
Sludge • Grindcore • Crust Punk • Post Punk • Noise
(39:56; Vinyl, CD, Digital; Ipecac Recordings: 10.04.2026)
Wenn zwei Institutionen des gepflegten Kontrollverlusts beschließen, ihre jahrzehntelang perfektionierten Eigenheiten nicht mehr nur nebeneinander, sondern endlich „ineinander“ zu verkeilen, dann entsteht entweder ein Desaster – oder etwas, das man hinterher ehrfürchtig „interessant“ nennt.
Melvins treffen auf Napalm Death. Sludge, Grunge-Ursuppe und stoischer Wahnsinn verschmelzen mit Grindcore, Crust Punk und politischer Dauererregung. Was bisher in gemeinsamen Touren kanalisiert wurde, wird nun erstmals als echte Studio-Kollaboration manifestiert: "Savage Imperial Death March". Schwarzes Gold für Menschen, die sich fragen, ob Musik auch weh tun darf. Spoiler: Ja.
Und nein – das ist kein Split für Sammler mit zu viel Regalfläche. Laut Buzz Osborne eine echte 50/50-Angelegenheit: Riffs werden hingeworfen, sofort gelernt, direkt aufgenommen. Was dabei entsteht, ist tatsächlich eine Fusion – allerdings keine, die sich um Gleichberechtigung im Soundbild schert.
Bei aller Verschmelzung bleibt vieles überraschend nah am zähen, widerspenstigen Kosmos der Melvins. Die typische Sludge-Schwere zieht Songs eher nach unten als nach vorne, wie etwa in 'Rip The God'.
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Einzelne Tracks springen dann aber in andere Galaxien: Der Opener 'Tossing Coins Into The Fountain Of F*ck' wirkt, als hätte man direkt ins Napalm-Death-Playbook gegriffen: kurz, bissig, und auf den Punkt geprügelt, mit Greenways bellendem, immer latent empörten Gesang, der die Geschwindigkeit und Aggression sofort transportiert.
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'Nine Days of Calm' betritt überraschend post-punkiges Terrain – leicht tänzelnd, rhythmisch kühl – und zeigt, dass die Platte keine Schablone kennt, sondern konsequent verschiebt, erweitert und auslotet.
Und dann gibt es 'Comparison Is The Thief Of Joy': Soprangesang, Noise, Industrial, Synthies – auf dem Papier kompletter Gaga-Overload. Doch hier funktioniert es erstaunlich gut. Die Melvins-Schwere und Napalm-Death-Attacken treten in den Hintergrund, während die beiden Bands zum ersten Mal so experimentell sind, dass man fast vergessen könnte, wer das überhaupt ist. Ein Track, der auf dem Papier unmöglich klingt – und im Ohr überraschend stringent, wie ein Unfall, bei dem plötzlich alle Teile am richtigen Platz liegen.
Osbornes schleppend-entrücktes Nuscheln verschränkt sich mit dem bellenden, immer latent empörten Organ von Barney Greenway. Zwei Stimmen, die hier nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich gegenseitig aufladen – als hätten sie nur darauf gewartet, endlich im selben Raum eskalieren zu dürfen.
Textlich bleibt vieles bewusst unkontrolliert. Greenway spricht von „babbling“, und tatsächlich wirken die Lyrics wie ein Strom aus politischer Wut, gesellschaftlicher Frustration und ironischer Brechung. Die typische Napalm-Death-DNA ist da, wird aber in diese neue, schwer greifbare Klangmasse hineingezogen. Osborne liefert dazu seine eigene schräge Perspektive – Verständlichkeit ist hier kein Ziel, sondern Kollateralschaden.
Und genau darin liegt die Stärke von *Savage Imperial Death March*:
Das ist eine Fusion, die ihre Bestandteile nicht glättet, sondern bewusst ineinander verschränkt – und dabei stellenweise mutiger, experimenteller und wagemutiger klingt, als es beide Bands jemals allein geschafft hätten.
"Savage Imperial Death March" ist mehr als die Summe seiner Teile – der seltene Moment, in dem zwei Legenden nicht nur aufeinandertreffen, sondern sich gegenseitig neu erfinden – ob sie wollten oder nicht.
Bewertung: 13/15 Punkten
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• Buzz Osborne – Gesang, Gitarre
• Dale Crover – Schlagzeug
• Barney Greenway – Gesang
• Shane Embury – Bass
• John Cooke – Gitarre
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