Archive, 31.10.19, Köln, E-Werk

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Man schreibt das Jahr 1990: die beiden Musiker Danny Griffiths und Darius Keeler laufen sich bei der gemeinsamen Arbeit am Track ‘Narra Mine‘ des House- und Breakbeat-Projektes Genaside II über den Weg. Vier Jahre später gründen sie ein Kollektiv namens Archive. Alles weitere ist Geschichte.

Man schreibt das Jahr 2019: Archive veröffentlichen zum 25-jährigen Jubiläum ihres Bestehens eine 43 Lieder umfassende Werkschau namens “25”. Sie zelebrieren diese auf großer Europatournee.

Wie schon auf den Touren zuvor kommt das Kollektiv für ein Gasstspiel in die Domstadt. Das altehrwürdige Mülheimer E-Werk ist nicht ganz ausverkauft; trotzdem scheint die Halle fast bis an ihre Kapazitäten gefüllt zu sein. Mehr Zuschauer im Publikum hätten womöglich beim einen oder anderen zu Beklemmungsgefühlen geführt.

Die Support-Band October Drift wird von vielen der zahlenden Gäste verpasst, da sie schon eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn des Konzertabends auftritt. Leider kann auch ich den Sound der Britischen Drone-Band nur von außerhalb des Gebäudes erahnen.

Archive sind für halb neun angekündigt, doch schon wenige Minuten zuvor wird ihr Auftritt durch eingespielte Soundfragmente eingeleitet. Was in den nächsten knapp 145 Minuten folgt, gehört zu den besten Live-Erlebnissen der letzten Jahre. Archive begeistern sowohl durch ihre fulminante Lightshow, als auch durch den glasklaren Sound, ihre Bühnenpräsenz sowie die karriereumspannende Songauswahl das Publikum bis in die letzten Reihen.

Der Frontteil der Bühne wird von den beiden Sängern und Gitarristen Dave Pen und Pollard Berrier eingenommen. Beide sind neben der immer wieder dazustoßenden Maria Q Gesicht und Stimme des Kollektivs.

Eingerahmt werden die drei von den beiden Masterminds des Projektes: Danny Griffiths und Darius Keeler. Die beiden haben seitlich der Bühne hinter ihren Keyboards und Synthesizern Platz genommen, so dass sie das Geschehen auf und hinter der Bühne jederzeit beobachten und dirigieren können.

Weietere Musiker an Gitarre, Bass und Schlagzeug befinden sich im Hintergrund des Geschehens und treten optisch im Laufe des Abends kaum in Erscheinung. Vermisst wird auf der Bühne allerdings eine Person: Rosko John. Der MC des Kollektivs ist auf dieser Tour leider nicht dabei, so dass die Rap-Einlagen des Abends von Maria Q und Pollard Berrier übernommen werden müssen.

Die Setlist des Abends lässt kaum Wünsche offen, lediglich die beiden letzten regulären Studioalben “Restriction” (2015) und “The False Foundation” (2016) sowie das 1996er Debütalbum “Londinium” werden vernachlässigt. Allerdings war schon vor Beginn der Tour klar gewesen, dass Archive keine 25 Songs umfassenden Konzerte spielen würden, wie sie es noch im Frühjahr bei zwei Auftritten in Nantes und Boulogne-Billancourt getan hatten. Was dagegen vor Beginn des Abends nicht klar war, das war die Songauswahl, da die in London beheimatetet Formation diese Tag für Tag neu gestaltet.

Eingeleitet wird der Abend vom Titelstück des 1999er Trip Hop-Albums “Take My Head”, welches vom Publikum frenetisch gefeiert wird. Der erste große Hit der Band folgt im direkten Anschluss: ‘Fuck You’. Ein Song für die Ewigkeit! Dies wissen nicht nur Placebo, die das Lied vor zehn Jahren gecovert haben, sondern natürlich auch alle Anwesenden, die an den passenden Stellen lauthals mitsingen.

Es folgen Lieder aus fast allen Schaffensperioden, so dass musikalisch so verschieden Stile wie Trip Hop, Progressive Rock, New Artrock, Alternative, Soundtrack, Shoegaze, Electronica und Hip Hop nicht nur dageboten, sondern miteinander verschmolzen werden. Technische Versiertheit, eingängigen Melodien, sphärische Klanglandschaften und tanzbaren Rhythmen werden an diesem Abend zu einer Einheit. Keiner scheint diese Mischung heute mehr zu genießen als Darius Keeler selbst. Tanzend und wild mit seinen Händen gestikulierend erinnert sein Gebaren an jenes eines DJs hinter seinen Turntables. Gute Laune, die ansteckt. Man merkt, dass Keeler seine Musikerkarriere mit House-Musik begonnen hat.

Der Schwerpunkt des Abends liegt übrigens nicht auf Archives neuen Songs, die auf “25” veröffentlicht worden sind, sondern vielmehr auf dem Progressive-Rock-Meilenstein “Controlling Crowds”. Ganze sieben Lieder des Doppelalbums werden im Laufe des Abends dargeboten. Als das reguläre Set dann mit den Songs ‘Collapse/Collide’ und ‘Controlling Crowds’ zu Ende geht, sind fast schon zwei Stunden vergangen.

Archive sind kaum von der Bühne verschwunden, als sie schon wieder zurückkehren. Wer heute Abend auf den Longtrack ‘Lights’ gehofft hatte, der wird enttäuscht: der Song wird gegen das eher unbekannte aber grandiose ‘Bridge Scene’ vom “Michel Vaillant”-Soundtrack eingetauscht, ehe es mit dem Klassiker schlechthin zu Enbde geht: die letzten gut 15 Minuten des Abends zelebrieren die Musiker ihren Über-Song ‘Again’ vom 2002er Album ‘You All Look the Same to Me’. Erinnerungen an Pink Floyd werden wach. Das Publikum lauscht mit offenen Mündern. Eine grandiose mesmerisierende Darbietung.

Als Archive dann gegen 22:45 Uhr endndgültig die Bühne verlassen, ist im Publikum praktisch ein jeder glückseelig. Was für ein Abend!!!

Vielen Dank für die Bearbeitung der Live-Fotos an: Inga Fischer!

Setlist:
Archive

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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

1 Kommentar

  1. Avatar

    Hallo,

    Ja, kann deine Beschreibung dieses Konzertes absolut nachvollziehen. Ich habe allerdings auch Rosko vermisst, aber irgendwo müssen sie ja ihr Programm straffen. Dennoch kann man der Setlist nur eine 1 attestieren. Was die Lightshow betrifft, bin ich noch bis heute etwas geflasht, denn die war definitiv Spitzenklasse. Da ich ansonsten meistens nur progressive Rockmusik höre und auch in die entsprechenden Konzerte gehe, bin ich in diesem Segment nicht verwöhnt 😉

    Gruß von der Mosel, deiner alten Heimat

    Marc

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Archive, 31.10.19, Köln, E-Werk

von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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