Bent Sæther, Motorpsycho, über “The Crucible”

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Game Of Mellot(h)rones

Motorpsychos turmhohe Leistung mit dem 2017er Album “The Tower” sowie dessen Live-Vorstellung hallen noch gut nach, da erscheint bereits der schon rein optisch Nähe signalisierende Nachfolger “The Crucible” am Horizont (15.02.19 via Psychobabble/Stickman/Soulfood). Carsten und Klaus wollten näheres wissen, Bent Sæther konnte helfen.

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“The Crucible” besteht aus grade mal drei monumentalen Longtracks. Ist Euer neues Motto “shorter may be sweeter but longer is stronger?

(lacht) Das vielleicht nicht ganz, aber da ist trotzdem etwas dran! Wir haben erheblich mehr Stücke aufgenommen als die, die auf dem Album gelandet sind. Aber alle anderen waren mehr wie traditionelle “Songs” aufgebaut und fühlten sich zumindest in diesem Kontext wie Füllsel an. Also entschieden wir uns, sie wegzulassen und dieses Album sozusagen auf die Kernelemente zu konzentrieren. Ein “normaler” Song transportiert nicht genau so viel Impetus wie diese Dickschiffe. Das kann man nicht verallgemeinern, aber für dieses Album hat es unserer Meinung so besser hingehauen.

Motorpsycho - The Crucible (Stickman/Soulfood, 2019)

Trotz der Laufzeiten haben alle drei Stücke das Zeug zu Singles – kompositorisch jedenfalls. Werdet ihr einen oder sogar mehrere davon in Drei-Minuten-Hits kondensieren? Falls ja, wie könnte das gehen?

Tatsächlich denke ich ja, dass die drei alle grade richtig geworden sind, so wie sie sind, also nein, das ist nicht vorgesehen. Aber auf der anderen Seite – es stimmt schon, sie fühlen sich auch alle drei ganz “natürlich” (im Gegensatz zu künstlich aufgebläht, gezwungen) an und sind teilweise sogar catchy – also vielleicht sollten wird doch… Irgendwelche Tipps?

‘Psychotzar’ vielleicht, mit einem fade nach 2:10?
Wie auch immer, man kann sich kaum eine Band vorstellen mit einer derartigen Veröffentlichungsfrequenz von qualitativ großartigen Alben. Wie schafft Ihr das bloß? Gibt es nie eine Art von Schreibblockade oder zumindest eine Verlangsamung der kreativen Prozesse, die Angst, sich irgendwann doch nur zu wiederholen?

Erst einmal: Danke, dass Ihr das so seht! Wir versuchen, unser Bestes zu geben (lacht).
Aber ganz im Ernst: Nein, das Problem haben wir eigentlich nicht. Unser Trick ist, nichts zu bewerten oder zu bekritteln was wir schreiben, bis der ursprüngliche Impuls dazu nicht verwirklicht ist und die Idee zu Ende gedacht.
Denn selbst wenn es sich in dem jeweiligen Moment vielleicht nicht perfekt anfühlt, wird das vielleicht später sehr wohl der Fall sein. Ich glaube, dass es eigentlich kaum “schlechte Ideen” an sich gibt, sie brauchen nur den richtigen Kontext, um gute Ideen zu werden.
Wenn man so arbeitet, fängt man an, allen Seiten des musikalischen Ichs mit gleicher Ernsthaftigkeit zu begegen. Mein Gefühl ist, dass genau dadurch die musikalischen Ideen auch natürlicher fließen und auf jeden Fall nicht durch zu viel “Schere im Kopf”, Eigenzensur und zu enge stilistische Achtsamkeitsfenster beschnitten werden. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu abgehoben!
Mein Punkt ist: ich glaube nicht an gute oder schlechte Musik, also schreibe ich sie für jeden Kontext, der sich noch ergeben mag und warte ab, bis es irgendwann einmal vielleicht passt!

Wie sieht Dein Workflow beim Schreiben ganz konkret aus?

Das ist denkbar einfach und tatsächlich einigermaßen standardisiert: Ich hänge mit einer Gitarre auf dem Schoß vor der Glotze und dudele rum bis ich etwas Hörenswertes höre, das nehme ich dann mit dem Smartphone auf und dudele weiter bis ich mich dabei entweder verliere oder eine Ergänzung oder Erweiterung zu der ersten Idee finde. Dann nehme ich das auch auf, bringe beides mit in den Probenraum und probiere es mit den Jungs aus und wir schauen, wie es sich anfühlt, ob es vielleicht zu irgendetwas Halbfertigem passt oder eben auch gar nicht. In jedem Falle dokumentieren und speichern wir es dann auf Festplatte für den Zeitpunkt, wo es vielleicht gerade das perfekt passende Teilchen abgibt – und so geht das jahrein, jahraus (lacht).

Man kann vermutlich sagen, dass alle langjährigen Fans die Unterschiede feststellen konnten, die sich in Eurem Sound durch den Wechsel von Kenneth zu Tomas ergeben haben…

Also wenn sie Ohren haben, dann sollten sie das jedenfalls festgestellt haben! Das Gute ist, dass das Feedback zu diesem Wechsel überwiegend positiv ausgefallen ist.
Tomas ist ein sagen wir mal vielseitigerer Schlagzeuger als KK. Und wenn wir sonst nichts sind, dann doch vielseitig, also passt das schon mal richtig gut. Er spielt sowohl Stücke aus der Geb– (‎Håkon Gebhardt) wie auch KK-Ära mit gleicher Finesse und Geschmack. Er hat bis zum letzten Sommer gebraucht, um seinen eigenen Platz in unserer Musik zu finden. Aber jetzt hat er das und gibt ihr wirklich einen weiteren Kick. Also ich liebe einfach, was er auf “The Crucible” macht und hoffe, alle anderen auch!

Ich habe Euch schon mit Ståle Storløkken, Kristoffer Lo und Reine Fiske auf der Bühne gesehen. Wie wirken sich derartig großartige, aber komplett unterschiedliche Partner auf das Live-Erlebnis aus?

Jeder von ihnen hat etwas anderes zu unserer Musik hinzugefügt. Jeder hat eine hochgradig individuelle Stimme in seiner eigenen Musik, also ist keiner der Genannten ein austauschbarer vierter Bühnensklave im Hintergrund, sondern sie waren gleichrangige Partner im künstlerischen Verlauf dieser Auftritte. Wir finden ihren Input in vielerlei Hinsicht stimulierend. Und der Umstand, dass mal der eine und mal der andere dabei war, hat es zumindest für uns frisch und aufregend bleiben lassen.
Die meisten der Stücke von “The Tower” haben sind einen wirklich spannenden Prozess durchlaufen und haben sich dabei teils stark verändert – das ist eine gute Sache.
Wir lieben alle die Genannten sehr und sind wirklich dankbar, dass sie Lust haben, mit uns zu spielen!

Ich hatte das Glück, Euch schon über zehn Mal in den letzten Jahren live erleben zu dürfen. Aber der Auftritt letztes Jahr war der Heftigste, den ich je erlebt habe. Beispielsweise bei ‘The Wheel’ hätte man Euch teilweise auch für eine Black oder Pagan Metal Band halten können, zumindest von den Klangfarben. Und zwar für eine verdammt gute. Wie kam das?

Hm… Also, KK hat sich meiner Meinung nach nie so richtig in den Groove von ‘The Wheel” und einigen anderen der Stücke der Geb-Ära eingefühlt, also haben sie irgendwann auch live kaum noch stattgefunden. Tomas hingegen “liegen” sie einfach, insofern haben wir sie jetzt wieder hervorgeholt. Und dieser alte Kram hat vielleicht mehr Pagan- oder Black-Elemente – möglicherweise hast Du darauf reagiert?

Ich habe da nie wirklich viel drüber nachgedacht, aber das Mellotron ist über die Jahre tatsächlich zu einem wichtigen Bestandteil unseres “Vokabulars” geworden.

Mellotron-Sounds scheinen bei Euch über die Jahre immer wichtiger zu werden – was bedeutet diese Ansammlung steinalter Samples und Klangfarben für Euch?

Letztlich ist das Mellotron ein Sampler, nicht? Nur dass alle Sounds darauf vor 50 Jahren auf Tape aufgenommen wurden und daher eine bestimmte Klangfärbung und Tonqualität haben, die wiederum eine dezidierte Stimmung hervorruft. Und irgendwie passt genau das perfekt zu unserer Musik! Ich habe da nie wirklich viel drüber nachgedacht, aber es ist über die Jahre tatsächlich zu einem wichtigen Bestandteil unseres “Vokabulars” geworden. Vorgekommen ist es immer, seit ’94, aber inzwischen ist es durch Digitaltechnologie perfekt verfügbar und vor allem transportabel geworden – eine klassische Win/Win-Situation!

Schon 2002 hattet ihr eine Kooperation mit den Bläsern von Jaga Jazzist. Nun hat der großartige Lars Horntveth auf ‘Lux Aeterna’ mitgewirkt. Besteht auch nur der Schatten einer Chance, dass wir ihn als Special Guest auf Eurer nächsten Tour erleben können?

Also wenn irgendjemand das Geld aufbringen kann, dass wir dafür brauchen würden, dann total gern! Tatsächlich arbeiten wir gerade mit ihm an neuem Material, insofern werdet Ihr definitiv noch mehr von ihm mit uns zu hören bekommen. Aber wieviel davon auf Tour stattfinden wird, das weiß ich leider nicht. Wir werden sehen. Auf jeden Fall ein toller Typ und großartiger Musiker!

Die Presse-Info betont mehrfach, dass “The Crucible” was “more focused and concise” sei als “The Tower”. Das finde ich nicht unbedingt nachvollziehbar. Tatsächlich war “The Tower” für mich eine Eurer beeindruckendsten Leistungen bezüglich Melodik, Zugänglichkeit und Wiederkennbarkeit seit vielleicht sogar “Blissard”.
Auch wenn das eine sehr persönliche Einschätzung ist, war es doch toll zu erleben, wie die Fans das Titelstück ‘The Tower’ live sehr textsicher und voller Inbrunst mitgesungen haben. Wie seht Ihr das?

Hm, ich schätze, der Autor des Waschzettels Bob LeBad hat eigentlich “Maßstab” gemeint, also dass es sich nicht um ein riesiges Doppel-Album mit einer Vielzahl von Stilen darauf handelt, sondern “nur” um drei Stücke von einer stilistisch recht homogenen Art.

Ihr habt in Wales aufgenommen – warum?

Weil unser Produzent Container voller Instrumentarium, Verstärker, Effekte usw. dort hin verschifft hat. Und da relativ bezahlbar arbeitet!
Außerdem ist das Studio der Ort, wo Ozzy & Co. “Blizzard of Ozz” und “Diary of a Madman” aufgenommen haben, also warum sollten wir nicht dort arbeiten, wenn wir die Chance bekommen?

Co-Producer waren Andrew Scheps (e.g. Adele, Red Hot Chili Peppers, Ziggy Marley) und Helge Sten aka Deathprod. Wieso genau die? Wie waren ihre Rollen verteilt?

Andrew hatte ja bereits unsere letzten Live-Alben gemischt und war wirklich begierig, einmal mit uns ein Studio-Album von Anfang zu machen. Helge hatte auf diesen Live-Alben schon gut mit ihm kooperiert und wir alle haben uns gut miteinander verstanden.
Wir haben ihnen einen ganzen Stapel Ideen geschickt, sechs oder sieben davon aufgenommen, fünf davon finalisiert und am Ende drei davon auf das Album gepackt.
Andrew hatte die Rolle des Toningenieurs, aber beide haben an Sounds zusammengearbeitet und diskutiert, während die Band sich um die Musik selbst gekümmert hat. Allerdings hatten wir die Demos schon ziemlich detailliert ausgearbeitet und wussten, was wir wollten. Insofern war es ein angenehmer Prozess.
Es ist eine reine Freude mit beiden zu arbeiten und, naja, das Ergebnis spricht ja für sich!

Thank you for the music!
Cheers!

Surftipps zu Motorpsycho:
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Interview: Bent Sæther, Motorpsycho, on “The Tower” (2017)
Interview: Bent Sæther zu „Here Be Monsters“ (german)
Interview: Bent Sæther zu „Here Be Monsters“ (english)
Konzertbericht, 28.04.16, Köln, Stollwerck
Konzertbericht, 19.06.14, Düsseldorf, Zakk
Konzertbericht, 04.08.12, Bad Doberan, Zappanale
Interview m. Bent zu “Behind The Sun” (Empire Music No. 105):
Interview w/ Bent Saether, Motorpsycho
Bent Sæthers Top Five Songs (All Time Favs)
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Fotos: Terje Visnes

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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Bent Sæther, Motorpsycho, über “The Crucible”…

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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