen, die beispielsweise von einem der zahllosen Meteoriten stammt, welche die Erde immer wieder treffen und getroffen haben?

Also geht es bei „The Source“ auch um den Ursprung der Menschheit?

Genau das. Und die Geschichte spielt sechs Milliarden Jahre vor unserer Zeit.

Die Risiken von autonomen Systemen und Artificial Intelligence

Und es ist doch eine recht dystopische Sicht auf die Geschichte?

Es ist jedenfalls keine „Happy story“! (lacht fröhlich). Allerdings ohne allzu klare Zuweisung von Gut und Böse – die gibt es so eigentlich nie in meinen Fabeln. Da bin ich vermutlich mehr ein Kind von Star Trek als von Star Wars – ich habe mich immer mehr auf menschliche Gefühle als auf Laserschwerter und die Faszination der dunklen Seite konzentrieren wollen. Die Bevölkerung von Planet Alpha steht jedenfalls ähnlichen ökologischen und politischen Problemen gegenüber, wie wir heute – beispielsweise der globalen Erwärmung. Sie entwickelt einen Supercomputer bzw. Mainframe – „The Frame“ – und beauftragt ihn mit der Bewältigung dieser Schwierigkeiten. Natürlich ermittelt der die Alphans selbst als virale Problemursache und beginnt mit dem Abschalten aller ihrer lebenserhaltenden Systeme. Die einzige Rettung für die Alphans ist es, Zuflucht auf einem anderen Planeten zu suchen. Das sind die wesentlichen Züge der Handlung.

Glückwunsch zur insgesamt bestechenden Produktion, ganz besonders aber wieder einmal zum umwerfenden Orgelsound, wenn man das einem ja nicht nur Komponisten, sondern auch Gitarristen einmal so sagen darf.

Das darf man, und ich freue mich über das Kompliment, weil ich daran hart gearbeitet habe. Es geht immer noch nichts über echte Hammonds im Kombination mit einem Original-Leslie-Kabinett. Kein noch so gutes Sample – ich verwende manchmal B4 von Native Instruments – kann emulieren, wie das echte Setting bei jedem Akkord anders reagiert und verzerrt. Wir haben den Sound diesmal mit vier statt wie bislang mit drei Mikrofonen abgenommen. Und für den richtigen Uriah Heep- bzw. Deep Purple-Kick braucht es noch brutale Lautstärke beim Input für den Leslie-Rotationslautsprecher.

Doch es gibt natürlich auch wieder fantastische Stimmen zuhauf und auch sehr wohl umwerfende Gitarrenarbeit auf „The Source“. Wie kam die Zusammenarbeit mit beispielsweise Paul Gilbert (u.a. Racer X, Mr. Big) zustande?

Paul hat einen wirklich komplizierten Part in ‚Star Of Sirrah‘, dessen verrückte Akkorde ihn gezwungen haben, sein Solo durchzukomponieren. Darauf ließ sich nicht mal eben so improvisieren (schaut schuldbewusst). Was er uns geschickt hat, könnte ich nicht in einer Million Jahren spielen!

Auf meinem letzten, besonders proggigen Album hatte ich die besten Keyboarder der Welt – Keith Emerson (R.I.P.), Rick Wakeman, Jordan Rudess. Das nächste sollte besonders rockig werden. Also wollte ich dafür die besten Gitarristen haben. Außer dem Über-Shredder Paul haben ja auch Guthrie Govan (u.a. Steven Wilson, Hans Zimmer, The Aristocrats, Asia, GPS) und Marcel Coenen (Sun Caged, Lemur Voice, Ayreon Universe) mitgemacht. (Mit Mark Kellys Solo auf ‚The Dream Dissolves‘ gibt es aber auch auf dem 2017er-Album einen prominenten Gast-Keyboarder, d. Red.).

Ganz am Anfang dachte ich wegen der vielen Gitarrenparts sogar daran, dass „The Source“ ein Star One-Album werden würde. Aber dann schoben sich die ersten Flöten und Streicher ins Bild und die Bühne für ein weiteres Ayreon-Kapitel war bereitet.

Wie kamst Du auf Guthrie?

Als ich sein Solo auf Steven Wilsons ‚Drive Home‘ zum ersten Mal hörte, sagte ich „Wer ist dieser Typ?!?“ Ich nahm über das USA-Büro meines neuen Labels Mascot Kontakt mit ihm auf. Guthrie war höflich interessiert, aber zunächst auch sehr vorsichtig. Er wollte wirklich viel wissen: Was hast Du mit diesem Akkord im Sinn, fügst Du dem Part noch weitere Instrumente hinzu? Schließlich schickte er mir zwei Optionen zur Auswahl!

Ein leicht grausames Luxusproblem?

Genau, denn sie waren natürlich beide großartig! Ich habe versucht, für ‚Planet Y Is Alive‘ einen Mix daraus zu machen, aber das zerstörte das Feeling. Also musste ich mich schweren Herzens für eine Fassung entscheiden. Es ist eines der schönsten Gitarrensolos, die ich kenne. Einerseits natürlich sehr virtuos und andererseits mit dem Feeling eines David Gilmour gespielt, der übrigens mein Lieblingsgitarrist ist.

Also das, was Guthrie und Steven über Andy Latimer sprechend den „Lonely Swede in the woods“-Sound nennen.

Wo Du das sagst – ich hatte Andy bei den Prog Awards getroffen (wo er genau wie ich unter dem ganzen Aufsehen litt) und ich war so nah dran, ihn auf diesem Album dabei zu haben! Es ist letztlich daran gescheitert, dass ihm der vorgeschlagene Song zu heavy für sein Spiel war – was ich natürlich akzeptieren musste. Aber wie schade – Andy ist auch in meinen Top Five!

Wer ist da noch, mit dem bislang keine Zusammenarbeit zustande kam?

Brian May. Richie Blackmore

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit schloss sich ein kleiner Exkurs zu weltbesten Lieblingsgitarristen und -keyboardern an. Und zu den Schwierigkeiten, zu diesen durchzudringen und sie dann noch für eine Kooperation zu begeistern. Falls es uns gelingt, Arjen hier ein wenig weiterzuhelfen, dann gibt es irgendwann in diesem Kino noch einmal eine Fortsetzung zu genau diesem Thema.

In jedem Falle aber – danke für das Gespräch!

Teapot of the Week

„Teapot of the Week“ auf Betreutes Proggen in der KW18/2017


Ayreon – The Source
(44:11, 44:30, 2 CD, Music Theories Recordings/Provogue/Mascot Label Group/Rough Trade, 2017)
Bewertung: 13/15, mit einem Bonuspunkt für die internen musikalischen und textlichen Anspielungen auf den gesamten Ayreon-Kosmos und für die Ausgewogenheit des Doppelalbums.

Surftipps zu Ayreon und A.A. Lucassen:
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Wikipedia (Arjen
Wikipedia („The Source“)
Wikipedia (Ayreon)
Rezension „01011001“ (2008)
Konzertbericht Star One, 2002, Bochum, deutsch
Live review Star One, 2002, Bochum, english


Across the Ayreon Universe
Der September 2017 wird für die was Liveauftritte angeht nicht eben verwöhnten Ayreonauten angeht vermutlich ewig unvergesslich. Denn am 15., 16. und 17.09.17 wird in drei Shows, die binnen Stunden ausverkauft waren, The Best of Ayreon auf die Bühne des 013 in Tilburg gebracht. Und das von einem fantastischen Ensemble, neben Arjan selbst bestehend aus u.a. Anneke van Giersbergen, Floor Jansen, Sir Russell Allen, Damian Wilson (Ex-Threshold), Hansi Kürsch, Tommy Karevik.
Ayreon Universe

Fotos: Mascot, Lori Linstruth

 

 

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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Arjen A. Lucassen zu Ayreon „The Source“

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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