
New Artrock • Chamber Progressive Folk
(33:57; Vinyl, CD, Digital; Imaginary Friend Records; 16.10.2026)
Dieser Teil des Albumzyklus darf als Geschwisterchen zum gerade erschienenen, offiziell benannten "III" verstanden werden und vervollständigt die Perspektive des Norwegers musikalisch wie auch inhaltlich. Orchestraler, ruhiger, mit manchmal schon fast kitschnaher Romantik flirren die Streicher wie in einer imaginären Theateraufführung durch den Saal ('Ruin the Sunset'), und ich frage mich auch hier angesichts manch kurzer Laufzeit bei gleichzeitig wunderschöner Melodik, wieso der Musiker nicht noch viel ausschweifender agiert. Die luftig-leichtfüßigen Drums und Grooves schwirren sehnsüchtig und angenehm organisch dahin. Der bittersüße Tune des Sängers ist für Fans von Radiohead, The National, Archive, aber auch Steven Wilson, Genesis mit Peter Gabriel und Motorpsycho ein unbedingtes Muss.
Giantsky sind vor allem in diesem speziellen dritten Zyklus eine wärmende Oase, eine Insel für sich – voller liebevoller Details, traumwandlerisch schöner Arrangements, unendlich viel Melancholie, Sehnsucht, Romantik und progressiver Schlenker. Piano, akustische Elemente und mannigfaltige orchestrale Farbtupfer tragen diese ganz eigenwillig friedlichen Nuancen in sich. Warm, mal geerdet, dann abgehoben und transzendent-kosmisch, stets intensiv, tiefgründig und kreativ spielt die Musik mit den eigenen Gefühlen und Themen. Ähnlich wie bei den letzten Alben von Archive setzt sie feine Nadelstiche und gezielte Schmerzpunkte.
'Dancing Alone' hätte als eine Art Intro auch ein monströs-episches Prog-Tune sein dürfen, bleibt aber im kurzen Rausch. Dafür schwirrt das groovige, fast siebenminütige 'Repeating Trope' abgehoben-kosmisch durch den Äther und erinnert mit seinen nächtlichen Space-Rock-Elementen an die besten Momente von Archive. Emotional und trippy saugt mich all das in einen schwer greifbaren Film, bei dem ich wie von oben auf mich selbst blicken muss. 'Step Into The Garden' ist dann so ein orchestral-fragiles Kammerstück – nordisch, minimal, hochsensibel – und bringt mich für Momente in den gestrigen, so wundervollen Abend mit dem Isländer Ólafur Arnalds zurück, bei dem sich auch alles so aufgeladen, zutiefst emotional, menschlich und einfach weit weg von Isolation, Bedrückung und Kälte anfühlte.

Manchmal benötigt man nur einen trippigen, monotonen Beat, langsam, voller Pink-Floyd-Echos, aufwühlender Streicher und unendlich viel Wehmut. 'Compassion With Worms' geistert anfänglich sanft und nah am Kosmos von Nick Drake, wird im weiteren Verlauf dank Bombast und Opulenz zu einem riesigen Haufen romantischen Kitschs. Es ist so wundervoll. Die weiblichen Vocals fehlen natürlich nicht, sie tröpfeln im fragilen Chamber-Duett 'Whose Life Am I Leading' voller bittersüßer Bilder. 'Throw It Off The Bridge' setzt am Ende den bombastisch-rockigen Abschluss, nutzt gezielte Kontraste zwischen sanft und leise und springt kurzzeitig ab in den Giantsky-typischen Post-Rock-Rausch.
Die Musik des Norwegers macht so viel mit mir, passt natürlich hervorragend in die kommende dunkle Jahreszeit, aber man muss aufpassen, dass einen dieser Trip temporär nicht komplett verschlingt. Im Spannungsfeld von orchestraler Wehmut, Indie-Folk, Post und Prog inszeniert Viken eine emotionale Traumwelt, die neben der neuen Alex-Henry Foster schon jetzt ganz klar eines dieser unfassbar intensiven Jahres-Alben 2026 stellt.
Bewertung: 15/15 Punkten
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Besetzung:
• Erlend Viken - Gesang, Violine, Gitarre, Keys, Noise, Percussion, Xylophon, Röhrenglocken, Banjo und weitere Instrumente
• Tuva Halse - Gesang, Violine
• Mona Hynne - Gesang
• Jonas Viken - Violine
Gastmusiker:
• Andreas Kjøl Berg - Schlagzeug (Track 2)
• Espen Berge - Schlagzeug (Track 7)
• Astrid Hoffman-Tollaas - Cello
• Øystein Megård - Gitarre und Bass (Track 7)
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Giantsky zur Verfügung gestellt.


2 Kommentare
Definitiv mein Lieblngsalbum 2026!! Toll geschrieben, geht mir mit diesem Künstler genauso!!
Vielen Dank für die Rückmeldung! Ja großartig was der E. Viken da zaubert seit Jahren, geht echt positiv ans Eingemachte-LG