Teramaze – Sorella Minore

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Teramaze – Sorella Minore (Wells Music/Just For Kicks Music, 11.05.21)(40:42, Digital, CD, Eigenproduktion (Wells Music)/Just For Kicks Music, 2021)
Nur sieben Monate nach „I Wonder“ ist die australische Band Teramaze schon wieder mit einem neuen Album am Start. Wer jetzt Angst hat, dass es sich hier um einen musikalischen Schnellschuss handelt, dem kann beruhigend gesagt werden: dem ist nicht so. Dies wird schon beim Blick auf die äußerst kurze Tracklist klar, da hier nur vier Stücke zu finden sind, wobei eines der Lieder sogar die 25-Minuten-Marke reißt. Und dass ein solches Ungetüm von einem Song nicht mal einfach so aus dem Hemdsärmel geschüttelt werden kann, versteht sich wohl von selbst.

Stattdessen wirkt vor allem das Titelstück, sowohl textlich als auch musikalisch, sehr durchdacht, denn ‚Sorella Minore‘ stellt die Fortsetzung des weit geschätzten 2015er Konzeptalbums „Her Halo“ dar, das sich um das dramatische Schicksal zweier Schwestern drehte. Während „Her Halo“ den mysteriösen Tod der älteren Schwester behandlte, geht es bei ‚Sorella Minore‘, wie der italienische Name schon vermuten lässt, um die Geschichte der jüngeren Schwester. Es ist eine Geschichte, wie aus den Erzählungen der Gebrüder Grimm, denn die Schwester wird nicht nur entführt und in einen Schlossturm gesperrt, sondern soll auch noch ihren einzigen dortigen sozialen Kontakt (The Tyrant, dt. der Tyrann) heiraten, der widerum dem Willen seines dämonischen Vaters unterworfen ist. Am Ende muss das Mädchen seinen Peiniger davon überzeugen, sich dessen allmächtigen Herren zu widersetzen und ihr zur Flucht zu verhelfen…

Wie schon beim letztjährigen Album „I Wonder“ übernimmt Bandchef Dean Wells erneut die Rolle des Sängers, was dem Gesamtsound der Band, ich kann es nicht oft genug sagen, äußerst zu Gute kommt. Er tritt in der Geschichte somit die Nachfolge von Nathan Peachey an, der noch auf „Her Halo“ als Leadsänger zu hören war. Doch ganz ohne Herrn Peachey kommt auch „Sorella Minore“ nicht aus, denn Teramaze haben diesen, neben Silvio Massaro (Vanishing Point) und Jennifer Borg (Divine Ascension), als einen von drei Gastsängern für das Titelstück der Platte gewinnen können.

Mit seiner fast halbstündigen Spielzeit ist ‚Sorella Minore‘ nicht nur das Herzstück des Albums, sondern, mit seiner Komplexität, seinem abwechslungsreichem Arrangement und seiner stilistischen Vielfalt, so etwas wie eine Mini-Rockoper, die in ihrer Gesamtheit rund und vollkommen erscheint. Nichtsdestotrotz ist gerade dieses Stück in der Entwicklung der Band ein kleiner Schritt rückwärts, da man sich musikalisch wieder verstärkt dem Melodic Metal annähert. Dem gegenüber stehen natürlich Passagen, bei denen ein anderer stilistischer Wind weht, denn von Modern Prog bishin zu Growls und Blastbeats ist hier alles vorhanden. Doch unterm Strich ist ‚Sorella Minore‘, was den Bandsound angeht, eher regressiv als progressiv. Dies ist verständlich, da man natürlich den Schulterschluss zum ersten Teil der Fantasy-Geschichte suchte. Persönlich finde ich diese Entwicklung dennoch eher enttäuschend, da ich glaubte, dass Teramze mit ‚I Wonder‘ endlich ihren eigenen, individuellen Sound gefunden hätten.

Hinzu kommt, dass das Titelstück am Anfang der Platte einfach deplaziert wirkt, da die übrigen drei Stücke kaum aus dessen mächtigen musikalischen Schatten heraustreten können und wie unnötige Anhängsel wirken. Fast so, als ließe man auf einem Festival noch drei weitere Bands auftreten, nachdem der überragende Headliner bereits die Bühne verlassen hat. Nicht, dass diese Stücke wirklich schlecht wären, aber so richtig passen sie einfach nicht auf die Scheibe.

Am ehesten kann hier noch das gut fünfminütige ‚Stone‘ überzeugen, waelches für sich genommen eine wunderschöne Prog Rock-Ballade ist, die wunderbar auf den Vorgänger „I Wonder“ gepasst hätte.

‚Take Your Shot‘ hingegen wird von treibenden Gitarrenläufen dominiert und lässt an der ein oder anderen Stelle schon mal die Thrash-Vergangenheit der Australier durchleuchten, so dass das Stück im Kontext dieser Platte mehr als deplaziert wirkt.

Das anschließende, leicht verträumt wirkende ‚Between These Shadows‘ hingegen schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Dream Theaters ‚The Spirit Carries On‘ und bildet den versöhnlichen Abschluss einer Scheibe, die zwar musikalisch ohne Mängel ist, in Sachen Eigenständigkeit und Spannungsaufbau hingegen noch viel Luft nach oben hat.

Bewertung: 9/15 Punkte

Tracklist:

1. ‚Sorella Minore‘ (25:46)
2. ‚Stone‘ (5:15)
3. ‚Take Your Shot‘ (4:56)
4. ‚Between These Shadows‘ (4:47)

Besetzung:
Dean Wells (Gesang, Gitarren, Keyboards)
Andrew Cameron (Bass)
Chris Zoupa (Gitarren, Keyboards)
Nick Ross (Schlagzeug)

Gäste:
Nathan Peachey (Gesang – Track 1)
Silvio Massaro (Gesang – Track 1)
Jennifer Borg (Gesang – Track 1)

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Rezension „I Wonder“
Rezension „Are We Soldiers“

Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Just For Kicks Music zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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