Lake Of Tears – Ominous

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Lake Of Tears – Ominous (AFM, 19.2.21)

© Vladimir Chebakov

(44:22, Digital, CD, Vinyl AFM Records, 2021)
Wir schreiben das Jahr 1995. Paradise Lost, My Dying Bride, und Tiamat, haben mit „Draconian Times“, „The Angel And The Dark River“ und „Wildhoney“ gerade Meilensteine ihres Schaffens abgeliefert. Es ist die Hochphase des Doom & Gothic Metals, als plötzlich, wie aus dem Nichts, mit „Headstones“ der Zweitling der schwedischen Band Lake Of Tears erscheint und in der Szene einschlägt wie eine Bombe. Es ist ein düsteres Album, das aufgrund seiner Killer-Hooklines und Ohrwurm-Melodien gleichzeitig über eine Beschwingtheit verfügt wie keines seiner Konkurrenzalben. Es war wahrscheinlich das zugänglichste Gothic-Album seiner Zeit, doch der ganz große Durchbruch blieb Lake Of Tears dennoch verwehrt. Daran konnten auch die starken Nachfolger „A Crimson Cosmos“ (1997) und „Forever Autumn“ (1999) nichts ändern. Konsequenterweise löste sich die Band dann im Jahre 2000 auf.
Diverse Reunions und Plattenveröffentlichungen später ist von der damaligen Band quasi nichts mehr übriggeblieben, denn streng genommen ist Lake Of Tears im Jahre 2021 nichts anderes als das Soloprojekt des ehemaligen Bandkopfes Daniel Brennare. Und so ist es denn auch kaum verwunderlich, dass die aktuelle Veröffentlichung kaum noch etwas mit den früheren Großtaten gemeinsam hat.

Winter is coming and with it something ominous.
Der Winter naht und mit ihm etwas Unheilvolles, heißt es im Pressetext zum neuesten Album Daniel Brennares. „Ominous“ ist dabei aber nicht nur der Titel des aktuellen Lake Of Tears-Albums, sondern auch dessen musikalische Ausrichtung, denn 2021 ist von der einstigen Beschwingtheit nichts mehr übrig geblieben. „Ominous“ ist ein durch und durch düsteres Album geworden, das Krankheit, Depression und Tristesse atmet. Es ist Daniel Brennares Vorstellung vom Ende der Welt, die er in eine Science-Fiction-Story um einen Kosmonauten und zwei unheilverkündende Monster (‚Ominous One‘ und ‚Ominous Too‘) verpackt hat und welche nur so von melancholischen bis depressiven Klängen durchwoben ist. Es ist ein Album, mit dem Brennare, der an chronischer Leukämie leidet, sein persönliches Schicksal verarbeitet.

Noch am ehesten nach klassischen Lake Of Tears klingt dabei der Opener ‚At The Destination‘, der von kalten, elektronischen Gothic-Beats und verzerrter Stimme eingeleitet wird und anschließend mit einem typisch treibenden Rhythmus weitermacht, den man noch von alten Alben kennt. Doch spätestens die Violinen-Klänge, die zum Ende des Liedes immer stärker in den Vordergrund treten, lassen das Unheil erahnen, welches im Anschluss folgen soll.

Musikalisch erzählt Daniel Brennare seine Geschichte im Folgenden mit Hilfe verschiedener tiefschwarzer Musikstile, die niemals auch nur Schimmer der Hoffnung aufkommen lassen: hoffnungslose Balladen (‚In Wait And In Worries‘), Black Metal-lastige Space-Oddity-Reminiszensen (‚Lost In A Moment‘), Dark Metal (‚Ominous One‘), klassischer Gothic zwischen My Dying Bride und Goethes Erben, doomige Traurigkeit (‚One Without Dreams‘), Post-metallische Soundexperimente (‚The End Of This World‘).

Erst beim fast schon finalen ‚Cosmic Sailor‘ kommt wieder so etwas wie Hoffnung auf, denn es wird von romantisch-träumerischen Klängen getragen, die einen in Erinnerungen an ganz alte Bandzeiten schwelgen lässt und das Album stimmungstechnisch wie musikalisch mit einem Hoch ausklingen lässt.

Als Bonus-Track gibt es noch das abschließende ‚In Gloom‘, bei welchem Daniel Brennare, stark an Tom Waits erinnernd, zu Akustikgitarre und Geige schwelgt.

Am Ende der Platte angekommen wird so mancher Hörer erfreut sein, dass er sich während der dreiviertelstündigen Reise durch düstere Schwärze nicht das Leben genommen hat, denn „Ominous“ ist ein Werk, das gegenüber Scheiben wie „Headstones“ oder „A Crimson Cosmos“ nur schwerlich verdaulich ist. Stimmungsvoll ist „Ominous“ hingegen allemal, jedoch sollte man das Unheilvolle lieben und nicht zu suizidalen Gedanken neigen. „Ominous“ ist also thematisch wunderbar umgesetzt, doch für meinen Geschmack fehlt dem Album eine gewisse Dynamik, welche die erdrückende Düsterkeit erträglicher machen würde.
Bewertung: 9/15 Punkte (FF 9, KR 9)


© Janne Kokki

Tracklist:
1. ‚At The Destination‘ (4:14)
2. ‚In Wait And In Worries‘ (6:47)
3. ‚Lost In A Moment‘ (5:59)
4. ‚Ominous One‘ (2:58)
5. ‚Ominous Too‘ (4:31)
6. ‚One Without Dreams‘ (5:13)
7. ‚The End Of This World‘ (3:53)
8. ‚Cosmic Sailor‘ (7:18)
9. ‚In Gloom‘ (3:33)

Besetzung:
Daniel Brennare (Gesang, Gitarren, Keyboards)

Gastmusiker:
Vesa Kenttäkumpu (Gitarre, Bass)
Christian Silver (Schlagzeug)

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von AFM Records zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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