Kyros – Recover

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Kyros – Recover (White Star Records, 20.08.21)(50:55, Digital, CD, White Star Records, 2021)
Der ein oder andere mag sich beim Anblick des Namens Shelby Logan Warne die Augen und nach dem ersten Hören von “Recover” auch die Ohren reiben, denn Kyros‘ neue Sängerin klingt stimmlich haargenau so wie ihr Vorgänger. Eine Tatsache, die kaum verwunderlich ist, handelt es sich bei den beiden ja auch um die gleiche Person. Denn Shelby Logan Warne ist transgender und hat sich erst vor wenigen Monaten geoutet.
Ansonsten verläuft alles wie gewohnt im Hause Kyros: das Londoner Quartett spielt noch immer die Mucke, auf die sie am allermeisten Bock hat; sprich modernen Progressive Rock im Soundgewand der 80er Jahre. Dies gilt insbesondere für “Recover”, denn dieses Album ist eine Compilation von Cover-Versionen, vorwiegend von Künstlern aus dem Bereich des Progressive Rock, und insbesondere von Stücken aus den 80er Jahren. “Recover” ist allerdings kein gewöhnliches Cover-Album, sondern, genau wie sein Vorgänger “Celexa Streams”, eine Sammlung von Live-Aufnahmen, die die Musiker während des Lockdowns in ihren isolation Sessions aufgenommen haben. Dabei beschränken sich Shelby Logan Warne, Joey Frevola, Peter Episcopo und Robin Johnson jedoch nicht einfach nur auf Lieder ihrer größten musikalischen Einflüsse. Sondern sie peppen die Mixtur von 80er Prog-Größen wie Genesis und Rush durch Stücke aktueller Künstler wie Devin Townsend, Sordid Pink und Haken auf.

Zudem wird die Sammlung um Stücke erweitert, die im Original allenfalls als Art Pop bezeichnet werden können, durch Kyros jetzt aber zumindest einen progressiven Anstrich erfahren haben, wie beispielsweise Imogen Heaps ‘Closing In’.

Dass bei der Umsetzung der einzelnen Stücke der Faktor Spaß im Mittelpunkt stand, das ist beim Hören der zehn Titel unverkennbar. Denn “Recover” ist keine detailgetreue Eins-zu-Eins-Umsetzung der Originale, sondern eine Reproduktion, die dem Wesen von Kyros mindestens genauso nahe steht, wie dem der Originale. Sprich, man hat bei fast allen Stücken die Songstruktur intakt gelassen, diese jedoch um den Kyros-typischen Synthie-Prog aufgetunt.
Stilistisch doch recht unterschiedliche Stücke wie beispielweise Hakens ‘The Good Doctor’ und ‘Behind The Lines’ von Genesis machen hierdurch plötzlich den Anschein, als stammten sie wirklich von der gleichen Band. Natürlich werden die unterschiedlichen Härtegrade der beiden Lieder auch bei Kyros deutlich, aber dem homogenen Gesamteindruck der Sammlung tut dies keinen Abbruch. Wer da noch sagt, dass Collins und Co. nach dem Abgang von Hackett nichts Progressives mehr zustande gebracht hätten, der wird spätestens in diesem Compilation-Kontext eines Besseren belehrt. Denn in direktem Vergleich zu der Interpretation von Devin Townsends ‘The Fluke’ gewinnt die Genesis-Version die Progressive-Krone. Wahrscheinlich, weil das Lied auf einmal in einem ähnlichen 80er-Jahre-Klanggewand daherkommt, in das das Original des “Duke”-Stückes schon immer gehüllt war.

Erwähnenswert ist zudem, dass Kyros für zwei ihrer Stücke Gastmusiker gewinnen konnten, wobei, neben Ihlos Andy Robison, mit John Mitchell und Ray Hearne sogar zwei Künstler mit am Start sind, die auch an den Originalen beteiligt waren.

Letztendlich ist “Recover” also eine Ansammlung von Live-Covers, die man zwar nicht unbedingt sein Eigen nennen muss, die den Freunden der Originale jedoch auch nicht den Tag vermiesen wird. Denn “Recover” macht, wie fast alles von Kyros, unwiderstehlichen Spaß. Zumindest für Fans der Band also ein empfehlenswertes Werk, das tiefe Einblicke in Einflüsse und Vorlieben der Musiker gewähren lässt.
Bewertung: 10/15 Punkte (FF 10, KR 11)


Tracklist:
1. ‘Behind The Lines’ (Genesis) (5:40)
2. ‘Force Ten’ (Rush) (4:36)
3. ‘Under My Skin’ (Jukebox The Ghost) (3:41)
4. ‘The Fluke’ (Devin Townsend) (5:54)
5. ‘Closing In’ (Imogen Heap) (4:42)
6. ‘FU’ (Sordid Pink) (4:25)
7. ‘Heartstrings’ (Frost*) (6:08)
8. ‘Where’s My Thing?’ (Rush) (6:12)
9. ‘The Good Doctor’ (Haken) (4:04)
10. ‘Because of You’ (Giraffe) (5:33)

Besetzung:
Shelby Logan Warne (Lead vocals and keyboards)
Joey Frevola (Guitar)
Peter Episcopo (Bass guitar)
Robin Johnson (Drums)

Gastmusiker:
John Mitchell (Track 7)
Ray Hearne (Track 9)
Andy Robison (Track 9)

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Rezension: “Celexa Streams” (2021)
Rezension: “Vox Humana” (2016)
Konzertbericht: Synaesthesia, 27.09.15, Köln, Essigfabrik

Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Incendia Music zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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Kyros – Recover

von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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