Joe und Rainer von Huxley Would Approve zu Grave New World Part Two

0

»Wir alle müssen unsere dunkle Seite akzeptieren und versuchen, in unserer „Grave New World“ ein Ganzes zu werden, und beginnen, andere zu akzeptieren.«

Letztes Jahr brachte das Bandprojekt Huxley Would Approve sein erstes Album „Grave New World – Part One“ heraus und landete damit bei manchem Progfreund in den Jahrescharts. Das deutsch-kanadische Projekt besteht aus Multiinstrumentalist Rainer Schneider und Joe Bolierio, der für Texte, Konzept und Artwork zuständig ist. Zusammen mit Rainers Frau Judith Mattes-Schneider, die zu dem Album einen bemerkenswerten Beitrag als Sängerin beisteuerte, haben sie in einem netten E-Mail-Austausch einige Fragen zur Band, zum Konzept dahinter und dem sehnsüchtig erwarteten zweiten Teil des Konzeptalbums beantwortet. Lest selbst, was Roger Waters und Carl Jung damit zu tun haben!

Wie kam es zu dem Projekt, wie zu eurer Zusammenarbeit?
Rainer Schneider: Ich hatte irgendwann Lust, wieder eigenes Material zu produzieren, nachdem ich jahrelang tribute-mäßig unterwegs war. Ich wollte unbedingt hierzu einen englischsprachigen Texter mit ins Boot nehmen und hatte diesbezüglich in einem Roger-Waters-Forum eine Anfrage gestellt. Es haben sich einige Leute mit guten Ideen gemeldet und Joes Konzeptidee schien mir das beste Potenzial zu haben. Der Rest ist Geschichte. Dass Joe in Kanada lebt und ich in Deutschland, ist wegen der heutigen technischen Möglichkeiten überhaupt kein Problem. Von Zeit zu Zeit treffen wir uns aber dann auch mal ‚in echt‘.
Joe Bolieiro: Das Konzept zu „Grave New World“ war relativ schnell klar. Es sollte um einen Mann mittleren Alters gehen, der am Anfang der Geschichte an einem dunklen Ort ist und am Ende seiner Reise Licht findet. Damit war der Anfang und das Ende klar und die eigentliche Arbeit konnte beginnen, den Mittelteil mit Inhalt zu füllen.

Könnt Ihr ein paar Infos zu euren Werdegängen geben?
Rainer: Ich mache seit vielen Jahren Musik. Das begann in meiner Kindheit mit Klavier und klassischer Gitarre, bis mich dann als Teenager elektrische Gitarren, Bass und Schlagzeug mehr begeisterten. Schlagzeug ist eigentlich noch immer mein Lieblingsinstrument, obwohl ich schon seit Längerem nicht mehr als Schlagzeuger in einer Band aktiv bin. Aktiv bin ich derzeit – und nun schon seit über 20 Jahren – als Bassist und Sänger in einer Pink-Floyd-Tributeband. Bei den Aufnahmen und Arrangements für HWA ist es natürlich sehr hilfreich, zu verstehen, wie man die einzelnen Instrumente möglichst effektiv kombinieren kann.
Joe: Ich besitze leider überhaupt keine musikalische Fähigkeiten. Mir würde es wahrscheinlich schon schwer fallen, eine Luftgitarre richtig zu halten. Musiker beeindrucken mich.

Erzählt ein wenig zu euren beiden Konzeptalben. Was war z.B. zuerst da, die Geschichte oder die Musik?
Joe: Zuerst war das Konzept da, dann kamen die Texte, dann die Musik. Die fantastischen Kompositionen von Rainer haben das Konzept auf eine andere Ebene gebracht. Das hat mich wiederum inspiriert, mich ans Artwork zu wagen. Das war anfangs nicht leicht für mich – also lernte ich ein paar Software-Pakete und Presto!
Rainer: Joes Konzept war von Anfang an so schlüssig, dass es relativ schnell klar wurde, wie sich die Emotionen in den Kompositionen wiederfinden werden. Die Zusammenarbeit mit Joe ist grandios. Joe und ich waren bereits bei „Part One“ ständig in Kontakt und glichen Story und Musik ständig gegenseitig ab, sodass ein schlüssiges Ganzes daraus werden konnte. Bei „Part Two“ wird dies für mich umso interessanter, da die Stimmungen unseres Protagonisten wesentlich vielschichtiger sein werden.

Wie kamt ihr auf die Thematik? Sowohl Band- als auch Albumnamen sind ja sehr deutlich von Aldous Huxley inspiriert.
Joe: Das Album-Konzept wurde von drei Personen inspiriert: Roger Waters, Aldous Huxley und Carl Jung. Die Geschichte begann irgendwie über die Person Roger Waters. Na ja, dieser narzisstische Alpha-Mann, der endlich anfängt, seine eigene dunkle Seite zu akzeptieren und Brücken zu wichtigen Leuten in seinem Leben zu bauen. Aber dann sagte ich mir, die Story sollte doch ein bisschen allgemeiner werden. Ich mochte den narzisstischen Gesichtspunkt und begann darüber nachzudenken, wie die Gesellschaft eine Armee von Narzissten in ihrer „technologischen iChurch“ produziert hat. Nun, die Geschichte ist eigentlich über die meisten von uns. Wir alle müssen unsere dunkle Seite akzeptieren und versuchen, „ein Ganzes“ zu werden in unserer „Grave New World“, und beginnen andere zu akzeptieren.

Wie lange haben die Aufnahmen für Part One gedauert? Rainer, du hast ja das meiste im Alleingang eingespielt?
Rainer: Zeit spielte bei der Realisierung des ersten Teils von „Grave New World“ zunächst überhaupt keine Rolle. Wir haben uns anfangs sehr viel Zeit gelassen, bis wir uns über das Endprodukt einig waren und ich dann mit der Produktion begonnen hatte. Gegen Ende ging das allerdings sehr schnell, sodass ich innerhalb von wenigen Monaten die Aufnahmen und die Produktion abschließen konnte. Ja, ich habe die Instrumente fast ausschließlich alleine eingespielt und den Gesang mit meiner Frau Judith geteilt. Meine Freunde Olaf Arweiler und Werner Melchior von The Final Cut haben bei den Aufnahmen einige Solo-Passagen beigesteuert. Das wird beim „Part Two“ wieder so sein.

Der Pink Floyd-Einfluss auf Part One ist offensichtlich (auch durch die Tributeband The Final Cut). Inwiefern war es euch wichtig, den Einfluss von Waters/Pink Floyd hervorzuheben? Oder ist das automatisch passiert?
Joe: Die Geschichte ist allein schon daher von Roger Waters beeinflusst, dass sie zu einem gewissen Grad von ihm handelt. Er war sicherlich der Samen der Konzept-Story.
Rainer: Der Einfluss von Pink Floyd und Roger Waters ist ganz sicher vorhanden. Allein schon durch die Tatsache, dass ich seit Jahrzehnten deren Musik live interpretiere, geschieht das irgendwie automatisch. Wer sich die Mühe macht, tiefer in das „Part One“-Album einzudringen wird aber, denke ich, bereits viele weitere Stile und Inspirationen finden.

Ein paar generelle Statements zu Pink Floyd? Lieblingsalben, -phasen, oder gar das Gegenteil?
Joe: Für mich ist die Musik von Pink Floyd sehr wichtig. Lyrisch konnte Waters über soziale Themen schreiben, die auch künftige Generationen berühren werden. In einer Welt von Popstars, die namenlos bleiben werden, ist es wichtig, Pink Floyd zu haben. Insbesondere bei einer Zukunftsvision wo die Leute nur noch Musik hören, bei der sie mit ihren Hintern wackeln können – was ja mal ganz schön ist, sich aber hoffentlich nicht generell so entwickeln wird.
Rainer: Klar sind die Musik und die Konzepte von Floyd und Waters nach wie vor wichtig. Es ist aber nun schon eine ganze Weile her, seit die Meisterwerke entstanden sind. Seitdem und auch parallel dazu gab und gibt es die unterschiedlichsten Musikrichtungen und Interpreten, die mir mindestens genau so wichtig sind. Meine Wurzeln liegen beim klassischen Prog. Mit Prog- und Artrock-Bands wie Genesis, Steve Hackett, King Crimson, Yes und eben auch Floyd bin ich aufgewachsen. Mein Musikgeschmack ist allerdings generell sehr vielseitig. Das reicht vom Prog über Jazzrock, Punk, Hardrock bis zu Progmetal. Deep Purple z. B. ist so eine Band, die mich schon mein ganzes Leben begleitet. Aber natürlich gibt es auch heutzutage viele Künstler, die mich sehr beeindruchen. Bands wie Porcupine Tree, Opeth, Crippled Black Phoenix – um nur einige zu nennen – sind mir heute mindestens ebenso wichtig und inspirieren mich tagtäglich. All diese Einflüsse haben sich über die Jahre hinweg mehr oder weniger unbeabsichtigt in meiner DNA eingebrannt und beeinflussen mich sicherlich ständig beim Komponieren.

In ‚Blue Morpho Part Three‘ vom neuen Album konnte man schon reinhören. Der Song kommt Metal-lastiger rüber, fast Dream Theater-mäßig. Wird der Pink Floyd-Einfluss zurückgefahren, auch zu Gunsten der Story? Oder ist das auch automatisch passiert?
Joe: Am Anfang von „Part Two“ hat unser Protagonist ein Aha-Elebnis! Es ist dieser Eureka-Moment, der ihn dazu bringt, sich seiner dunklen Seite zu stellen und dies zu akzeptieren (seine dunkle Seite ist sein „Schatten“, ein Carl Jung-Konzept). Er findet in „Part Two“ endlich Licht (Wahrheit) – die Emotionen ändern sich. Und genau das soll mit der Musik ausgedrückt werden. Ich habe Rainers großartige Komposition gehört und war begeistert davon, wie sehr sie der Story gerecht wird.
Rainer: Wie bereits erwähnt, macht unser Protagonist im „Part Two“ eine enorme Veränderung durch. Während „Part One“ überwiegend melancholisch-düster geprägt war, kommen jetzt vielerlei sich immer wieder verändernde Emotionen zum Vorschein. Das ermöglicht mir, vielschichtiger zu komponieren. Ja, es werden auch härtere Elemente vertreten sein (die waren allerdings im „Part One“ auch schon unter der Oberfläche spürbar). Und es wird viele verschiedene klassische und moderne Prog- und Rock-Elemente geben. Ich bin selbst auch sehr gespannt, was letzten Endes dabei rauskommt.

Besonders ‚Flowers‘ von „Part One“ wird sehr gepriesen, vor allem wegen Judiths toller Stimme und Leistung. Wird es auf Part Two mehr Songs mit ihr als Leadvocalistin geben?
Joe: Judith spielt im Konzept die besondere Rolle der Anima (ein Carl-Jung-Konzept). Natürlich wird sie im „Part Two“ eine größere Rolle spielen, sie ist das Leitlicht für unseren Protagonisten. Ich kann nur empfehlen, in die Werke von Carl Jung einzutauchen. Vieles davon fällt mir schwer zu begreifen – aber einiges ist einfach genial.
Rainer: Judiths Stimme ist einfach überwältigend. Bereits bei ‚Flowers‘ im „Part One“ hat Judith eine große Rolle gespielt. Schon allein dadurch, dass sie die Gesangspassagen komponiert und gesungen hatte. Wie Joe bereits erwähnt hat, ist Judiths Stimme (als Anima) im Konzept das Gegenstück zu meiner Stimme (als Animus) – bzw. stellen die feminine und maskuline Seite des Protagonisten vereint sein/ihr Ganzes dar, seine/ihre Seele. Dies wird sich auch im Part Two widerspiegeln. Der Gedanke, dass Judith weitere Leadpassagen übernimmt, gefällt mir sehr. Mal sehen, wie wir das letztlich möglichst ausgewogen hinbekommen.
Judith Mattes-Schneider: Vielen Dank für die Komplimente. Ich würde natürlich gerne mehr involviert werden und freue mich schon auf die Liveauftritte in der Zukunft. Wie das dann genau aussehen wird, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. ‚Flowers‘ habe ich auf der Gitarre komponiert. Ich hatte die Melodie ziemlich klar im Kopf und es existieren noch etliche alte akustische Versionen des Songs, die noch stark vom Endresultat mit Rainers Prog-Veredelung abweichen. Ich persönlich kann keinen Prog komponieren, steuere eher ein leichter zugängliches Pop-Element dazu. Aber ich denke, gerade die Kombination unserer verschiedenen Kompositionsstile gibt dem Song etwas Cooles, Einzigartiges, was mir sehr gefällt.

Wie geht die Geschichte weiter?
Joe: Die Geschichte fährt im „Part Two“ fort mit unserem Protagonisten, der seine dunkle Seite (den Schatten) auf etwas Greifbares aufbaut. Etwas, was er verstehen und akzeptieren kann. Indem er seinen Schatten annimmt, wird er „ganz“ und er ist zur Liebe fähig. ‚Delta Girl‘ ist eigentlich das letzte Lied für unsere Hauptfigur und die Geschichte, aber es gibt noch abschließend einen Song, der ‚Blue Morpho – Part 4 (metamorphosis)‘ heißen wird. Hier soll die Hoffnung, zum Ausdruck gebracht werden, dass die Menschheit sich verändern kann indem sie ihre individuellen dunklen Seiten akzeptiert und Licht akzeptiert – was zu einer liebenswürdigeren Welt führen könnte.

Gibt es ein Release-Datum?
Rainer: Ich hoffe gegen Ende diesen Jahres mit den Aufnahmen und der Produktion fertig zu werden. Mal sehen, ob das gelingt. Denn es gibt außerdem noch einige wichtige private Projekte.

Was habt ihr bis jetzt insgesamt für Feedback für die Band erhalten? Seid ihr überrascht darüber?
Rainer: Die Rückmeldungen auf „Part One“ waren sehr gut. Ich muß sagen, dass ich sehr überrascht war, dass sich so viele Leute für die Veröffentlichung interessiert haben. Wir haben das Promoting ja selbst gemacht – ohne dass irgendein Label involviert war. Ob wir das für Part Two auch so machen werden, hängt davon ab, welches Label sich eventuell mit uns beschäftigen möchte.
Joe: Ich bin nicht so überrascht um ehrlich zu sein. Als ich die das Endresultat der ganzen Arbeit hörte, war ich total begeistert. Rainer Schneider ist sehr talentiert!


(Albumcover „Grave New World – Part One“)

Habt ihr überlegt, damit auf Tour zu gehen, oder lassen das verschiedene Faktoren gar nicht zu?
Rainer: Sobald Teil 2 fertig ist werden wir an der Live-Umsetzung arbeiten. Die Musiker können es kaum erwarten.

Was kommt nach Teil 2? Teil 3? Ein ganz neues Konzept – passt das dann noch zum Namen?
Joe: Ich denke, es wird nach „Part Two“ des ‚Grave New World‘-Konzepts noch mehr von uns als Band Huxley Would Approve geben. Aber zunächst müssen wir den zweiten Teil des laufenden Konzepts fertig machen. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen.

Surftipps zu Huxley Would Approve:
Homepage
Facebook
Twitter

Grafiken von Joe Bolieiro

Teilen.

Über den Autor

Philipp Roettgers

“Journalism is a low trade and a habit worse than heroin, a strange seedy world of misfits and drunkards and failures.” - Hunter S. Thompson. “Art is long and life is short, and success is very far off.” - J. Conrad

Antworten

Joe und Rainer von Huxley Would Approve zu Grave New World P…

von Philipp Roettgers Artikel-Lesezeit: ca. 8 min
0