Trentemøller – Memoria

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Trentemøller – Memoria (In My Room, 11.02.22)

Credit: Dora Duna

(1:12:10; Vinyl-2LP, CD, MC, Digital; In My Room (= Eigenveröffentlichung), 2022)
Während sich andere Webseiten und Magazine wie verkrampft an der Reinform des Progressive Rock festkrallen, agiert BetreutesProggen.de schon seit seinen Anfangstagen weit über dieses Schubladen-Denken hinaus. Ganz getreu dem Motto: Assistants Sans Frontières.

Und so wagen wir auch heute wieder einmal den Blick über den Tellerrand und wenden uns einem Künstler zu, der bisher vornehmlich in der Rave- und Elektroszene für Aufmerksamkeit gesorgt hat: Anders Trentemøller. Doch wer sich schon einmal auch nur in Ansätzen mit den Arbeiten des Dänen beschäftigt hat, der wird festgestellt haben, dass dem Künstler das Festhalten an Genre-Grenzen genauso befremdlich sein muss wie uns Betreuern. Denn die Tage, zu denen Trentemøller noch lupenreine, Club-freundliche Minimal Music fabriziert hat, die gehören längst der Vergangenheit an. Und so mauserte sich der Musiker über die Jahre zu einem Künstler, dem die Indie-Szene mittlerweile genauso huldigt wie einst das Elektro-Volk.

Und auch “Memoria”, das mittlerweile sechste Album Trentemøllers setzt diesen Trend des Genre-sprengenden Ansatzes fort. Und das, obwohl es sich bei dem Album eigentlich um eine sehr stringente Angelegenheit handelt, denn die gesamten, mehr als 70 Minuten Spielzeit umfassende Platte kann ohne Umschweife als Dream-Music beschrieben werden. Es ist ein Klangbild, welches auch sehr gut d’accord mit dem Titel der Scheibe geht. So steht “Memoria” in der Rhetorik nämlich für eines der fünf Reproduktionsstadien einer Rede und beschreibt das Auswendiglernen mittels Mnemonik, das heißt, mithilfe von Gedächtnisstützen, die dazu dienen, dass sich Geschichten entfalten können. Und so sind die 14 Stücke so etwas wie traumartige Sequenzen, die im Erfolgsfall dazu dienen, vom Hörer zu einer vollwertigen Geschichte zusammengesponnen zu werden.

Unterstützt wird Trentemøller dabei von seiner langjärigen Kooperations-Partnerin Lisbet Fritze, deren Stimme sich mit den verschiedenen Melodien zu einem wundervollen tran­s­zen­den­talen Gesamtbild verflechtet.

Dabei sind die einzelnen Sequenzen stilistisch so eigenständig, wie sie in ihrem Zusammenspiel einheitlich klingen. Denn Anders Trentemøller hat mit “Memoria” einen musikalischen Bogen gespannt, der die Hörerschaft durch so unterschiedliche Genres wie Dream Pop, Shoegaze und Post Rock, über Rave und Minimal Techno, bis hin zu Noise Rock und Krautrock leitet. Und obwohl die einzelnen Stücke niemals ineinanderübergehen, gelingt es Trentemøller, das Album in einem Zustand des Costant Flux zu erhalten. Es ist wohl seinen Fähigkeiten als DJ geschuldet, dass sich die unterschiedlichen Stile kaum merklich die Klinke in die Hand geben und man sich schneller auf neuem musikalischen Terrain befindet und wohlfühlt, als man es selbst wahrzunehmen vermag. Der kompositorische Begriff Movements erfährt hierdurch eine ganz eigene Interpretation.

Natürlich muss man einem Album wie “Memoria” mit Aufgeschlossenheit begegnen, doch sollte es vor allem für Anhänger des Post Rock noch nie so einfach gewesen sein, sich auch einmal auf elektronische Tanzmusik einlassen zu können. Denn “Memoria” ist ein kleines Meisterwerk, das Genres miteinander verflechtet, die für viele bislang einfach nicht zusammengehören.
Bewertung: 13/15 Punkte

Besetzung:
Anders Trentemøller (All Instruments)

Gastmusiker:
Lisbet Fritze (Vocals)

Diskografie (Studioalben):
“The Last Resort” (2006)
“Into the Great Wide Yonder” (2010)
“Lost” (2013)
“Fixion” (2016)
“Obverse” (2019)
“Memoria” (2022)

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von HFN Music zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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Trentemøller – Memoria

von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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