Juli Kapelle – Synkron?

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Juli Kapelle - Synkron? (Tape + DLC, 2019)(24:23 + 27:56, Tape m. Downloadcode f. Bandcamp, Digital, t&tt, 2019)
Wären wir gerade auf (a-)sozialen Netzwerken wie z.B. einer Facebook-Gruppe zugange, so würde man dies hier vielleicht mit einer Vorwarnung wie “Kein Prog” einleiten – und dennoch natürlich genau dadurch sämtliche Trolle, Oberverdachtsschöpfer, “Die müssen draußen bleiben”-Schubladenfetischisten und Prog-Polizisten auf den Plan rufen. Im noch einigermaßen geschützten Bereich dieser Seiten mag es genügen, sich selbst und andere daran zu erinnern, dass der Autor vor wirklich schon geraumer Zeit über die seit damals stark wertgeschätzte Musik von Juli Kapelle letztlich hilflos befand: “hebt sich so extrem wie erfreulich vom Strom aktueller Veröffentlichungen ab.“

Das letzte Opus vor “Synkron” von der “Kapelle mit zwei Augen” – mithin jener des Kapellmeisters Achim Sauer (vulgo “as“) – scheint “Lichtung” von 2014 gewesen zu sein. Da war es höchste Zeit für ein neues aus dem Ärmel gesampletes As des Meisters. Dafür wühlte er sich selbstvergessen durch die Archive seines 7V-Studios. Wo er schon u.a. für Helmut Hattler (u.a. Kraan), Katharina Franck (u.a. Rainbirds, oder Tom Liwa klanggezaubert hat: “Mischen, sortieren, herausspielen, abhören … SYNKRON sein wäre angebracht,” erläutert er.

Musik eröffnet mir neue Welten und zieht den Schleier weg von neuen Reizen

Zeit für das Geständnis, dass meinereiner nach all den Jahren immer noch nicht besser weiß, wie man so eine putzige, liebenswürdig-verschrobene Musik ordentlich verschubladisieren sollte, bei der Samples nahezu das wichtigste Instrument darstellen. Hierbei füttert der Einsatz von Film-Tonspuren das Kopf-Kino des Filme-Nerds in unnachahmlicher Weise – leider lässt sich as jedoch in aller Regel nicht entlocken, woher die evokativ-magisch ausgesuchten Passagen jeweils stammen. Und dennoch bliebe dies alles wohl nur ein exotisches Sammelsurium, wenn die bis zu sieben Minuten langen Stücke (‘700m unter der Erde’) nicht intensiv gefühlt und unter Verwendung von sparsamen, aber hochmusikalischen Mitteln wie orchestrierten Streicher-Passagen (‘7 Atemzüge), Computer-Beats wie von Der Plan (‘Speisung der Tonader’), Saxophon-Parts wie bei den frühen Camel (‘Speisung der Tonader’), Piano-Riffs oder Gitarren-Licks so stringent zusammengefügt würden, dass die Einzelteile ein faszinierendes, neues Ganzes ergeben. Das durchaus manchmal auch ein wenig beängstigend sein kann, wie bei ’70×7′.

Doch “Musik eröffnet mir neue Welten und zieht den Schleier weg von neuen Reizen”, wie es so schön auf ‘Scheusal’ heißt. Die einfache, aber schöne Melodie im Piano und die gewollt “moderne” Rhythmik könnten so auch von späten Anathema stammen.

Auch ‘Suende’ ist definitiv ein, zwei Fehltritte vom Pfad des üblichen musikalischen Beuteschemas wert, ohne direkt ein ‘Donnerwetter’ zu riskieren, inklusive hervorragend klingenden Wolkenbruchs.

Der großen Joni Mitchell ist es einmal u.a. mit solchen Film-Schnipseln gelungen, in einer Konzert-Einleitung den Ton und die Atmosphäre für alles Folgende zu setzen. Ähnlich arbeitet as hier auch. Das Tolle dabei ist, dass man teils selbst kaum mitbekommt, wie man von den Soundtrack-Puzzlestücken manipuliert wird.

Mit dem ‘Samtspeicher’ klingt das Album samtig-hypnotisch aus. Willkommener Anlass, das Tape noch einmal herumzudrehen.

Also nochmal zurück zum Anfang: “Kein Prog”? Natürlich nicht! Obwohl … sich hier ja durchaus Anlass fand, von Anathema, von Camel gar zu sprechen. Ist aber letztlich alles ganz egal. Entscheidend ist nur, was geschieht, wenn der Hörer in die Juli Kapelle eintritt. Die Tür des Kirchleins steht weit offen…
Bewertung: 12/15 Punkten

Surftipps zu Juli Kapelle:
Homepage
Rezension zu “Lichtung” (2014) auf Gaesteliste.de
as im Kurzinterview auf Gaesteliste.de
Rezension von “Lukubration (Remixe & Kollaborationen)” in Progressive Newsletter 2008
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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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Juli Kapelle – Synkron?

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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