Soup – Visions

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Soup – Visions (Crispin Glover Records/Glassville Records, 19.11.21)

Credit: Lasse Hoile

(39:46, Formate, Crispin Glover Records/Glassville Records, 2021)
Schon wenn man die Langspielplatte zum ersten mal in den Händen hält, wird schnell klar, dass es sich bei “Visions” nur um das neue Album von Soup handeln kann. Denn das farbenfrohe Cover-Artwork mit der unverkennbaren Handschrift von Lasse Hoile und die hochqualitative Hochglanz-Hülle der Scheibe lassen keine anderen Rückschlüsse zu. Und auch wenn man “Visions” zum ersten Mal auflegt, weisen die gefühlvollen Klänge des gut fünfzehn-minütigen Openers ‘Burning Bridges’ mehr als eindeutig auf die Handschrift von Erlend Aastad Viken und seiner vier Mitstreitern hin.

Doch schnell wird auch klar, dass “Visions” ganz anders ist als noch sein Vorgänger “Remedies”, der 2017 unsere internen Betreuer-Jahres-Charts anführte. Denn Soup haben sich auf gleich zweierlei Arten vom Art Rock des Vorgängers fortbewegt. Einerseits fehlen “Visions” die für “Remedies” so charakteristischen Hooklines und Refrains, die Stücke wie ‘Going Somewhere’ ausmachten. Andererseits haben sich die Norweger aber auch von der dem Post Rock entliehenen Technik verabschiedet, klassische Songstrukturen zu verlassen und die Stücke gen Ende hin in reinen Soundscapes ausufern zu lassen. Und so wartet man bei den verschiedenen Liedern mehr als einmal auf Crescendos, die einfach nicht kommen wollen.

Stattdessen sind nun Strukturen in den Mittelpunkt gerückt, die, wie besispielsweise bei ‘Kingdom of Color’, der klassischen Musik entliehen scheinen, und hierdurch das eine oder andere Mal an die großen Bands des Progressive Rock erinnern. Beethoven scheint nämlich genauso seinen Eindruck auf “Visons” hinterlassen zu haben wie King Crimson oder Genesis. Vor allem letztere klingen in den verschiedenen Stücken immer wieder durch. Was allerdings nur selten so deutlich wird, wie bei ‘Crystalline’, einem Stück, das die mittelaterliche Folk-Ästhetik von ‘Harlequin’ mit dem Kitsch von ‘Your Own Special Way’ verbindet.

Doch auch wenn Erlend Viken auf “Visions” wieder sein Händchen für unwiederstehliche Melodien bewiesen hat, so sind diese weitaus subtiler und zurückhaltender gestaltet als noch auf dem Vorgängeralbum. Es sind Melodien, die ihre Zeit brauchen, um unter die Haut des Hörers zu gelangen. Denn erstens bleiben die Lieder nicht so schnell hängen und zweitens fehlt ihnen die dramaturgische Zuspitzung, für welche die Band zuletzt bekannt war.

Ob die fünf Stücke es vermögen, ihre volle Wirkungskraft zumindest nach wiederholten Durchgängen zu entfalten, wird “Visons” erst noch zeigen müssen. Nach den ersten Eindrücken kann das neue Album jedenfalls nicht mit seinem überragenden Vorgänger mithalten. Wunderschön und emotional ist “Visions” jedoch allemal.
Bewertung: 11/15 Punkte (FF 11, KR 11)

Soup – Visions (Crispin Glover Records/Glassville Records, 19.11.21)
Tracklist:
1. ‘Burning Bridges’ (15:02)
2. ‘Crystalline’ (7:02)
3. ‘Skins Pt. 1’ (1:18)
4. ‘Kingdom Of Color’ (9:11)
5. ‘Skins Pt. 2-3’ (7:23)

Besetzung:
Erlend Aastad Viken
Ørjan Langnes
Jan Tore Megård
Øystein Megård
Espen Berge

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Interview: Soup – Erlend Aastad Viken about Visions, Art & Inspiration (2021)
Interview: Soup – Erlend Aastad Viken über Visions, Kunst & Inspiration (2021)
Rezension: “Live Cuts” (2018)
Rezension: “Remedies” (2017)

Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von IDVI Agency zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

4 Kommentare

  1. Erlen Viken hat „Remedies“ eher auf/mit Giant Sky fortgeführt. „Visions“ hingegen scheint mir eher ein Abschied von Soup zu sein, was auch verschiedentlich angedeutet wurde, u.a. auf der Bandwebsite.
    Schade wäre es allemal.

    • Lies dir vielleicht noch einmal mein Interview mit Erlend durch. er sagt, dass er noch nicht wisse, wie es mit Soup weitergehen wird.

  2. Dietros Diaitológos am

    Es ist sicher ein Nachteil, ein Album nach “ersten Eindrücken” zu rezensieren und zu bewerten. Meiner Meinung nach fehlen in der Rezension auch Hinweise auf einige ganz fundamentale Merkmale des Albums.
    Zu nennen wäre die recht eigenwillige Produktion des Albums. Man spielt hier ganz bewusst mit deutlich übersteuerten und verzerrten Klängen, die zweifellos ein Gegenentwurf zu gängigen Hörgewohnheiten darstellen. Das darf man durchaus als Fortführung des Post-Rock Gedankens bezeichnen. Eine Abkehr davon höre ich auf Visions nicht.

    Möglicherweise lag überdies nur die Standard Version des Album zur Rezension vor.
    Die auf der Doppel-LP zusätzlich vorhandenen Stücke Orbit/Gatekeeper bieten nochmals weitere 16 Minuten in ähnlichem Klangkosmos. Die vierte Seite der LP mit lediglich mit ca. 15 Minuten Meeresrauschen ist allerdings irgendwie verzichtbar. Auf der beiliegenden CD (Zumindest bei der Doppel LP) sind Orbit/Gatekeeper als Secret Track ebenfalls drauf.

    • Mir lag tatsächlich nur die Digitalversion vor, der die 2 Scheibe wohl fehlte.
      Auch habe ich die Scheibe nicht nach ein- oder zweimaligem Hören rezensiert. Trotzdem glaube ich nicht, schon bei einer finalen Meinung angekommen zu sein.

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Soup – Visions

von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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