
Progressive Rock • Melodic Rock
(12 CD, Vinyl (2LP), Blu-ray; Rhino Records/Warner; 05.02.2026)
Natürlich wendet sich eine so opulente Box vor allem an Hardcore-Fans der frühen Jahre dieser Band. Es soll aber auch wieder jüngere Fans von Yes geben, die allen Unkenrufen zum Trotz immer noch aktiv sind. Live spielt "Tales From Topographic Oceans" bei der Band allerdings nur noch eine kleine Rolle, denn Yes sind seit langem auf einfacheren Pfaden unterwegs, und wenn es mal retro wird, stehen andere Titel im Vordergrund.
Die Zeit von "Tales From Topographic Oceans", also um 1973 herum, war die absolut kreativste Hochphase der Engländer. Nie wieder erreichten sie dieses progressive Niveau (vielleicht noch auf "Relayer"), und auch deshalb waren spätere Aufnahmen zwar kommerziell erfolgreicher, künstlerisch ging es jedoch langsam bergab. Doch wie so vieles im Leben war auch diese Doppel-LP nicht unumstritten. Es gab die Hasser und die totalen Fans. Die Hasser warfen der Band Größenwahn vor, was aus damaliger Sicht auch nicht ganz falsch war. Hatte man sich aber einmal ernsthaft mit dem Werk beschäftigt – was zeitaufwendig war –, so kam man nicht mehr davon los. Natürlich gehörte ich zur zweiten Kategorie.
Über das Album und die Musik lasse ich mich deshalb nicht weiter aus. Es geht hier nur um das gesamte Package.
Zwei CDs mit den remasterten Originalaufnahmen von Eddie Offord sind bereits vor ein paar Jahren einzeln von Bernie Grundman remastered erschienen. Die Klangqualität ist gut und bleibt nah am Original, da kein Remix stattfand.
Zwei CDs mit den Steven-Wilson-Remixes: Der Gesang wird aufgewertet, die Höhen sind besser ausgesteuert, das gesamte Soundbild wird dadurch plastischer und klingt runder. Puristen werden allerdings sagen, es sei nicht mehr „original“. Das ist bei Remixes halt immer so, bietet aber andererseits eine differenziertere Sicht auf das Werk.
Zwei CDs mit den Steven-Wilson-Instrumental-Mixes: sehr interessant, weichen teils deutlich vom Original ab – sowohl vom Instrumentarium als auch von der Länge der Tracks.
Drei CDs mit Rarities: Single Edits und lange Work-in-Progress-1-Versionen, die ebenfalls teils erheblich von den Originalversionen abweichen. Beim Gesang erkennt man deutlich, dass auch Jon Anderson nur mit Wasser kocht und auf diesen frühen Versionen einen durchwachsenen Eindruck macht. Bei den WiP-2-Versionen kommen sie instrumental dem Endziel schon wesentlich näher, aber die Stimme von Anderson bleibt weiterhin ausbaufähig. Vielleicht für viele gerade deshalb interessant.
Eine CD live in Manchester und Cardiff: Ende 1973 aufgenommen und klanglich in Ordnung. Die Stimme von Jon Anderson ist hier wesentlich besser als auf den Work-in-Progress-1- und -2-Versionen.
Zwei CDs live in Zürich: Erstveröffentlichung. Im April 1974 aufgenommen, klingen die Aufnahmen ordentlich. Es geht hier aber auch nicht um HiFi-Klang, sondern um die Möglichkeit, die Band auf diversen Tourneen in verschiedenen Ländern live zu hören – mitsamt ihren stetigen Veränderungen in den Longtracks. Dazu kommen mit 'And You And I' und 'Close To The Edge' zwei weitere absolute Topklassiker der Band, die teils sehr frei interpretiert werden. Eine interessante Erfahrung.
Eine Blu-ray mit allen vier Titeln: Dolby-Atmos-Mix, 5.1-Mix DTS-HD MA, Stereo-Remix, Stereo-Remaster, Instrumental-Mix. Meine Blu-ray-Anlage ist leider nicht so hochwertig, und dennoch höre ich die Songs in völlig neuen Dimensionen.
Zwei LPs mit dem remasterten Originalalbum von Bernie Grundman, analog zu den beiden ersten CDs. Gute Pressung, sehr wertig.
Da der Preis (Achtung: unbedingt bei den deutschen Shops vergleichen, es bestehen enorme Preisunterschiede) für das hochwertige Paket durchaus angemessen ist, sollte sich der Fan dieses damaligen Doppelalbums nicht vor der Ausgabe scheuen. Die Box ist natürlich noch mit weiteren interessanten Infos versehen, einigen raren Fotos und den kompletten Texten.
Lohnt sich auf jeden Fall für echte Fans einer der größten Progbands. Meine Bewertung bezieht sich natürlich auf die Musik, aber auch die Box verdient ein Extralob. Einzig und allein Jon Anderson bleibt mir ein Rätsel mit seinen schwankenden Gesangseinlagen.
Bewertung: 15/15 (MC 15, JM 15)
Lineup:
• Rick Wakeman - keyboards
• Alan White - drums
• Jon Anderson - vocals
• Steve Howe - guitars
• Chris Squire - bass
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Abbildungen: Yes

