Major Parkinson – Blackbox

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Major Parkinson - Blackbox (Cover © Degaton/Karisma)(47:36, CD, Digipak, Degaton Records/Karisma Records/Soulfood, 2017)

The Circus is over and Tom waits somewhere else

Schon das dunkel gehaltene Artwork des liebevollst gestalteten Digipaks lässt vermuten, dass die Norweger Major Parkinson auf ihrem vierten Album einen erneuten stilistischen Sprung machen werden, und die Vorabtracks ‚Madeleine Crumbles‘ und ‚Blackbox‘ zeigten auch sehr deutlich, dass sich das Septett, welches sich einen ganzen Bus voller Gastmusiker*innen ins Studio geholt hat, in noch dunklere Gefilde bewegt. Und auf Albumdistanz darf man feststellen: Die Zirkusjahre, die beim dritten Album „Twilight Cinema“ zumindest im dort abschließenden Titeltrack noch einmal auflebten, sind nun endgültig vorbei. Auch hat man die Tom Waits-Gedächtnissongs und -passagen diesmal in der Schublade gelassen – es bleibt bestenfalls bei vereinzelten Flöckchen, die sich hier und dort noch finden mögen.

Man kann durchaus sagen, dass der doch krasse Stilbruch zwischen den beiden ersten Alben „Major Parkinson“/“Songs From A Solitary Home“ (die zwischen doch noch recht freaky, rock’n’rollig, teilweise gar albern und dann wieder melancholisch hin- und her pendeln) und „Twilight Cinema“ (welches eine düsterere Grundstimmung hat, aber auch deutlich verspielter, experimenteller und auch progressiver ist) bei weitem nicht so groß ist, wie der von „Twilight Cinema“ hin zu „Blackbox“.

Veränderung, scheibenweise verwortlicht

Zwar sind Song-by-Song-Reviews für den Verfasser dieser Zeilen eigentlich ein Unding, doch fällt es ihm schwer, bei diesem einmal mehr vielseitigen Album, das voller akustischer und bildhafter Eindrücke steckt, ein anderes Schema zu wählen – und so gibt er dem inneren Widerstand nach und drückt die Play-Taste im Kopf.

Schon der die schwarze Kiste eröffnende Track ‚Lover, Lower Me Down!‘ offenbart eine Neuerung im Sound der Nordeuropäer: Synthesizer – und zwar in einer Form, die man sowohl als retro als auch als futuristisch interpretieren kann. Trotz seiner fast fünf Minuten ist jene Komposition eigentlich eher ein kaskadierendes Intro, das minimalistisch beginnt – beschwörendes, ruhiges, synkopierendes Schlagzeug, ein an den Korg Polysix erinnernder Synthie und Jon Ivar Kollbotns dunkle Stimme lassen den Hörer in das Album gleiten, und von Phase zu Phase schleichen sich unterschwellig Gitarren, Bass, Streicher und Chorstimmen ein – bis das Ganze in ein beinahe Schulze-/Morricone-/Zimmer-artiges Finale mündet. Auch das rhythmusbetontere ‚Night Hitcher‘ baut sich ähnlich auf, zeigt sich dann aber schon deutlich verschachtelter und ausufernder und hat eine nahezu astrale Note. Doch schon bei diesen Songs fällt auf, dass sich Major Parkinson eine Konstante bewahrt haben: Sie geben nicht viel auf Melodiebögen, die nur zwei bis vier Takte lang sind, auch die typischen Strophe/Bridge/Refrain-Strukturen sind ihnen völlig schnuppe. Sie geben ihren Arrangements die Zeit, die selbige brauchen, und auch die Melodien dürfen sich frei entfalten.

Das wunderschöne, praktisch nur von Klavier und Stimme getragene Interludium ‚Before The Helmets‘ lässt träumen und überrascht mit einer weiteren Neuerung im majorparkinsonschen Klangkosmos: Dem Selbstzitat. Denn den Refrain dieses kleinen Stücks werden wir später noch hören. Und so geschieht es noch mit einigen Melodiebögen, Themen, Rhythmen oder Basslinien. Und was die Band auf dem vorhergehenden Album mit ‚The Wheelbarrow‘ begonnen hat, führt sie mit ‚Isabel: A Report To An Academy‘ weiter, nämlich, überlange, epische, progressive und wahnsinnig spannende, wechselhafte Songs zu schreiben, die trotz ihrer Ereignisdichte stets einprägsam bleiben. Und so neu das alles anmuten mag, so vertraut wirkt es dennoch – nach fast zehn Minuten detoniert der Song dann in einer Noise-Attacke, bevor wir mit ‚Scenes From Edison’s Black Maria‘ auf einen Enya-esken Trip mitgenommen werden.

Der wohl eingängigste Song dürfte die Vorabsingle ‚Madeleine Crumbles‘ sein. Mit leicht gebremstem, treibendem Midtemporhythmus, Streichern, Xylophonen, pluckernden Synthesizern, verhaltenen Gitarren (die ohnehin albumübergreifend kaum noch dominieren) und Jons fast geflüsterten Strophen erscheint der Song zuerst nahezu klaustrophobisch, um dann mit einem wunderschönen, von Linn Frøkedal gesangsveredelten Refrain und ozeanweiten Keyboardflächen für ein angenehmes Kribbeln auf der Haut zu sorgen, in kleinen Wellen, ähnlich denen, die sich kreisförmig nach außen tragen, wenn man ein Steinchen in einen stehenden See wirft. Sowieso ist es äußerst erfreulich, dass Frau Frøkedal auf diesem Album sehr präsent ist und neben Kollbotn mittlerweile in den Credits ebenfalls mit „Lead Vox“ verzeichnet wird. Denn auch sie ist es, die den „neuen“ MP-Sound nicht unwesentlich mitprägt. Und das wie selbstverständlich.

Doch wer glaubt, dass die Band bereits ihr kreatives Pulver verschossen hat, darf sich auf das über zehn Minuten lange Monster ‚Baseball‘ freuen, das einerseits als Progressive-Epos durchgehen könnte, aber auch als Mini-Musical. Zudem passiert einerseits, gerade stilistisch, so unglaublich viel in diesem Track, andererseits lebt er von einer seltsamen Art der Repetitivität, denn man könnte diverse Teile des Songs einfach an eine andere Stelle setzen – es würde passen und würde noch immer kompositorisch Sinn ergeben.

Nach dem ruhigen, sich emotional immer mehr aufbauenden kurzen ‚Strawberry Suicide‘, einmal mehr ein sehr auf Jon Ivars Stimme zugeschnittenes und nur von Klavier getragenes Stück, rollt das Album mit dem Titeltrack angenehm relaxt aus und hat in seiner Breite zum Ende hin fast schon Kinofilm-Abspanncharakter, bevor sich die „Blackbox“ wieder schließt und nichts als Stille hinterlässt. Stille, die das Gehörte reflektiert wissen will – oder die mit einem weiteren Hördurchgang beiseite gespült werden möchte.

Von der Tanzfläche in den Ohrensessel

War die Musik der experimentierfreudigen Band trotz ihrer bereits in den Anfängen präsenten, manchmal auf subtile Weise melancholischen Note bislang zumindest stellenweise bestens dafür geeignet, die Gliedmaßen verzückt zucken zu lassen, so ist „Blackbox“ vor allem eines: Ein Album, das einen zum darin treiben lassen einlädt. Ein Zuhöralbum. Ein Album, für das man sich in den Ohrensessel setzt, die Augen schließt und es genießt. Und bei dem man ebenjene Augen gelegentlich aus Verwunderung immer wieder kurz öffnet.

Man könnte nun etwas von Neuerfindung und Selbsttreue salbadern, doch würde es nicht viel besser passen, wenn man der Band eine „flexible Identität“ bescheinigt? Denn so extrem anders das vorliegende Album klingt, so erkennt man doch sofort, wer hier die Instrumente und Mikrofone bedient. Major Parkinson sind ähnlich wandlungsfähig wie die Darsteller der Charaktere in Tim-Burton– und David-Lynch-Filmen oder etwa Jack Nicholson, Edward Norton und so manch andere hochkarätige Miminnen und Mimen.

Noch weniger Rock-Elemente, noch weniger konventionelle Songstrukturen, dafür mehr Progressivität, noch mehr Dream Pop, noch mehr künstlerische Freiheit mit noch mehr Farbtupfern und noch mehr Mut beim eigenen Tun – das ist das, was die Norweger 2017 auszeichnet.

„Bigger on the inside“ – ist die „Blackbox“ eine klanggewordene TARDIS?

Hinzu kommt, dass diese musikalischen Freigeister mit „Blackbox“ das wohl in sich geschlossenste Album ihrer Karriere aufgenommen haben, was durch das erwähnte Aufgreifen verschiedener kompositorischer Elemente unterstrichen wird. Es ist – ganz anders als so manche Konzeptalben (ist „Blackbox“ überhaupt eines?) – ein Kunstwerk, das, gespickt mit einer Unmenge Details, von denen man so manche erst nach endlos vielen Durchläufen entdeckt, runder und durchdachter kaum möglich ist.

 

Es mag gut sein, dass sich Liebhaber der ‚alten‘ Major Parkinson, die bereits mit „Twilight Cinema“ Probleme hatten, auch mit dem vierten Vollzeitsonggebinde nicht warm werden, doch diese Band war noch nie eine, die versucht, Erwartungen gerecht zu werden. Eher ist sie eine Gruppe musikalischer Individuen, die aus ihrer kreativen Energie im Zusammenspiel mit ihrer Unberechenbarkeit ihre Ideen schöpft, „einfach macht“, ohne Formeln. Eine, die in kalte, unbekannte Gewässer springt und ihre Zuhörer mit in das unerforschte Nass zieht. Schwimmen muss jeder selbst. Wem die Gewässer zu weitflächig sind, der wird mit Händen und Füßen zurück ans sichere Ufer schwimmen und der Formation den Rücken kehren. Die Abenteuerlustigen schwimmen mit den Bergenern noch weiter raus, ins Meer der Klänge – um gemeinsam die Entdeckungen zu genießen.

Major Parkinson reichen Dir die Hand, und es liegt an Dir, diese Einladung zu einem weiteren Abenteuer anzunehmen.
Bewertung: 14/15 Punkten (GH 12, CP 14, KR 12)

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Über den Autor

Chris Popp

Wurde 1974 in Mannheim geboren, wuchs in Heidelberg auf, lebte 16 Jahre lang in Nordhessen, bevor es ihn mit der Familie 2017 nach Berlin zog. Musikalischer und literarischer Fast-alles-Fresser. Mag den musikalischen Hirnfick aber am liebsten hart. Ansonsten Betreiber von booknerds.de - literatur und mehr.... Schrieb früher für musikreviews.de, Legacy, Multimania, metal.de, Tinnitus Mag, Blooddawn, Scarred for Life und noisyNeighbours.

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Major Parkinson – Blackbox

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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