Turbulence – Frontal

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Turbulence – Frontal (Frontiers Music, 12.03.21)(65:41, Digital, CD, Frontiers Music, 2021)
Als ich im Dezember 2010 durch die Levante reiste, begegnete ich vielen Einheimischen, die Anhänger von Progressive Rock und Progressive Metal waren und mich darum beneideten, welche Bands ich schon alle live gesehen hatte. Denn damals angesagte Gruppen wie Dream Theater und Opeth hatten – trotz ihrer teilweise geografischen Nähe zu Europa – noch nie in Staaten wie Jordanien, Syrien oder dem Libanon Halt gemacht. Gut zehn Jahre später hat sich diese Situation noch immer nicht verändert. Ganz im Gegenteil, denn die geopolitische Situation hat die Sicherheitslage im Nahen Osten nicht unbedingt verbessert. Trotzdem gibt es mittlerweile einen Hoffnungsschimmer für die dortigen Progressive Rock-Fans, denn zumindest im Libanon gibt es nun eine Band, die im Theater der Großen mitspielen kann. Die Rede ist von Turbulence, die mit dem Konzeptwerk „Frontal“ gerade ihr zweites Album veröffentlicht haben.

Doch bevor Turbulence unter ihrem heutigen Namen fimierten, traten die Libanesen in ihrer Heimat als Dream-Theater-Coverband auf, womit sie die Aufmerksamkeit der gesamten lokalen Rock- und Metalszene auf sich lenken konnten. Gegründet wurde die Band im Jahre 2013, nachdem Gitarrist Alain Ibrahim dem Keyboarder Mahmoud ‚Mood‘ Yassin ein paar seiner selbstgeschriebenen Song-Samples zugeschickt hatte.
Nachdem Alain Mooods Interesse geweckt hatt, war ein Treffen der beiden talentierten Komponisten und Prog-Liebhaber unabdingbar. Es dauerte so nicht mehr lange, bis man weitere gleichgesinnte Musiker um sich geschart hatte, um einem gemeinsamen Ziel nachzukommen, nämlich ihren einzigartigen Stil des Progressive Rock vom Nahen Osten in die weite Welt zu tragen.

Nachdem Turbulence bereits im Jahre 2015 ein Album namens „Disequilibrium“ in Eigenregie veröffentlichen konnten, war man für das Nachfolgewerk in der Lage, einen Plattenvertrag beim namhaften italienischen Label Frontiers Music an Land zu ziehen.

Im März 2021 erschien mit „Frontal“ nun endlich das Zweitwerk der Libanesen und es ist ein progressives Konzeptalbum par excellence geworden. Über eine Spielzeit von mehr als einer Stunde erzählen Turbulence hier nämlich die wahre Geschichte des Phineas Gage, eines Bauarbeiters, der entgegen allen Erwartungen einen Unfall überlebte, bei dem eine Eisenstange seinen Kopf komplett durchbohrt und dabei einen Großteil seines linken Frontallappens zerstörte hatte. Ein Unfall, nach welchem Phineas Gage sowohl physisch als auch psychisch nicht mehr der Gleiche wahr.

Wir beleuchten, wie ein stabiles Leben so anfällig für unvorhergesehene Ereignisse sein kann, welche uns so tief in unseren Kern hinein verändern können, dass wir von denen, die wir lieben, nicht mehr wiederzuerkennen sind. Es gibt Momente des Schmerzes, Momente der Verzweiflung, Momente der Verwirrung, Wut und Erinnerung. Diese sehr realen Emotionen halfen uns, eine Leinwand zu schaffen, die menschliche Fragilität und menschlichen Triumph portraitiert.

We shed light on how a stable life can be so vulnerable to unforeseen events that can alter us so deep into our core that we become unrecognizable by those we love. There are moments of pain, moments of despair, moments of confusion and anger and reminiscence. These very real emotions helped us create a canvas portraying human fragility as well as human triumph.

Musikalisch setzten Turbulence diese Thematik um, indem sie sich an Dream Theater orientieren – ihren großen Vorbildern. Sie tun dies, ohne aber zu irgendeinem Zeitpunkt Gefahr zu laufen, diese musikalisch einfach nur zu kopieren. Denn vor allem kompositorisch haben Turbulence das überhaupt nicht nötig. Schon der Opener macht mehr als deutlich, dass Ibrahim und Yassin ihr songwriterisches Handwerk bravourös verstehen. Das gut elfminütige ‚Inside The Cage‘ ist nämlich nicht nur ein ausgewogener Longtrack mit nachvollziehbarem Spannungsbogen, Tempowechseln, unterschiedlichen Härtegraden und genügend Raum für Solo-Ausflüge, sondern funktioniert auch wunderbar als Auftakt für ein Konzeptalbum, in dessen Laufe Themen und Melodien des Openers immer wieder aufgegriffen werden.

Natürlich können sich auch Turbulence nicht immer ganz von ihren musikalischen Einflüssen freimachen und so tauchen auch auf „Frontal“ immer wieder Anklänge an andere Bands auf. Neben Dream Theater sind hier Pain of Salvation zu nennen – man höre sich nur die Gesangslinien im zweiten Drittel der ersten Single ‚Madness Unforeseen‘ an – vor allem aber auch immer wieder Haken, da die Klangfarben von Mahmoud Yassins Keyboards, wie im Falle des grandiosen ‚Ignite‘, immer wieder an „The Mountain“ erinnern.

Zwar gewinnen für mich die Haken-Verweise an manchen Stellen (‚A Place To Hide In‘) doch ein wenig zu sehr die Oberhand. Doch wirklich schmälern kann auch dies das Gesamthörerlebnis namens „Frontal“ nicht. Denn dafür sind die fünf Musiker einfach zu gut in dem, was sie tun. Turbulence vermögen es nämlich nicht nur, auf gefühlvolle Art und Weise eine tragische Geschichte zu erzählen, sondern obendrein auch deren Emotionen durch technisch versierte Instrumentaleinlagen zu illustrieren.

Ob lyrische Gitarrensoli, krachende Riffs, komplexe Polyrhythmik, verspielte Keyboards oder melancholisch-melodiöser Gesang, Turbulence verstehen das Große Einmaleins des Progessive Metal und haben mit „Frontal“ ein Konzeptwek erschaffen, das die Aufmerksamkeit der Musikfans auch außerhalb ihrer Heimat verdient. Denn die Weltkarte des Progressive Rock ist um einiges größer, als so mancher glauben mag.
Bewertung: 12/15 Punkte


Tracklist:
1. ‚Inside The Gage‘ (11:13)
2. ‚Madness Unforeseen‘ (6:28)
3. ‚Dreamless‘ (2:41)
4. ‚Ignite‘ (8:33)
5. ‚A Place I Go To Hide‘ (9:26)
6. ‚Crowbar Case‘ (10:03)
7. ‚Faceless Man‘ (7:28)
8. ‚Perpetuity‘ (9:53)

Besetzung:
Alain Ibrahim (Gitarre)
Mahmoud Yasine (Keyboards)
Omar El Hajj (Gesang)
Anthony Atoui (Bass)
Sayed Jreige (Schlagzeug)

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Frontiers Music zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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Turbulence – Frontal

von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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