Marco Minnemann u.a. zu „Borrego“

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»Die Chemie muss stimmen!«


Marco Minnemann gilt gemeinhin als Hansdampf in allen Gassen. Seine Karriere begann der Hannoveraner immerhin bei den Freaky Fuckin Weirdoz sowie den H-Blockx. Mit den Illegal Alliens gründete der Schlagzeuger Mitte der 90er seine erste eigene Band und offenbarte hier schon eine Vorliebe für den Progressive Rock. Dieser wurde ein wichtiger Eckpfeiler seiner Karriere, die ihn als Live-Drummer auch in die Bands von Nena, Udo Lindenberg, Mike Keneally sowie zu Kreator(!) brachte.

Da wären aktuell erst einmal The Aristocrats, die er zusammen mit Guthrie Govan (GPS, Steven Wilson, Asia) und Bryan Beller (Steve Vai, Dzweezil Zappa) 2011 gründete. Es waren aber vor allem seine Gastspiele bei Steven Wilson („The Raven That Refused To Sing“, „Hand. Cannot. Erase“) und Joe Satriani („Shockwave Supernova“), die Marco Minnemann in der progressiven Rockszene etablierten.

Und welcher Drummer kann sich aufs Revers heften, schon einmal bei Dream Theater vorgespielt zu haben?! Dass es dort nicht mit einer Anstellung klappte, lag nicht am Talent des Ausnahmeschlagzeugers, sondern war der Prämisse geschuldet, dass dieser sich mit Haut und Haaren der Schneller-/Höher-/Weiter-Gniedelfraktion des Prog hätte verschreiben müssen. Und so weit ging die Liebe dann doch nicht (aber vgl. immerhin Levin Minnemann Rudess – From The Law Offices Of Levin Minnemann Rudess aus dem Jahr 2016).

Schließlich kann sich Marco über Mangel an Aufträgen nicht beklagen. So hob er mit Nick Beggs (Kajagoogoo), seinem Buddy aus der Steven Wilson-Band, und mit Roger King (Steve Hackett) ganz nebenbei The Mute Gods aus der Taufe.

Wobei er aber immer noch die Zeit hat, sich auf solistische Art und Weise zu profilieren. Erst letztes Jahr veröffentlichte der Tausendsassa seine Solowerke „Above The Roses“ sowie „Schattenspiel“. Und nun musste es mit „Borrego“ gleich ein Doppelalbum sein. Und zwar eines, das mit Gastmusikern wie Joe Satriani sowie Alex Lifeson (Rush) auftrumpft,. Auf den dort zu hörenden zwei Stunden lässt der Musiker (fast) alle Stationen seiner mittlerweile schon 25-jährigen Karriere Revue passieren. Hardrock, Prog, Semi-Metal, Artrock und fast schon poppige Sequenzen fügen sich zu einem Werk zusammen, das der Multiinstrumentalist und Produzent (fast) im Alleingang einspielte und mit dem er einmal mehr zeigt, warum er zu den gefragtesten Schlagzeugern weltweit zählt.

Marcon Minnemann "Borrego" (2017), feat. Joe Satriani u. Alex Lifeson
Marco, was führte zu diesem (fast schon) Opus Magnum mit einer Spielzeit von zwei Stunden? Und war  kompliziert, das reichhaltige Material zu selektieren und Teile davon auszumustern?

„Borrego“ ist ein Album mit einer Story über die genannte Wüstenlandschaft und die Songs machen alle Sinn, sie funktionieren quasi als Soundtrack. Demnach und in Abstimmung mit der Plattenfirma Lazy Bones für dieses Release wurde das Album komplett veröffentlicht.

Wie läuft das Songwriting bei einem Drummer – sicher ist auf „Borrego“ wieder die Intention (hörbar) auf Schlagzeug ausgelegt? Ist die Basis für einen Song bei dir also ein Schlagzeug-Groove oder doch eine Melodie?

Ich hatte in meiner Kindheit mit Orgel angefangen und ein wenig später mit Drums und Gitarre weitergemacht und mich quasi darauf letztendlich ‚spezialisiert’. Die meisten Songs fangen eigentlich mit einer Gitarre oder einem Keyboard an, also mit Akkorden und Melodie. Drums kommen meist zum Schluss. Aber hier und da fällt auch mal ein Groove runter, über den dann was geschrieben wird.

»Mein Lieblingsbands sind Queen, Frank Zappa, Led Zeppelin …, aber auch Judas Priest, Slayer oder Kraftwerk«

Platz eins in den Hardrock-Charts von Amazon, wow! Siehst du „Borrego“ selbst in dieser Schublade?

Stimmt, das war witzig. Aber das finde ich eigentlich cool, da meine Roots definitiv im Rock und Metal verankert sind. Meine Lieblingsbands sind Queen, Frank Zappa, Led Zeppelin …, aber auch Judas Priest, Slayer oder Kraftwerk. Also das ist schon okay mit den Hardrock-Charts. Immerhin sind ja Songs wie ‚Sandstorm‘, ‚The Healer‘ und ‚Hometown‘ drauf, die in diese Richtung tendieren.

Wir konntest du Alex Lifeson und Joe Satriani für deine Produktion gewinnen beziehungsweise begeistern?

Nun, mit Joe spiele ich ja bereits seit fünf Jahren und ich habe ihm die Tracks vorgespielt. Er fand sie ziemlich gut und da habe ich ihn einfach gefragt. Immerhin hat er dann auf vier Songs meines Albums mitgespielt. Es existiert ein sehr freundschaftliches musikalisches Verhältnis zwischen uns. Und da kommen dann eigene gute Sachen dabei heraus. Alex wurde von meiner Plattenfirma angeschrieben. Er hat gleich geantwortet und meinte, dass ihm meine Arbeit mit den Aristocrats immer gefallen hat. Und so hat es sich ergeben, dass er auf drei Songs des Albums mitgespielt hat. Wir haben sogar einen Song, nämlich ‚On That Note‘, zusammen erarbeitet. Auf jeden Fall sehe ich es als eine Ehre, Musiker oder Legenden wie Alex und Joe mit an Bord zu haben.

Wie findest du neben deinen ganzen Unternehmungen/Jobs/Bands immer noch regelmäßig Zeit für Soloalben?

Das ist gar nicht so viel Zeit, wie man vielleicht denkt. Ich suche mir gezielt aus, mit wem ich arbeite. Und die Soloalben sind recht einfach zu gestalten, da ich ja zuhause oder sogar on the road jederzeit meine Ideen umsetzen und aufnehmen kann. Die Software macht es ja heutzutage möglich.

The Mute Gods, The Aristocrats, Joe Satriani, „Borrego“, welche deiner derzeitigen Baustellen ist für dich derzeit am wichtigsten?

Also, die Aristocrats, Joe Satriani und meine Solosachen sind die Hauptgigs. Was nicht heißt, dass andere Bands minderwertig sind. Aber die genannten haben Priorität. Wovon The Aristocrats und die Soloalben meine eigenen Projekte sind, demnach muss der Rang quasi so definiert werden, denke ich mal.

Wie kam es zu dem Gaststpiel bei Zepperella im Juli?

Oh, gute Frage. Das sind sehr liebe Freunde von mir. Ich war da gerade zufällig in San Francisco und die haben mich dann gefragt, ob ich für ein paar Songs mitspielen will. Ich habe natürlich sofort ja gesagt und war dann bei den beiden Gigs dort dabei. Immerhin sind Led Zeppelin ja wie gesagt eine meiner Lieblingsbands.

Dein musikalisches Betätigungsfeld reicht von Nena auf der einen bis hin zu Mike Keneally auf der anderen Seite. Wie geht man als Künstler an solche vom Anspruch doch überaus unterschiedlichen Arbeitsverhältnisse heran?

Naja, das muss ja alles gut gespielt werden. Bei einigen Artists geht es mehr um die Show, bei anderen mehr um musikalische Komplexität. Aber beides muss richtig abgeliefert werden, denke ich. Der Rest ist eine Geschmacksfrage. Aber über die Jahre und mit mehr Erfahrung habe ich definitiv gelernt, zu selektieren. Und das heißt vor allem, sich auf Menschen zu konzentrieren, zu denen man eine gute persönliche Chemie entwickelt.

Gibt es für einen Musiker wie dich so etwas wie Vermittlungsagenturen, oder passiert es schon mal, dass der eine oder andere Act unbedingt Marco Minnemann als Schlagzeuger haben möchte?

Eigentlich Letzteres. Ich habe keine Agentur. Das ergibt sich meist automatisch.

Mit Songs wie ‚Hometown‘ oder ‚A Random Place‘ sind dir ja richtige Ohrwürmer gelungen. Wie denkst du über eine eventuelle Singleauskopplung? Und wen meinst du genau mit „Shame on you …“?

Hahahaha, „Shame On You“ ist ja die letzte Textzeile von ‚A Random Place‘. Der Song erzählt die Geschichte von jemandem, der sich in die Wüste zurückzieht, um von einer schwierigen persönlichen Enttäuschung Abstand zu nehmen. Ich habe das mit dem „Shame On You“ offen gelassen. Es kann an die gegenüberstehende Person adressiert sein, oder an sich selbst. Singleauskopplung? Heutzutage? Ich denke man kann froh sein, wenn man überhaupt noch mehr als ein paar tausend Einheiten verkauft, hahaha.

Was ist passiert, dass du urplötzlich bei Steven Wilson ausgestiegen bist?

Das kam nicht urplötzlich. Es war eher ein wirklich unglückliches Timing. Ich musste da zwischen The Aristocrats, Joe und Steven hin und her jonglieren und dann leider Prioritäten setzen. Tja, und diese Prioritäten fielen dann auf die ersten beiden. Schade eigentlich, waren schon ein paar coole Jahre.

Wie verlief eigentlich damals dein Casting bei Dream Theater?

Oh, diese Frage habe ich so oft schon beantwortet und weiß gar nicht mehr, was ich da sagen soll. Das ist ja schon acht Jahre her. Es war, soweit ich mich erinnern kann, ganz gut. Ich hatte ein paar Songs gelernt und gespielt. Und das hat denen auch sehr gefallen. Aber mir wurde auch klargemacht, dass diese Ban dann auch meine Nummer eins hätte sein müssen. Und ich muss leider zugeben, dass ich nie wirklich diese Band verfolgt hatte. Ich kannte ja auch nur die drei Songs, die mir gegeben wurden. Es war essenziell wichtig für die Band, jemanden zu finden, der zu hundert Prozent hinter dem steht, was sie vermitteln will. Das macht ja auch Sinn.

»Und dann ist da eine Recording Session mit einem Teil der Flower Kings und Pain Of Salvation«

Was steht in deinem sicher vollen Terminkalender für die nächsten Monate?

Schon ein paar Sachen. Ich gehe jetzt erstmal für eine Trio-Tour zusammen mit Mohini Dey am Bass und Rhythm Shaw an der Gitarre nach Indien. Da spielen wir dann auch ein paar von meinen Tracks. Sogar mit Vocals, yayyyyy! Dann ist da eine Recording Session mit einem Teil der Flower Kings und Pain Of Salvation. Und es kommt eine Blu-ray mit Videomaterial und Soundlibrary heraus, die ich zusammen mit Chris Marr und Simon Phillips gemacht habe.

Danke für das Gespräch!

Vielen lieben Dank fürs Interesse und Grüße nach Deutschland!


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Konzertbericht Eddie Jobson, The U-Z Project, 19.08.2011, Zoetermeer (NL), Boerderij
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Über den Autor

Carsten Agthe

-Vermessungsingenieur -Weltenbummler -involviert in: Ornah-Mental, Nostalgia, Vanille & The Woodpeckers, Palin-Drone, Stella Maris, Das Zeichen (RIP), Schl@g, Karmacosmic...

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Marco Minnemann u.a. zu „Borrego“

von Carsten Agthe Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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