Mani Neumeier über „Love and Peace auf der Finki-Wies“

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»Wenn die Leute wüssten, wie wir tatsächlich spielen, hätten wir fünf Mal so viel Publikum«

Er ist das pulsierende Herz der legendären Elektrolurch-Band Guru Guru: Mani Neumeier. Der 76-Jährige steckt mitten in den Vorbereitungen fürs 35. Finkenbach-Festival.

In den 70er-Jahren hat Mani Neumeier mit anderen Band-Mitgliedern von Guru Guru als Kommune in einem Bauernhaus in Finkenbach gelebt. Noch heute wird der kleine Ort im Odenwald alljährlich zum Festival-Dorf und zur Pilgerstätte hunderter Musikliebhaber, die zum Finki Open Air anreisen. Auch das 35. Finki-Festival, das am 11. und 12. August über die Freiluft-Bühne geht, organisiert der „Elektrolurch“ zusammen mit dem örtlichen Fußballverein. Mani wohnt mittlerweile nur ein paar Dörfer weiter. Seine zweite Heimat ist Japan, wo er im Frühjahr wieder auf Tour war. Zum gemütlichen Interview in seinem Garten serviert der Guru Guru-Frontmann passenderweise japanischen Grüntee.

Japan: Das ist eine besondere Verbindung. Ihr habt eine große Fangemeinde in Japan und ihr habt viele Platten dort verkauft. Außerdem warst du der erste deutsche Musiker, dessen Konterfei im Wachsfiguren-Kabinett in Tokio aufgestellt wurde.

Ja, deshalb waren wir damals dort auf Tour mit der Band. Später ging ich mit Damo Suzuki von Can dorthin, dann auch solo, insgesamt war ich schon 20 Mal in Japan. Ich hatte so viele Jazzleute, andere Musiker und neue Freunde kennengelernt, dass ich dort ein zweites Aquarium aufgebaut habe, eine zweite Heimat sozusagen. Auch meine Frau, mit der ich jetzt seit 13 Jahren verheiratet bin, habe ich dort kennengelernt.

Was fasziniert dich so an dem Land?

Es ist vieles besser dort, technisch und auch menschlich. Wir sind Barbaren im Vergleich zu Japanern. Unsere ruppige Ellenbogen-Art, die gibt es dort nicht. Die Leute sind liebenswürdig, hilfsbereit, und es wird oft gelacht. Man ist dort entweder cool oder freundlich, mürrisch gibt es eigentlich nicht. Auch die Kriminalität ist viel geringer. Und das Essen ist gut. Ich neige natürlich dazu, das alles toll zu finden. Klar, es gibt auch Sachen, die nicht so gut sind.

Und wie reagiert das japanische Publikum auf deine Musik?

Super. Erst etwas scheu und vorsichtig, dann gehen sie voll aus sich raus. Sie sind sehr aufmerksam. Vor allem sind viele junge Leute im Publikum. Da kommen Teenies nach dem Konzert mit unseren ersten Platten an und möchten sie signiert haben. Es scheint mir, dass wir auch einiges beeinflusst haben. Die machen ihren eigenen Kram, sind viel experimentierfreudiger und mutiger als hier, wo alles in den Pop-Krallen ist und viele Bands Musik so machen, dass sie möglichst allen gefällt. Mit Guru Guru haben wir nie auf die Masse geschielt, sondern es einfach so gemacht wie wir wollten. Drum ist unsere Musik ja auch so unangepasst.

Das war ja schon von Anfang an so. Hat sich eure Musik im Laufe der fast 50 Jahre trotzdem verändert?

Durch die ganzen Einflüsse ist es natürlich schon volkstümlicher geworden. Für viele ist es immer noch zu schräg, aber in Japan wäre das ziemlich normal. Die meisten denken, wir sind eine sehr schräge Hippie-Gruppe. Wenn die Leute wüssten, wie wir tatsächlich spielen, hätten wir fünf Mal so viel Publikum.

Klebt dieses schräge Etikett noch von früher an euch?

Ja, wenn du einmal in der Schublade drin bist, kommst du nicht mehr raus. Wir sind irgendwo eingereiht bei Psychedelic Rock von ’68 bis ’78, da hört’s dann auf. Die meisten denken, wir sind schon tot oder uns gibt es gar nicht mehr. Wir machen ja auch nicht groß Werbung, dafür ist einfach nicht das Geld da. Wir spielen immer mal wieder und immer gut, sodass die Leute das weitererzählen. Es läuft eigentlich nur, weil wir stark sind und genug Stammpublikum haben, das immer wieder kommt und auch ein paar junge Leute mitzieht. Aber so, wie es zwischen ’68 und ’78 war, dass wir eine der fünf wichtigsten Bands waren, die man gehört haben musste, so ist es nicht mehr. Früher gab es vielleicht 50 Bands, heute gibt es 5000. Das ist alles völlig zugeschüttet, auch von den großen Bands, die international alles überdecken und aufsaugen.

Hättest du denn gern mehr Gigs?

Dieses Jahr haben wir relativ wenig, nach den zwölf in Japan sind noch weitere 20 auf dem Plan. Aber viel mehr würde ich gar nicht wollen. Das wird mir einfach zu anstrengend, weil ich bei jedem Konzert alles raushaue, was irgendwie geht. Immerhin, mit 76 Jahren sind andere längst im Grab oder im Ruhestand. Aber ich will unbedingt spielen, genauso gern wie vor 50 Jahren. Ich genieße es sogar noch mehr, denn man weiß ja nie, was in einem Jahr sein wird.

Das heißt, ans Aufhören denkst du noch lange nicht?

Ich würde gern spielen bis zum letzten Tag! Hoffen wir, dass der Körper und die Laune mitmachen.

Von wegen Rentner im Liegestuhl: Mani will bis zum letzten Tag draufhauen.

Wirst du auch das Finki so lange wie möglich weitermachen?

Ich mache das, solange es irgendwie geht. Danach wird es wahrscheinlich auf eine andere Art weitergehen. Aber ich glaube, es wird sich dann so verändern, dass das alles keinen längeren Bestand hat. Es ist ziemlich schwierig, gute Bands zu einem guten Preis zu holen. Wir können uns ja keine teuren leisten wie andere, große Festivals. Wir haben keine Sponsoren und tragen das finanzielle Risiko selbst. Trotzdem haben wir Qualität und alle sind gut. Ich glaube, wenn ich es mal nicht mehr mache, dass die Leute dann nicht das Wissen oder den Geschmack haben – dann kommen da Coverbands dazu oder die falschen Popper. Wenn du nur eine oder zwei hast, die nicht so gut sind zwischen den anderen, dann fällt das Ganze bereits ab. Da braucht es schon ein Händchen dafür.

Das ist auch etwas Besonderes am Finki: Es bleibt in dieser fast familiären Dimension und wird nicht immer noch größer wie viele andere Festivals.

Das war schon anders! Wir hatten einmal zehntausend Leute, aber da ist es zusammengebrochen. Das ganze Tal war zugestellt mit Autos. Feuerwehr und Notarzt kamen da nicht mehr durch. Deshalb war dann erst mal Schluss für fünf Jahre. Jetzt hat es sich so auf knapp 2.000 Leute eingependelt. Manchmal hatten wir auch zu wenig, nur so 800, dann haben wir draufgelegt. Es ist schwierig, weil der Trend „schneller, höher, weiter“ ist. Aber das ist nur für die Kasse besser, für die Stimmung nicht. Viele Festivals nennen sich ja Woodstock Forever und so ähnlich. Wir haben wirklich das Woodstock-Feeling, nicht von der Größe her, aber vom Geist.


Was macht diesen Woodstock-Geist für dich aus?

Kurz gesagt: Love and Peace auf der Finki-Wies. Es ist einfach relaxter, friedlicher, und es gibt nicht so ein Gerangel, weil alles voll ist. Alle Leute dort, egal wie alt und aus welchen Schichten, sind nett und liebenswürdig drauf.

Das liegt sicher auch am Line-up. Welche Bands hast du dieses Jahr eingeladen?

Jobarteh Kunda ist eine afrikanische Band, die vor einigen Jahren schon mal da war. Ease up ist eine gute Reggae-Band mit einem französischen Sänger. Mit De Wolff kommt ein niederländisches Trio, das ziemlich strongen Psychedelic Hardrock macht, und Kungens Män ist eine schwedische Psychedelic Band. Jack Dupont kennt hier kaum einer, dabei ist das eine ganz tolle französische Psychedelic-Band. Die haben mir sofort gefallen, als ich ein Livevideo von denen gesehen habe. Die Pretty Things sind eine alte englische Band, Gründungszeit wie die Rolling Stones. Sie machen Rock’n’Roll, zum Teil auch psychedelisch. Die hatten wir schon mal vor drei Jahren, die sind knackig und fetzig wie Arthur Brown, der dieses Jahr auch wieder dabei ist: The Crazy World of Arthur Brown, die Superstimme und eine phantastische Band. Und zum Abschluss am Freitag spielt Samsara Blues Experiment, eine junge Gruppe, die sicher einiges von unserem Geist aufgeschnappt hat.

Der Auftritt von Guru Guru> gehört auch zu jedem Finki-Festival dazu. Dieses Jahr spielt Ihr sogar an beiden Tagen in unterschiedlicher Besetzung.

Das eine ist ein neues Projekt mit alten Kumpels von früher, also mit dem Schlagzeuger von Ashra, Harald Grosskopf, und Eberhard Kranemann, der am Anfang bei Kraftwerk dabei war. Die beiden haben ein Duo und jetzt machen wir ein Trio draus für Finkenbach. Das ist unser erster gemeinsamer Auftritt, das wird in Richtung Elektrorock gehen.

Und am Samstag spielt ihr dann in der aktuellen Guru Guru-Besetzung?


Ja, Roland Schaeffer ist ja schon seit 1976 dabei und Peter Kühmstedt auch. Unser neuer Gitarrist ist Jan Lindqvist. Unser Hans Reffert ist ja leider gestorben vor über einem Jahr, er war zehn Jahre in der Band, Musik hatte ich aber schon viel länger mit ihm gemacht. Es ist wieder eine eingespielte, feste Besetzung jetzt. Wir schaffen es, dass der Geist noch nicht versaut ist durch Geld oder Verträge, und das spüren die Leute. Ich hätte sicher schon längst aufgehört, wenn das Publikum nicht so dankbar und so toll wäre.

Surftipps zum Finki, zu Mani und zu Guru Guru:
Finkenbach-Festival
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Guru Guru & M.N. – Homepage
Guru Guru & M.N. – Facebook
ManiPedia

Fotos: Madeleine Wegner (1, 4)
Etsuko Watanabe (2)
Frank Schindelbeck (3, 5, 6)

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Mani Neumeier über „Love and Peace auf der Finki-Wies…

von Madeleine Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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