Dictaphone – APR 70

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(40:52, CD, Denovali Records, 2017)
Wenn er nicht gerade abstrakt-minimalistische Soundgleichungen bei seinem Projekt Swod auflöst, werkelt der Berliner Produzent Oliver Doerell an Ballettproduktionen oder dem Lounge-affinen Downtempo von Raz Ohara And The Odd Orchestra. Doch dann gibt es da auch noch Dictaphone, seine Kollaboration mit dem Multiinstrumentalisten Roger Döring, die bis ins Jahr 1998 zurückreicht. Das Debüt “M. = Addiction” erschien 2002, könnte aber genauso gut morgen erst aufgenommen werden, klingt es mit seinen pittoresk urbanen Arrangements doch selbst unter aktuellen Bedingungen bemerkenswert zeitlos. Den Schlüssel zu dieser Zeitlosigkeit fand das Duo damals wie heute in der Reduktion der Mittel auf wesentliche harmonische und klangliche Kompromisse – im Sound von Dictaphone gerät die Kunst des Weglassens zu einem Kondensat von Stimmungen, die im Nebel liegen.

Ob “APR 70” nun bedrohlich oder traurig, düster oder herbstlich wirkt, kommt hierbei wohl auf das Setting an, in dem das Album genossen wird. Gemein ist Stücken wie dem in sich vergessenen ‘105.4’ oder ‘Sanatorium Pod Klepsydra’ (gewidmet dem polnischen Kult-Regisseur Wojciech Has) eine untrügliche Sensibilität für die richtigen Tonlängen, für erfüllende Pausen und die Balance eines instrumentalen Anschwellens und Abklingens, dem Ausreißer nicht gestattet sind. ‘Lofi Opium’ und ‘Seance’ machen dahingehend bereits im Titel klar, was hier programmatisch zu erwarten ist – eine Lo-Fi Opium-Seance? Könnte man so sagen. Besonnen lassen Doerell und Döring diesen von Klarinetten, Saxophonen und präziser Elektroakustik durchwobenen Ambient in exzentrische Fernen säuseln und schaffen mit “APR 70” ein Glanzstück moderner Kammermusik.

In seiner kunstvoll verzierten Gleichförmigkeit erinnert der Ansatz von Dictaphone dabei nicht selten an Kollegen wie das Kammerflimmer Kollektief oder die Necks. Auch diese Klangtüftler setzen Entschleunigung und Reduktion als wirkungsvolle Verdichter von Atmosphären ein, kompositorisch ebenso schlüssig wie mitreißend – oft schon durch das Variieren scheinbar nebensächlichster Details.
Bewertung: 13/15 Punkten (KR 12, NS 13)

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Über den Autor

Nils S.

Freier Musikjournalist und Texter, Kulturpessimist und Waldgänger. Unter anderem redaktionelle Engagements für Intro, hhv-mag.com, BetreutesProggen, Reeperbahn Festival, NONPOP und diverse Künstler.

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Dictaphone – APR 70

von Nils S. Artikel-Lesezeit: ca. 1 min
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