Coheed And Cambria – Vaxis II: A Window Of The Waking Mind

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Coheed And Cambria - Vaxis II: A Window Of The Waking Mind (Roadrunner Records/Warner Music, 24.06.22) COVER(53:08; Boxset, Vinyl (2LP); CD, Tape, Digital; Roadrunner Records/Warner Music, 2022)
Anfang des 21. Jahrhunderts entstanden in den USA zwei Bands, die die unterschiedlichsten musikalischen Genres zusammenfügten und jeweils ihre ganz eigene Form des Progressive Rocks kreierten. Musik, die man nur wenige Jahre zuvor nichtmals als Progressive Rock bezeichnet hätte, sondern vielmehr als Crossover. Beide Formationen begannen ihre Karriere jeweils mit einem Konzeptalbum, welches der Anfang einer sich jeweils über viele Jahre und Platten erstreckenden Geschichte sein sollte. Und beide Gruppen benannten sich jeweils nach einer oder mehreren Haupt-Protagonisten ihrer Story. Eine dieser Bands heißt The Dear Hunter, die andere Coheed And Cambria.

Sowohl The Dear Hunter als auch Coheed And Cambria haben in diesem Sommer neue Alben veröffentlicht. Doch wo The Dear Hunter sich mit “Antimai” endgültig von der Story ihres bandnamenstiftenden Protagonisten verabschiedeten, erweitern Coheed And Cambria die Geschichte über “The Amory Wars” mit “Vaxis II: A Window Of The Waking Mind” um ein weiteres Kapitel.

Und nicht nur das: die New Yorker Alternative Progger schließen mit dem orchestral-bombastischen Opener ‘The Embers Of Fire’ lückenlos an das 2018er “Vaxis I: The Unheavenly Creatures” an und greifen das musikalische Thema wieder auf, für welches das Stück ‘Old Flames’ in Fankreisen heute als Klassiker gilt.

Trotzdem machen Coheed And Cambria musikalisch nicht einfach dort weiter, wo sie uns vor vier Jahren zurückgelassen haben. Denn erstens ist “Vaxis II” viel stärker im Midtempo-Bereich beheimatet als sein Vorgänger und zweitens haben die US-Amerikaner melodisch – kaum zu glauben – noch einmal eine Schippe draufgepackt. So dass am Ende ein Pop-Rock-Album entstanden ist, das man in dieser Konsequenz erst einmal verdauen muss.

Zehn Stücke, von denen keines eine Laufzeit von mehr als vier Minuten hat und die mit ihrer Mischung aus 80s-Referenzen und modernen Pop-Sounds erst einmal verdaut werden muss. Ein Vorgang, für den man sich etwas Zeit nehmen sollte, da man ansonsten das Augenzwinkern und die Selbstironie verpassen könnte, mit welcher Frontmann Claudio Sanchez und seine drei Kollegen hier auftreten.

Mal zwischen Punk und New Wave agierend wie in ‘The Liars Club’, mal fett rockend wie in der Hard-Rock-Granate ‘Shoulders’, die mit ihrem fetten Gitarrenriff und dem klischeehaften Gitarrensolo förmlich den Spandex wieder salonfähig macht. Die Synthies und Vocoder-Effekte von ‘A Disappearing Act’ hingegen lassen sogar Autoscooter-Stimmung aufkommen.

Während ‘Bad Man’ wie eine Auto-Tune-Variante einer Zusammenarbeit zwischen Bon Jovi und Michael Jackson klingt.

Es ist Musik, die man keineswegs zu ernst nehmen sollte, da Kracher wie ‘Comatose’, ‘Beautifiul Loosers’ oder das von Autotune geprägte ‘Love Murder One’ gerade von ihrer Lockerheit und Ungezwungenheit leben.

Zehn Stücke, die den gleichen Spirit tragen, wie die Zusammenarbeit Coheed and Cambrias mit Rick Springfield und dem daraus resultierenden zweiten Teil von ‘Jessie’s Girl’. Zehn Stücke, bei denen sich eine Band nicht zu ernst nimmt und einfach das macht, worauf sie Bock hat.

“Was ist nur aus den einst hochgelobten Coheed And Cambria geworden?”, mag sich da der ein oder andere fragen. Der Band, die einst als die legitimen Nachfolger von Rush gehandelt worden war? Eine Frage, die sich leicht beantworten lässt, insofern man es bis zu den letzten drei Stücken dieses Albums durchhält. Denn in den letzten knapp 21 Minuten präsentieren sich Coheed and Cambria genau so, wie man sie Anfang des Jahrtausends mit ihren Meilensteinen “In Keeping Secrets of Silent Earth: 3” (2003) und “Good Apollo I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” (2005) kennengelernt hat. Als Alternative Prog Act, welcher Einflüsse aus Indie, Post Hardcore und Progressive Metal zu einer bombastischen wie hochmelodiösen Einheit zusammenwachsen lässt. Episch, verspielt und monumental und an Größen wie Queen, Rush und Queensrÿche erinnernd.

Dabei aber weder kitschig noch pathetisch. Denn Kitsch und Pathos haben die Herren Claudio Sanchez, Travis Stever, Josh Eppard und Zach Cooper bereits mit den ersten zehn Stücken des Albums aufgetischt. Nicht als peinliches Nebenprodukt wie bei so vielen anderen Bands, sondern ganz bewusst und mit einer fetten Prise Humor gewürzt. Das abschließende Song-Trio dagegen ist Alternative Crossover Prog at its best.

Vor allem beim abschließenden sechsteiligen ‘Window Of The Waking Mind’ sollte man nicht davor zurückschrecken, es in Zukunft in einem Zuge mit den ganz großen Bandklassikern wie ‘In Keeping Secrets of Silent Earth: 3’ und ‘Welcome Home’ zu nennen.
Bewertung: 11/15 Punkten (FF 11, KR 12)

Coheed And Cambria - Vaxis II: A Window Of The Waking Mind (Roadrunner Records/Warner Music, 24.06.22)

Credit: Alexandra Gavillet

Besetzung:
Claudio Sanchez (lead vocals, rhythm guitar)
Travis Stever (lead guitar, backing vocals)
Josh Eppard (drums & percussion, keyboards, backing vocals)
Zach Cooper (bass, backing vocals)

Diskografie (Studioalben):
“The Second Stage Turbine Blade” (2002)
“In Keeping Secrets of Silent Earth: 3” (2003)
“Good Apollo I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” (2005)
“Good Apollo I’m Burning Star IV, Volume Two: No World for Tomorrow” (2007)
“Year of the Black Rainbow” (2010)
“The Afterman: Ascension” (2012)
“The Afterman: Descension” (2013)
“The Color Before the Sun” (2015)
“Vaxis I: The Unheavenly Creatures” (2018)
“Vaxis II: A Window of the Waking Mind” (2022)

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Rezension: “Vaxis I: The Unheavenly Creatures” (2018)
Konzertbericht: 14.06.17, Köln, Essigfabrik
Konzertbericht: 26.01.16, Köln, Live Music Hall

Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Head Of PR zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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