Scar Of The Sun – Inertia

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Scar Of The Sun – Inertia (Napalm Records, 14.05.21)(43:40, CD, Vinyl, Digital, Napalm Records, 2021)
Ginge es nach den Granden der griechischen Metal-Szene, dann wären Scar Of The Sun der nächste große Stern am Himmel des Modern Metal. Denn Sakis Tolis (Rotting Christ) und Spiros ‚Seth‘ Antoniou (Septicflesh) verfallen geradezu ins Schwärmen, wenn sie über „Inertia“, das aktuelle Album des Athener Quintetts sprechen.

Ob die oben genannten Musiker wirklich so sehr von ihren Kollegen überzeugt sind, ob es an freundschaftlichen Banden zwischen den Bands liegt, oder ob eher der Wunsch, dass eine griechische Metal-bans den musikalischen Durchbruch schaffen sollte, Mutter des Gedanken war, bleibt ungewiss. Klar ist jedoch, dass „Inertia“ die hohen Erwartungen, die der Pressetext bei mir geweckt hatte, nicht erfüllen kann.

Scar Of The Sun haben nämlich weder das Rad neu erfunden, noch ist ihr Produkt so überzeugend, dass man seine Hörgewohnheiten zugunsten der Griechen einem musikalischen Reifenwechsel unterziehen müsste. Ja, die Räder der Marke „Inertia“ rollen zwar einwandfrei, doch auch nicht besser oder anders, als es viele andere können.

Doch möchte ich das Album hier nicht schlechtreden. Denn Scar Of The Sun bieten auf „Inertia“ unterhaltsamen Metal, der vor allem melodischen und atmosphärisch klingt, von einer leichten Dark Rock-Note durchzogen ist und von vereinzelten progressiven Stilelementen garniert wird. „Inertia“ ist nach „A Series Of Unfortunate Concurrencies“ (2011) und „In Flood“ (2016) bereits das dritte reguläre Studioalbum der Hellenen und man kann der Platte anhören, dass es sich hier nicht um ein Debütalbum handelt, denn die Musiker verstehen ihr Handwerk. Lediglich der Gesang von Frontmann Terry Nikas lässt für meinen Geschmack etwas zu wünschen übrig, da weder seine Growls, noch seine Clean Vocals in der ersten Liga des Metal mitschwingen können.

Nichtsdestotrotz ist Scar Of The Sun mit „Inertia“ ein musikalisches Gesamtpaket gelungen, das einem über knapp eine Dreiviertelstunde gute Unterhaltung bietet. Dies fängt schon mit dem atmosphärischen Intro ‚Hydrogen‘ an, das innerhalb kürzester Zeit verdichtet wird und es versteht, eine erwartungsvolle Stimmung aufzubauen. Bevor Scar Of The Sun uns im Titeltrack und dem anschließenden ‚I Am The Circle‘ mit ihrer vollen musikalischen Härte übergießen. Messerscharfe Riffs und tösendes Schlagzeug bestimmen diese Songs und bilden einen guten Kontrast zu den eingängigen Refrains.

Musikalisch wahrscheinlich am ehesten zwischen Amorphis und Moonspell einzuorden, erheben die Süd-Europäer in ihren Texten ihre Stimmen gegen soziale Ungerechtigkeit und übermitteln ihre leidenschaftlichen Botschaften über große Herausforderungen und soziales Bewusstsein kombiniert mit wissenschaftlicher Thematik.

Das dreiteilige ‚Quantum Leap Zero‘ ist textlich vielleicht das ausgereifteste Stück der Platte, da sich der Fünfer hier mit den Ereignissen des Jahres 2015 in ihrem Heimatland beschäftigt, und eine Geschichte von Unterdrückung, Aufstieg und Revolution sowie von der finalen Niederlage erzählt. Und auch musikalisch hat die Trilogie so einiges zu bieten. Während im ersten Teil ‚Torque Control‘ progressive und leichte Stoner-Einflüsse in den Bandsound gemischt werden und das Stück mit dem wohl eingängigsten Chorus der Platte überzeugt, wird im zweiten Teil, namens ‚Transition to Turbulence‘, der Härtegrad deutlich verstärkt und auch die Stimmung ist deutlich düsterer als noch im ersten Teil. Beides Stilelemente, die eindrücklich den Text des Stückes unterstreichen. In ‚Thrust‘, dem letzten Teil der Trilogie herrscht dann eine deutlich nachdenklichere Stimmung vor, da es hier um den Niedergang der griechischen Revolution dreht.

Zwischen Teil zwei und drei von ‚Quantum Leap Zero‘ finden sich zwei weitere Stücke: das ruhige ‚Oxygen‘ wirkt mit seinen nur zweieinhalb Minuten Spielzeit im Albumkontext gezwungen poppig und für eine echte Ballade ein wenig belanglos.

Das melodiös-düstere ‚The Fallible Experiment‘ hingegen bedient alle Clichés des 90er Jahre Gothic-Metal und hätte mit seinem harsch-cleanen Wechselgesang und seiner kitschigen Gesangslinie gut in die Hochzeit des Genres gepasst.

Auch die drei abschließenden Stücke sind keine schlechten Lieder, doch obgleich ihrer unterschiedlichen Prägung kann auch von ihnen kein einziges durch musikalische Alleinstellungsmerkmale überzeugen. Denn Scar Of The Sun bewegen sich auch hier auf den schon vielfach beschrittenen Wegen zwischen Dark Rock, Gothic Metal, melodiösem Death und ein wenig Prog. Wege, die leider nicht zu den Sternen am Metal-Himmel führen
Bewertung: 9/15 Punkte (FF 9, KR 8)

Scar Of The Sun – Inertia (Napalm Records, 14.05.21)

Credit:Cristina Alossi

Tracklist:
1. ‚Hydrogen‘ (1:36)
2. ‚Inertia‘ (3:50)
3. ‚I Am The Circle‘ (4:12)
4. ‚Quantum Leap Zero I: Torque Control‘ (5:14)
5. ‚Quantum Leap Zero II: Transition To Turbulence‘ (3:46)
6. ‚Oxygen‘ (2:34)
7. ‚The Fallible Experiment‘ (4:21)
8. ‚Quantum Leap Zero III: Thrust‘ (5:02)
9. ‚Singularity Collapse‘ (3:52)
10. ‚Zenith To Minos‘ (4:30)
11. ‚Anastasis‘ (4:43)

Besetzung:
Terry Nikas (Gesang)
Alexi Charalampous (Gitarren)
Greg Eleftheriou (Gitarren)
Panagiotis Gatsopoulos (Bass)
Thanos Pappas (Schlagzeug)

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Napalm Records zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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