K’s Choice, 21.03.17, Köln, Stadtgarten

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Gute Wahl


Die Belgier waren schon vor unglaublichen 17 Jahren und sogar noch davor K(laus‘)s Choice. In der Zwischenzeit hatte man sich ein wenig aus den Augen und zumindest zeitweise sogar faktisch aus der Band verloren. Doch ein Lokaltermin erwies, dass Sarah und Gert Bettens inzwischen tatsächlich sogar noch bessere Performer geworden sind. Da werden sie wohl weiter erste Wahl des Rezensenten bleiben.

Um derartig starke Eindrücke zu hinterlassen, benötigen die Geschwister fast nichts: eine Bühne, ein geneigtes Publikum, eine Handvoll Instrumente, dezente Verstärkung – der Sound im Stadtgarten war wieder einmal ein audiophiles Gedicht – mit ein paar Effekten (vom Hall allerdings reichlich), praktisch keine Light Show (umso merkwürdiger, dass ununterbrochen Kunstnebel produziert wurde). Und sie benötigen „RJ“ (Reinout Swinnen)– einen bescheiden vor sich hin lächelnden Glücksgriff an den Keyboards, der schon bei der 2011er-Tour die einzige Live-Unterstützung gebildet hatte. Die sparsamen Arrangements haben den Vorteil, dass es schon verändernde Akzente setzt, wenn beispielsweise Sarah vom Bass zur akustischen Gitarre wechselt. Oder Gert zur Mandoline. Oder wenn er seine Gitarre als Cajon einsetzt. Oder zusätzlich Mundharmonika spielt.

Das Konzert beginnt einigermaßen pünktlich, der Saal ist da schon komplett gefüllt mit einem bunten Mix aus Jung und Alt beiderlei Geschlechts. Und doch sind gefühlt überdurchschnittlich viele „stark“ wirkende Frauen mit Kurzhaarfrisuren anwesend. Und da erscheint ja auch schon Sarah. Exkurs: Eine Studie will vor vielen Jahren einmal herausgefunden haben, dass männliche Zuschauer von den ersten Minuten der Tagesthemen regelmäßig praktisch nichts mitbekommen, weil sie vom Anblick der (damals noch) Moderatorin Anne Will zu geflasht sind, als dass sie noch denkfähig wären, geschweige denn empfänglich für Nachrichten. Exkurs Ende. Der Autor hingegen kann sich natürlich en detail und an jede Sekunde der ersten Songs erinnern, war höchstens davon abgelenkt, dass er ausnahmsweise auch mal wieder fotografieren musste – wie war Ihre Frage nochmal im Mittelteil?

Irgendwann kehrt die Aufnahmefähigkeit wenigstens teilweise wieder zurück: Sarah scheint noch schlanker geworden zu sein, ihre Muskulatur nochmals definierter, die Tattoos wirken zumindest dadurch noch heftiger, falls es nicht auch mehr geworden sind. Ihre Augen scheinen leuchtender, ihre Präsenz noch elektrisierender. Mit Gert sind die Jahre möglicherweise nicht ganz so gnädig umgegangen. Doch letztlich haben bei K’s Choice ja immer schon andere Werte gezählt: die Songs, die Stimmen, die Interpretationen der Lieder anderer Künstler. Und auch davon haben sie etliche Schmuckstücke im „Rucksack“ dabei -die Tour steht ja unter dem Motto des letzten (Unplugged-)Albums „The Backpack Sessions“.

Das intime ‚Say A Prayer‘ ist da ein idealer Einstieg, gefolgt von den Pop-Perlen ‚Favorite Adventure‘ und ‚Perfect Scar‘. Das zauberhafte ‚Always Everywhere‘ wird als späte Entschuldigung der Mutter der beiden gewidmet – dafür, wenig an schwierigem Teenagertum ausgelassen zu haben. Inzwischen ist Sarah selbst strahlend stolze Mutter eines Sohnes, was sich ebenfalls in einem Song abmalt: ‚Along For The Ride‘ ist eine umwerfende Liebeserklärung.

‚Are You Ready To Sing‘ stammt von Gerts Solo-Projekt „Woodface“, passt aber in dieser Version hervorragend zum Programm des Abends. Unterdes wird dem Publikum arg geschmeichelt, da es im Vergleich zu dem der vorherigen Auftritte in den Niederlanden zum einen (nicht völlig freiwillig) steht und zum anderen sehr viel enthusiastischer applaudiere.

Mit einer der bereits erwähnten Coverversionen wird der Applaus noch wärmer: Bei ‚I Can’t Stand The Rain‘ hat man wohl selten das klägliche Tropfen besser hören, ja spüren können. Eine weitere Stärke der Formation ist der innige Kontakt zu den Zuhörern, den die Frontfrau durch ihre trocken-witzigen Ansagen aufbaut. Als bei ‚As Rock & Roll As It Gets‘ ihre Wasserflasche umplumpst, wird dies prompt in eine Zwischenmoderation eingebaut – Rock’n Roll!

Mit dem atemberaubend traurigen, einem verstorbenen Freund aufgetragenen und folgerichtig in Niederländisch beziehungsweise Vlaams gesungenen ‚Blauw‘ entschwinden die drei in eine Pause, die allerdings irritierenderweise fast so lange dauert, wie jedes der beiden Sets.

Der zweite Block beginnt mit ‚Love Yourself‘ – und zur Erklärung wird wieder Sarahs Mutter bemüht: „Da sie mir immer sagt ich ziehe mich an wie ein zwanzigjähriger Bengel, kann ich auch die Songs von einem singen“. Apropos Cover: Sehr stark geriet auch Aretha Franklins ‚You Make Me Feel Like) A Natural Woman‘, das viele auch in der Fassung von Carole King kennen und lieben. Das Eigengewächs ‚Evelyn‘ ist einer jungen Konsumentin harter Drogen gewidmet. Das Auffinden ihrer Leiche hatte die Sängerin in den Jahren stark beeindruckt, in denen sie bei der Feuerwehr arbeitete.

Zu den Zugaben zählte der aus Sarahs Soloschaffen stammende ‚Soldier Song‘ und das völlig unbegleitet gesungene ‚Killing Dragons‘.

PS: Im April erscheint mit „25“ zum gleichzahligen Dienstjubiläum der Formation bei earMusic ein besonderes Best-of-Album. Über die Greatest Hits hinaus wird es die bisher unveröffentlichte Single ‚Resonate‘ und eine neue Version von ‚Not An Addict‘ enthalten, eingespielt mit der wunderbaren Skin von Skunk Anansie. Und im November kehren K’s Choice bereits auf deutsche Clubbühnen zurück.

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Setlist vom 14.03.17
Prähistorischer Konzertbericht: K’s Choice im Dezember 2000 in der Kölner Live Music Hall

Live-Fotos: Klaus Reckert

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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K’s Choice, 21.03.17, Köln, Stadtgarten

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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