Archive – Super8

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Archive - Super8 (Dangervisit/[PIAS], 27.05.22)(46:25; CD (als Teil der “Call To Arms & Angels” Deluxe Edition), Digital; Dangervisit/[PIAS], 2022)
Ob man einen Dokumentarfilm über die Entstehungsgeschichte eines Albums machen muss, das sei mal dahingestellt. Ob dessen Filmmusik dann auch noch veröffentlicht werden muss, ist mindestens genauso fraglich. Dass dieser Score dann aber von der gleichen Band geschrieben und eingespielt worden ist wie das Album, das begleitet wird, das hat schon etwas Außergewöhnliches. Und dass gerade das Londoner Kollektiv Archive auf diese glorreiche Idee gekommen ist, das verwundert kaum, wenn man die Band kennt.

Einen solchen Score ganz unabhängig vom Medium Film zu beurteilen, verbietet sich eigentlich. Sollte aber dennoch spätestens dann getan werden, wenn dieser Score auch als eigenständiges Medium verkauft wird. Denn selbst wenn eine Filmmusik es perfekt versteht, einen Film zu untermalen, begleiten und über sich selbst hinaus wachsen zu lassen, so kommt es doch vor, dass er nicht oder nur sehr unzulänglich ohne bewegte Bilder bestehen kann.

Nachdem “Super8” schon als Bonus-CD der Special-Edition von “Call To Arms & Angels” beigelegen hatte, ist der Score zum Dokumentarfilm “Super8: A Call To Arms & Angels” am 27. Mai 2022 nun auch endlich auf allen Streaming-Plattformen erschienen. Dabei handelt es sich um zehn größtenteils instrumental gehaltene Stücke, die gemeinsam mit Songfragmenten aus dem aktuellen Studio-Album sowie Kommentaren der beteiligten Musiker die Tonspur des Filmes bilden.

Führt man sich den gut anderthalbstündigen Dokumentarfilm zu Gemüte, so zeigt dieser ein Antlitz, das man so nur von Musikvideos kennt, wenn überhaupt. Denn Score und Bilder verschmelzen hier zu einer so eng aufeinander abgestimmten Einheit, dass man kaum dazu imstande ist, zu beurteilen, was zuerst entstanden ist. Beats passen zu den Schnitten, das Tempo der Musik zu den Bewegungen der Bilder. Oder sind es die Bilder, die zur Musik passen? Und auch die Übergänge zwischen den neuen musikalischen Elementen, den Fragmenten der bereits bekannten Stücke von “A Call To Arms & Angels”, verlaufen so nahtlos, das man oft nicht genau weiß, ob es sich gerade um Neues oder Bekanntes handelt. Ein Film wie ein Gesamtkunstwerk. Und egal, ob man dieses nun braucht oder als vernachlässigbar bewertet, so ist sein Soundtrack doch allen Anforderungen gerecht geworden, die man an einen solchen stellen kann.

Ohne Bilder dagegen haben es die zehn Stücke schon deutlich schwieriger. Doch auch wenn die Musik ohne Begleitung nicht mehr ihre volle Wirkung entfalten kann, so ist dieser Score um Längen unterhaltsamer als viele andere Filmmusiken. Gerade weil es hier kein zentrales Thema gibt, das im Mittelpunkt der Aufnahmen steht. So handelt es sich bei “Super8” nämlich um zehn gleichberechtigte Stücke, die auf eigenen Beinen stehen und die qualitativ ein ähnliches Niveau aufweisen.

Dabei setzen Archive vor allem ihre elektronischen Stilmittel ein, sodass sich “Super8” musikalisch zwischen den Genres Ambient und Downtempo bewegt. Elemente, die schon immer in der Musik der Engländer vorhanden waren, aber auf diese gebündelte Art und Weise noch niemals auf Tonträger gebannt worden sind. Ein Album, das aber v.a. in den leisen Zwischentönen der Experimentierfreude der regulären Studio-Alben in nichts nach steht. Stücke wie die erste single ‘Super8’, die eher mit den Chill-Out-Areas der Elektronic-Clubs kompatibel zu sein scheinen als mit den musikalischen Erwartungen der Fans von “You Look All The Same To Me” oder “Controlling Crowds”. Und auch wenn man sich zu den meisten der Stücke nur im Zeitlupentempo bewegen kann, so haben Lieder wie das sanft-treibende ‘Night People’ doch großes Tanzflächenpotential.

Gesamtwertung: 12/15 Punkten (FF 12, KR 9)
• als Score: 14/15 Punkten
• als eigenständige Veröffentlichung: 10/15 Punkten

Archive, 31.10.19, Köln, E-Werk 00

Diskografie (Studioalben & Soundtracks):
“Londinium” (1996)
“Take My Head” (1999)
“You All Look The Same To Me” (2002)
“Michel Vaillant” (2003)
“Noise” (2004)
“Lights” (2006)
“Controlling Crowds” (2009)
“Controlling Crowds – Part IV” (2009)
“With Us Until You’re Dead” (2012)
“Axiom” (2014)
“Restriction” (2015)
“The False Foundation” (2016)
“25” (2019)
“Call To Arms and Angels” (2022)
“Super8” (2022)

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Interview: Darius Keeler About “Call To Arms & Angels”, Genres, Influences & Red Lines (2022)
Interview: Darius Keeler über “Call To Arms & Angels”, Genres, Einflüsse und Rote Linien (2022)
Rezension: “Call To Arms & Angels” (2022)
Rezension: “Versions: Remixed” (2020)
Rezension: “Versions” (2020)
Rezension: “25” (2019)
Konzertbericht: 31.10.19, Köln, E-Werk

Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von [PIAS] zur Verfügung gestellt.ellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

1 Kommentar

  1. Der SchoTTe am

    Hey FLOHFISH, ich liebe dieses britische Kollektiv seit Londinium, vor allem aber weil sie nicht in einem Format denken und handeln. Das ist sehr zeitgemäß und das können sie gut mit der Ausrichtung ihre zeitlosen Kompositionen !! Künstler diesen Formats können visuelles gut vertonen, Beispiel dazu ist auch Lisa Gerrald von Dead Can Dance !! Mit Michel Vaillant haben sie schon mal ein Spielfilm vertont. Den Film kann ich jedem Fan der Archivisten sehr empfehlen !! Schön das du dieses ungewöhnliche Format so prima aufbereitet hast !! Rhythmische Grüsse vom SchoTTen

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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